London

England: Gefahren der Abtreibungspille per Post

In England sind seit Corona auch Abtreibungen zuhause per Pille erlaubt. Über möglichen Missbrauch und Spätabtreibungen gibt es kaum Diskussionen.
Der britische Premierministers Boris Johnson
Foto: Uk Parliament (PA Media) | Die Regierung von Boris Johnson beschloss zu Beginn der Pandemie, die Regelungen für Abtreibungen zu lockern.

Zu Beginn der Corona-Pandemie hat die Londoner Regierung die Regeln für Abtreibungen deutlich gelockert. Sie erlaubte es als „Notfallmaßnahme“, dass Frauen in den ersten zehn Wochen eine Abtreibungspille erhalten, wenn sie zuvor nur eine Telefon- oder Videobesprechung mit einem Arzt hatten. Vor Corona waren eine medizinische Konsultation vor Ort und dann 48 Stunden Bedenkzeit nötig, damit legal in den ersten zehn Wochen eine Abtreibung durchgeführt werden darf. Ursprünglich sollte die Ausnahmegenehmigung nach gut zwei Corona-Jahren im Herbst 2022 enden.

"Pille per Post" geht weiter

Ende März hat das Parlament jedoch mit 215 zu 188 Stimmen für eine Verlängerung der gelockerten Regeln aus der Corona-Zeit gestimmt. Das Programm „Pille per Post“ wird also nicht im August auslaufen. 72 Tory-Abgeordnete unterstützten die über 140 Stimmen von Labour und Liberaldemokraten. „Wir sind absolut entzückt, dass die Abgeordneten den Fakten gefolgt sind und auf die Frauen gehört haben“, sagte Clare Murphy, die Chefin des BPAS (British Pregnancy Advisory Service), einer der drei großen Abtreibungsorganisationen des Landes mit 40 Kliniken. „Frühe Abtreibung zu Hause ist sicher“, betonte Murphy. Seit Beginn der Pandemie soll es nach Zählung von Kliniken etwa 150 000 Abtreibungen in England zuhause gegeben haben.

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Aber nicht alle sind entzückt. Es gibt – wenngleich eher vereinzelt – auch kritische Stimmen. Alithea Williams von der Gesellschaft zum Schutz ungeborener Kinder nannte das Votum „schändlich“. Das konservative Oberhausmitglied Baronin Margaret Eaton versuchte vergangene Woche ein Gesetz einzubringen, damit wieder eine persönliche ärztliche Beratung in Präsenz verpflichtend werde. Ihr Antrag hatte bislang keinen Erfolg. In einem Kommentar in der Zeitschrift „The Critic“ erklärt Eaton, warum sie die gegenwärtige Situation beunruhigt, vor allem wenn es um junge Frauen und Mädchen geht.

Nach Einnahme der Pille „konnte mein Freund kleine Füße sehen"

„Bei virtuellen Konsultationen kann ungesehen und ungehört von anderen Zwang auf die Patientinnen ausgeübt werden“, meint sie. „Die Abtreibungspillen können unter einem falschen Vorwand bestellt werden.“ Ohne Beratung von Angesicht zu Angesicht sei Betrug möglich. Oder Abtreibungen weit nach der zehnten Woche.

Tatsächlich kann sie auf bekanntgewordene Fälle verweisen, in denen Abtreibungen in weit fortgeschrittenen Schwangerschaften per Pille zu Hause durchgeführt wurden. Selbst die BBC, sonst stets auf der Seite von „Pro Choice“, berichtete darüber. Beispielsweise über den Fall der 16-jährigen „Savannah“, die in Wirklichkeit anders heißt. Am Telefon schätzte Savannah, dass sie in der achten Schwangerschaftswoche war. Nachdem sie die Pille zu Hause eingenommen hatte, bekam sie starke Leibschmerzen. Verwandte riefen einen Krankenwagen, dann, als sie Wehen bekam und drückte, „konnte mein Freund kleine Füße sehen“, sagte sie der BBC. Das Baby wurde mit Herzschlag geboren, starb aber.

Immer mehr Schwangerschaftsabbrüche

Später schätzten Ärzte, dass Savannah wohl in der 20. Schwangerschaftswoche gewesen war. Laut Angaben aus dem Gesundheitsdienst NHS sollen es 47 Fälle von fortgeschrittenen Schwangerschaften gewesen sein, die per Pille zu Hause abgetrieben wurden – doch könnte die Dunkelziffer weit höher liegen.

In Großbritannien hat das Abtreibungsgesetz von 1967 Schwangerschaftsabbruch legalisiert. Die Zahl der Abbrüche ist hoch und steigt. Mehr als jede vierte Schwangerschaft in England und Wales endet mit einer Abtreibung, so die offiziellen Angaben des Statistikamtes ONS. Wie die Behörde vergangenen Sommer mitteilte, ist die Quote von 24 auf 25,2 Prozent gestiegen. Zehn Jahre zuvor waren es knapp über 20 Prozent. Das Gesundheitsministerium spricht von 210.860 Abtreibungen in England und Wales im Jahr 2020.

Die Chefin der Abtreibungsorganisation BPAS, Claire Murphy, sagte in der Zeitung „The Times“, aus ihrer Sicht gebe es verschiedene Gründe für Abtreibungen und kleinere Familien. „Dazu zählen finanzielle Sorge, der Wunsch weiter zu arbeiten und die steigenden Kindererziehungskosten.“ Abtreibungsgegner sind in England nur eine schwache Gruppe. James Mildred von der christlichen Organisation CARE sagte anlässlich der ONS-Zahlen gegenüber der „Times“, die Gesellschaft unterstützte schwangere Frauen nicht genügend. „Das Überhandnehmen von Abtreibungen zeigt den akuten Druck des modernen Lebens und wie wenig echte Wahl es gibt“, klagte er. „Wir sollten zu einer Kultur des Lebens und der Hoffnung ermutigen, wo sich jede Frau befähigt fühlt, eine Mutter zu werden, unabhängig von ihrem persönlichen Umständen“, forderte Mildred.

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