Geplatzte Blasen

Von Reinhard Nixdorf

„Bei der Börse muss man sich so verhalten wie beim Baden im kalten Wasser: Hineinspringen und rasch wieder heraus!“ – Bestätigt sich dieser Ratschlag des legendären Bankier Rothschild in diesen Tagen? Denn die Kurse sind wieder einmal ins Schlingern geraten und Anleger fragen sich, ob sie ihre Aktien verkaufen oder diese behalten und auf bessere Zeiten warten sollen.

Am Dienstag gab es an den deutschen Börsen einen Einbruch – nachdem die Aktienkurse in den vergangenen fünf Jahren fast kontinuierlich gestiegen und der Deutsche Aktienindex Dax sich fast verdreifacht und diese Woche für kurze Zeit sogar die 7 000-er Marke übersprungen hatte. Ursache war ein Börsencrash mittleren Ausmaßes in China, der auch die Kurse in Europa ins Rutschen brachte. Der Dax verlor fast drei Prozent und bezog seine neue Position weit unter der 7 000-er Marke. Wie sich der weitere Kursverlauf entwickeln wird, ob in China eine Spekulationsblase geplatzt ist oder ob es bloß eine markttechnische Korrektur gegeben hat, das wird sich in nächster Zeit klären.

Mancher Anleger wird sich erneut in seiner Ansicht bestätigt fühlen, die Börse sei ein spiegelglattes, unberechenbares Parkett und lohne höchstens kurzzeitiges Investieren, wie dies der alte Bankier Rothschild empfohlen hatte. Dabei liegt der tiefe Fall des Neuen Marktes, der vielen Anlegern noch im Magen liegt, gerade an diesem kurzfristigen Anlageverhalten. Was waren das für Zeiten, als Manfred Krug und Co. im Fernsehen für die Telekom-Aktie warben! „Wer will noch mal, wer hat noch nicht?“ prasselte es zwischen 1998 und 2001 auf die Bürger ein: Aktien seien die beste Geldanlage und wer vor ein paar Jahren sein Sparbuch gegen Wertpapiere eingetauscht habe, verfüge nun über satte Gewinne. Der Sparbuchbesitzer schaue dagegen in die Ofenröhre und habe mit seiner Verzinsung gerade einmal die Inflation ausgeglichen.

Da wollte natürlich niemand der Dumme sein: Aktien wurden gekauft und verkauft, was das Zeug hielt: Internet-Unternehmen, die bislang keine müde Mark Gewinn gemacht hatten, wurden allein schon aufgrund ihrer Versprechungen höher gehandelt als manche eingeführte Firma. Die Aktien des Neuen Marktes schossen wie die Feuerwerksraketen in den Geldhimmel, mancher Anleger erlebte den Aktienboom wie den legendären Goldrausch von Alaska: Denn wegen des Kursanstiegs ließen sich die gerade erst gekauften Aktien gleich wieder gewinnbringend weiterverkaufen.

Natürlich gab es Stimmen, die warnten, hier werde ein riesiger Luftballon aufgeblasen, der bald platzen müsse – und hatte nicht Altmeister André Kostolany schon immer gesagt, wer zocken wolle, der müsse ins Casino gehen? Aber wer wollte schon bei steigenden Aktienkursen auf solche Spielverderber hören? Kaufen und verkaufen – einsteigen und gleich wieder aussteigen –, das schien für viele Anleger das Rezept zu sein, um rasch und gefahrlos an das schnelle Geld zu kommen: „Mein Haus, mein Pferd, mein Auto!“

Bis die Spekulationsblase platzte. Das System ist nämlich noch nicht erfunden, bei dem jeder ohne Risiko reich werden kann, ohne dafür arbeiten zu müssen. Und wenn Unternehmen am Neuen Markt die Gewinnerwartungen nicht mehr erfüllten – und davon gab es spätestens seit dem 11. September eine ganze Menge –, dann stießen die Anleger ihre Papiere eben nach altbewährter Manier wieder ab. Bloß gelang es nun den wenigsten von ihnen, dabei noch Gewinne zu erzielen. Also platzte die Spekulationsblase und der Neue Markt verwandelte sich unversehens in ein Verlustgeschäft.

Vielleicht wäre der Crash des Neuen Marktes milder ausgefallen, wenn sich viele Anleger nicht vom Glanz des schnellen Geldes geblendet hätten. Wenn sie nicht in ihrer Geldgier heute Aktien gekauft und morgen verkauft hätten. Dann wäre die Spekulationsblase erst gar nicht entstanden und niemand hätte Geld verloren. Der Besitz von Aktien lohnt sich nämlich auch längerfristig: Indem man von ihren Dividenden profitiert. Und da sieht die Situation gar nicht so schlecht aus: Derzeit wetteifern die Konzerne mit Spitzendividenden für ihre Anteilseigner. Allein von den dreißig Gesellschaften des Deutschen Aktien-Index werden 25 in diesem Jahr die Ausschüttungen erhöhen. Von den übrigen Unternehmen werden vier die Dividenden nicht verändern, nur ein einziges seine Dividende voraussichtlich streichen. Besonders groß sind die Dividenden bei den Banken, die jetzt die Krise zu Beginn des Jahrzehnts überwunden haben: Dort gibt es Dividendensteigerungen in Höhe von fünfzig und sechzig Prozent.

Denn die Dax-Unternehmen konnten ihre Gewinne im vergangenen Jahr um durchschnittlich 28 Prozent steigern. Schon in den Vorjahren haben sie gut verdient, mit den Erträgen ihre Schulden bezahlt und ihre Bilanzen saniert. Also können sie jetzt auch Gewinne an ihre Anteilseigner ausschütten. Höhere Dividenden sind Anreize für den Sparer, sein Geld dem Aktienmarkt längerfristig anzuvertrauen. Wenn sich an den Börsen aber wieder ein längerfristiges Anlageverhalten durchsetzt, kann das ein Schritt zu einer neuen Aktienkultur sein, die durchsetzt, was die Funktion der Börse ist: Unternehmen und Investoren, Arbeit und Kapital, zusammenzubringen, damit die Finanzen bereit stehen, die Firmen brauchen, um ihre Ziele zu erreichen. Wer stattdessen lieber heute Aktien kauft und morgen verkauft, für den dürfte der jüngste Crash nicht der letzte Denkzettel sein.

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