Gastkommentar

Verstörende Marx-Bilder

Bilder sagen mehr als 1.000 Worte: Es wäre eher ein Zeichen der Souveränität gewesen, wenn Kardinal Marx das überlebensgroße Denkmal seines Namensvetters in Trier durch eine kleine Bibel dekonstruiert hätte.
Karl-Marx-Statue in Trier
Foto: Peter Schickert via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Karl Marx, der scharfe Gegner des Kapitalismus, propagierte als Revolutionär die Diktatur des Proletariats. Unter Berufung auf ihn sind Jahrhundertverbrechen begangen worden.

Die Volksrepublik China, die sich weiterhin auf die marxistische Ideologie beruft, hatte Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx, am 5. Mai 2018 zur Wiederkehr seines 200. Geburtstages, eine monumentale, fast fünf Meter hohe Bronzestatue geschenkt. Die Stadt nahm die umstrittene Gabe für ihren berühmtesten Sohn an und stellte sie in der Nähe der Porta Nigra auf, dem Wahrzeichen Triers. Proteste blieben nicht aus. Reinhard Marx, von 2001 bis 2008 Bischof von Trier, seither Bischof von München und Freising und seit 2010 Kardinal, würdigte seinen Namensvetter seinerzeit als großen Denker.

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Aussöhnen von Christentum und Marxismus

Das ist nur die halbe Wahrheit, denn Karl Marx, der scharfe Gegner des Kapitalismus, propagierte als Revolutionär die Diktatur des Proletariats. Unter Berufung auf ihn sind Jahrhundertverbrechen begangen worden. Wissenschaftler streiten darüber, ob diese in der marxistischen Ideologie angelegt waren. Nun hat Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz von 2014 bis 2020, seine einstige Wirkungsstätte im ältesten Bistum Deutschlands besucht, sich dabei auf dem Sockel vor der Statue niedergelassen und das symbolhafte Bild verbreiten lassen. Es mutet etwas befremdlich an – wie ein Aussöhnen von Christentum und Marxismus, ob gewollt oder nicht. Keineswegs nur Gläubige stellen die Frage: War er bei seinem Tun vom Heiligen Geist verlassen? Kardinal Marx, selber Autor eines Buches „Das Kapital“, weiß ganz genau, dass Karl Marx die Religion als Opium des Volkes verunglimpft hat.

Bilder sagen mehr als 1.000 Worte, haften im Gedächtnis. Wäre es nicht eher ein Zeichen der Souveränität gewesen, das überlebensgroße Denkmal durch eine kleine Bibel in der Hand des Kardinals zu dekonstruieren? In der heutigen Zeit des Ikonoklasmus hätte das eine Signalfunktion gehabt: einerseits kein Zerstören des Denkmals, andererseits zugleich ein Relativieren seiner Größe – im doppelten Sinne.

Der Autor ist Extremismusforscher und war bis 2014 Professor für Politikwissenschaft an der TU Chemnitz

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