Vechta

„Es gibt noch Volkskirche“

Am Sonntag wird in Niedersachsen gewählt. Das Südoldenburger Land gilt seit jeher als Keimzelle des politischen Katholizismus.
Geburten in Mecklenburg-Vorpommern
Foto: Waltraud Grubitzsch (dpa-Zentralbild) | Der Landkreis Vechta nimmt seit Jahren Spitzenpositionen bei der Geburtenentwicklung ein.

Der „Löwe von Münster“ kommt von hier. Bischof Clemens Graf von Galen wuchs auf der Burg Dinklage im Südoldenburger Land auf, dem Stammsitz seiner Familie. Sein Vater, Ferdinand Heribert Graf von Galen, saß viele Jahre für die katholische Zentrumspartei im Reichstag und setzte mit dem  „Antrag Galen“, in dem er sich unter anderem für Einschränkungen der Kinderarbeit und den Sonntagsschutz stark machte, den Anfang für eine profilierte Sozialpolitik seiner Partei im Kaiserreich. Bruder Franz gehörte später dem preußischen Landtag an und legte 1933 sein Mandat nieder, weil er als einziger Zentrumsabgeordneter nicht für das Ermächtigungsgesetz stimmen wollte.

Geist der Heroen prägte Lebensgefühl der Menschen 

Hört man Michael Hirschfeld, einem Experten für die Geschichte der Region zu, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass der Geist dieser Heroen des politischen und sozialen Katholizismus durchaus noch präsent ist. Er hat das Lebensgefühl der Menschen geprägt. In gewisser Weise zeigt sich das immer noch an den Wahlergebnissen. Die CDU hat seit jeher hier eine Hochburg. Bei der Bundestagswahl holte Sylvia Breher mit 49 Prozent im Wahlkreis Cloppenburg-Vechta das Direktmandat.

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Freilich ist das mit Blick auf frühere Zeiten ein eher schwaches Ergebnis. In den Hochzeiten fuhr hier Manfred Carstens Ergebnisse über 70 Prozent für die CDU ein (1983: 74, 8 Prozent, und auch noch 2002: 62,2 Prozent). Und auch bei der letzten Landtagswahl holte Stephan Siemer das Mandat mit 60,2 Prozent mit großem Vorsprung.

Spuren des Katholizismus

Gleichwohl, so macht Michael Hirschfeld deutlich, die alte Devise, man könne auch einen schwarzen Besenstiel aufstellen und er würde gewählt, gelte so nicht mehr. Der 51-Jährige lehrt als außerplanmäßiger Professor an der Universität Vechta und ist dort Direktor des Instituts für Regionalgeschichte und Katholizismusforschung.

Der Historiker, der auch am Gymnasium Lohne Deutsch und Geschichte unterrichtet, ist sich sicher, die Prägung durch den politischen und sozialen Katholizismus hat in den Region Spuren hinterlassen und ein Lebensgefühl mitgeformt, das auch jenseits parteipolitischer Grenzen hinweg erkennbar sei.

Kirche und ihre Verbände sind noch immer zentrale Player

So kann Hirschfeld denn auch gleich eine Anekdote von einem SPD-Politiker beisteuern, der etwa stark durch seine Mitarbeit in der Pfadfinderschaft geprägt worden sei. Die Kirche und ihre Verbände sind im Oldenburger Land noch immer zentrale Player. Hirschfeld macht es an verschiedenen Punkten fest: Da sei zunächst einmal ein ausgeprägter Familiensinn. „Mit meinen drei Kindern fällt man fast schon auf“, scherzt der 51-Jährige. Und zwar nicht, weil er damit über dem Durchschnitt läge.

Der Landkreis Vechta nimmt seit Jahren Spitzenpositionen bei der Geburtenentwicklung ein. 2017 gab es etwa ein Bevölkerungswachstum von 3,6 Prozent. 1 131 Menschen starben, aber 1 547 Kinder kamen zur Welt. Damit „läge der Kreis selbst in Afrika in der Spitzengruppe, weit vor Ländern wie Angola oder Nigeria“, stellte das „Handelsblatt“ 2019 erstaunt fest. Michael Hirschfeld führt diese Entwicklungen auf feste soziale Strukturen zurück. „Hier gibt es schon noch so etwas wie Volkskirche“, betont der Historiker.

Glauben pägt das Leben

Gewiss, der Missbrauchsskandal habe Spuren hinterlassen. Aber katholische Verbände wie Kolping, die KAB oder eben die Pfadfinder seien immer noch zentrale Faktoren im sozialen Zusammenleben. „Wie sehr der Glauben das Leben noch prägt, zeigt sich etwa im Umgang mit dem Tod“, berichtet Hirschfeld.

Wenn jemand sterbe, so sei es selbstverständlich, dass die Menschen am Nachbarschaftsgebet teilnehmen, das am Abend vor der Beerdigung stattfindet. „Dann kommen auch diejenigen, die vielleicht nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen.“ Aber die Prägung ist da. Und so ist das Südoldenburger Land vielleicht nicht mehr so schwarz wie zu Galens Zeiten, aber die Grundierung sticht immer noch hervor.

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