Russlands Außenminister Lawrow

Er zieht das Schwert dem Degen vor

Sergej Lawrows dreiste antisemitische Rhetorik bedient gezielt den Antisemitismus in Russland und bei Putin-Missverstehern am rechten Rand.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow
Foto: Maxim Shipenkov (Pool EPA/AP) | Charme ist ihm selten unterstellt worden. Wahrheitsliebe auch nicht: Russlands Außenminister Sergej Lawrow.

Seit 18 Jahren dient er nun Russland – präziser: Putin – als Außenminister. Ein „Chefdiplomat“ ist Sergej Lawrow nie geworden; er legt seine Amtsführung klassisch sowjetisch an: als Schild und Schwert des Präsidenten. Lawrow kann aufbrausend, zynisch, unterkühlt oder sachlich sein. Charme ist ihm selten unterstellt worden. Wahrheitsliebe auch nicht. Er vertritt das je Opportune losgelöst von Fakten und Beweisen. Seine Statements zeigen ihn oft in einer Parallelwirklichkeit, die er gegen Einsprüche aller Art mit Vehemenz und Beleidigungen verteidigt.

Eine perfide Form von Antisemitismus

Es gehört zu Lawrows Narrativ, die Ukrainer kollektiv als Nazis zu verleumden, die von ihrem Nationalbewusstsein befreit und umerzogen werden müssten. Bisherige rhetorische Unsäglichkeiten überbietend, sagte er nun in Anspielung darauf, dass Präsident Selenskyj jüdischer Herkunft ist: „Wie kann es eine Nazifizierung geben, wenn er Jude ist? Ich kann mich irren, aber Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut... Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.“

Lesen Sie auch:

Das wollte Israels Regierungschef so nicht stehen lassen: Lawrows Äußerungen seien „unwahr, und sie dienen einem falschen Zweck“, so Naftali Bennett. Es sei „das Ziel solcher Lügen, den Juden selbst die Schuld an den schlimmsten Verbrechen der Geschichte zu geben, die gegen sie verübt wurden“. Zwar war es Lawrows primäres Ziel, Selenskyj als „jüdischen Antisemiten“ zu diffamieren, das skurrile Nazi-Narrativ des Kreml auszubauen und den russischen Vernichtungs- und Plünderungskrieg ins Licht der „Entnazifizierung“ zu setzen.

Aber ja, die These, die „eifrigsten Antisemiten“ seien „in der Regel Juden“, ist eine perfide Form von Antisemitismus. Israels Außenminister Jair Lapid sprach darum nicht nur von einer „unverzeihlichen, skandalösen Äußerung“, sondern rückte aus, die Ukrainer vor der zynisch-unseligen Identifikation in Schutz zu nehmen: „Die Ukrainer sind keine Nazis. Nur die Nazis waren Nazis. Nur sie haben die systematische Vernichtung der Juden vorgenommen.“ Auch in der Ukraine.

Kein einfacher Ausrutscher

Lawrow mag das politische Schwert dem diplomatischen Degen vorziehen. Dass ihm der antisemitische Seitenhieb einfach passiert ist, dürfen wir ausschließen. Der Hüne, der nicht nur Englisch und Französisch, sondern auch Singhalesisch und Dhivehi (die Sprachen Sri Lankas und der Malediven) spricht, weiß Worte gezielt zu setzen. Ob er lügt, schimpft, schulmeistert oder antisemitische Klischees bedient: Lawrow ist zu berechnend, um solches als „Ausrutscher“ abzubuchen. Seine dreiste antisemitische Rhetorik bedient gezielt den Antisemitismus in Russland und bei Putin-Missverstehern am rechten Rand.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Wenn Sport zur Nebensache wird: Mit der U15-Nachwuchsmannschaft des 1. FC Köln in Auschwitz.
09.05.2022, 15  Uhr
Ulrike von Hoensbroech
Die Schockwellen des Ukraine-Kriegs erreichen Skandinavien: Finnland und Schweden drängen nun in die NATO. Kiew will zunächst in die EU.
20.04.2022, 19  Uhr
Stephan Baier
Keine Waffenruhe zum orthodoxen Osterfest. Mehr als eine halbe Million Ukrainer wurden laut Kirchenangaben bereits nach Russland deportiert.
23.04.2022, 12  Uhr
Meldung
Themen & Autoren
Stephan Baier Adolf Hitler Antisemitismus Russlands Krieg gegen die Ukraine Nationalsozialisten Russische Regierung Sergej Lawrow Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Systemische Diskriminierung. Alleinstehende haben nach Ansicht der Podiumsteilnehmer über die Rolle von Singles in der Kirche keinen hohen Stellenwert in den Gemeinden.
26.05.2022, 20 Uhr
Meldung
Am letzten Tag im Mai wird Papst Franziskus in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom mit dem Rosenkranzgebet einem internationalen Fürbitte-Netzwerk vorstehen.
26.05.2022, 16 Uhr
Meldung
Mit einer Auftaktveranstaltung und einem Gottesdienst hat der 102. Katholikentag begonnen. Bundespräsident Steinmeier misst dem Synodalen Weg Bedeutung für die Zukunft der Kirche zu.
26.05.2022, 12 Uhr
Meldung
Bevor er sich unter Vollnarkose nochmals operieren lasse, trete er eher zurück – soll Franziskus italienischen Bischöfen gesagt haben.
26.05.2022, 12 Uhr
Meldung
Der Katholiken-Anteil fiel in der Alpenrepublik innerhalb von 70 Jahren von 90 auf 55 Prozent.
26.05.2022, 10 Uhr
Meldung