Englands neuer Monarch

Er will Tradition und Moderne versöhnen

Der neue britische König, Charles III., ist endgültig dem Schatten seiner Mutter entwachsen. Dabei zeigt er eine faszinierende Einheit aus Zerbrechlichkeit und Stärke.
König Charles III.
Foto: Jeff J Mitchell (PA Wire) | Kein Tag vergeht, an dem der neue britische Monarch, dessen Krönung in den nächsten Monaten ansteht, nicht als Hauptdarsteller bei konstitutionellen Ritualen mitwirkt und das Wort erhebt.

Manche Männer, so sagt man, werden mit dem Alter interessant. König Charles III. könnte so ein Mann sein. Kein Tag vergeht seit dem Tod seiner Mutter, Königin Elisabeth II., an dem der neue britische Monarch, dessen Krönung in den nächsten Monaten ansteht, nicht als Hauptdarsteller bei konstitutionellen Ritualen mitwirkt und das Wort erhebt. Er tut dies mit einer warmen, festen Stimme, die auf viele trauernde Engländer eine geradezu therapeutische Wirkung hat. Was auch an der Qualität der Worte liegt: „Unsere Werte sind konstant geblieben und müssen es auch bleiben. Auch die Rolle und die Pflichten der Monarchie bleiben bestehen, ebenso wie die besondere Beziehung und Verantwortung des Souveräns gegenüber der Kirche von England – der Kirche, in der mein eigener Glaube so tief verwurzelt ist.“

Die Jahre des Wartens haben ihn reifen lassen

Man spürt: das ist nicht mehr der Charles, der jahrzehntelang als Tollpatsch mit Segelohren durch die Gazetten schwirrte, der stets im Schatten seiner Mutter und dann im Schatten der charismatischen Lady Di stand, bis ihn das Schicksal an die Seite seiner frühen Liebe, Camilla Parker-Bowles, band. Der ergraute, nun auf den Fersen seiner verstorbenen „Darling, Mama“ durch das Königreich reisende Monarch strahlt etwas anderes aus – eine faszinierende Einheit aus Zerbrechlichkeit und Stärke; was darauf hindeutet, dass die Jahre des Wartens, des karitativen und sozialen Engagements und der familiären Tragödien ihn menschlich geläutert haben und haben reifen lassen – zu dem hin, was heute dringend gebraucht wird, um Großbritannien und die Länder des Commonwealth zu führen: Hin zu einer politischen, kulturellen und religiösen Integrationskraft.

Lesen Sie auch:

In diesem Kontext kann man auch verstehen, dass Charles, der sich wie sein Vater Philip für die orthodoxe Form des Christentums interessiert, seine Rolle als weltliches Oberhaupt der Anglikanischen Kirche tolerant interpretieren wird: als „Verteidiger des Glaubens“ im Sinne eines „Beschützers“ verschiedener Glaubensrichtungen. Dies unterstrich er 2015 in einem „BBC“-Interview.

Im Zeitalter des vielfältigen Furors ist das eine realistische und religionsfreundliche Haltung. Insofern darf man wohl auch den Titel des Buches, in dem Charles 2010 seine philosophische Weltsicht erläuterte, „Harmonie – Eine neue Sicht unserer Welt“, als programmatisch für seine Regierungszeit verstehen. Es geht ihm um Ganzheitlichkeit, die Versöhnung von Tradition und Moderne, Effizienz und Ökologie. Der sanfte Stil, den er in diesen Tagen des Übergangs repräsentiert, passt dazu perfekt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die Beisetzung von Königin Elisabeth II. verfolgen vier Milliarden Menschen weltweit. Das ist auch Ausdruck einer Sehnsucht nach einem überzeitlichen Fixpunkt.
19.09.2022, 12  Uhr
Sebastian Sasse
Wie stabil ist die britische Monarchie nach dem Tod der Queen? Ob Charles III. zu einer Integrationsfigur wie seine Mutter wird, ist noch nicht ausgemacht.
16.09.2022, 15  Uhr
Claudia Hansen
Themen & Autoren
Stefan Meetschen

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou
...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
30.09.2022, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger