Glosse: Postfaktische Kanzlerin

Da sage noch einer, wir könnten keine Fremdwörter mehr! Sogar ein lateinisches darf sich seit kurzem akzeptiert fühlen, zumal es durch sein schlagartiges Auftreten den Eindruck erweckt, ein alter Kumpel in unserem Wortschatz zu sein. Dabei steht „postfaktisch“ noch nicht einmal im Duden, jedenfalls nicht in der uns vorliegenden 24., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage von 2006. Trotzdem hat es sogar die Bundeskanzlerin verwendet, als sie ihr „Wir schaffen das“ reumütig-rührselig in die Restmülltonne „Geschwätz von gestern“ trat, um ihrem postfaktischen Gefühl Ausdruck zu verleihen, wir würden „aus der aktuellen Phase“ besser herauskommen als wir hineingegangen sind. Wenn aber die Fakten ihre politische Schuldigkeit getan haben und ins postfaktische Nirwana verschwinden, was wird dann aus der normativen Kraft des Faktischen, die im „Basta“ Gerhard Schröders und im „Alternativlos“ Angela Merkels ihren niederschwelligsten Ausdruck fand? Oder weniger speziell gefragt: Was wird aus der Bertelsmann-Stiftung, wenn wir ihre zahllosen Studien an unserer postfaktischen Gefühlsduselei abperlen lassen? Auch die Otto-Brenner-Stiftung wird an einer sensorischen Neuausrichtung nicht herumkommen. Daran kann auch ihre Studie zur Wirkung der Fernsehsatire nichts ändern. Sie leiste, hat sie herausgefunden, einen posi-, vielmehr negativen Beitrag zur Politikverdrossenheit. Denn die Allesdürferin, wie wir die Satire nach Tucholsky nennen wollen, erhöht den Freudeanteil in unserem Verhältnis zur Politik und ihren Machern. Oliver Welke, Chef der Schenkelklopfsendung „heute show“, hat also größte Chancen, zum postfaktischen Wahlkampfmanager im Team Merkel aufzusteigen. Obwohl: Wahlkampf und Merkel sind ein Widerspruch in sich. Gefühlt ist sie schon jetzt die nächste Kanzlerin. Tatsache. Bernhard Huber

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