Wolgang Schäuble

Einer der wenigen Denker unter den Politikern

Wolfgang Schäuble, der jüngst seinen 80. Geburtstag feierte, ist kein Ideologe. In der intellektuellen Durchdringung der politischen Lage findet er sein Leistungsglück.
Festakt zum 80. Geburtstag von Wolfgang Schäuble
Foto: Marijan Murat (dpa) | Schäuble scheute sich nicht, auch über nationale Identität zu sprechen, eine andere Einwanderungspolitik zu fordern und die Bedeutung der Familie herauszustellen.

In diesen Tagen kann man viele Würdigungen und Lobreden auf Wolfgang Schäuble lesen. Anlass dafür ist der 80. Geburtstag des Politikers. Wer aber eine Vorstellung davon bekommen will, welche Ansprüche der Christdemokrat, der an wesentlichen Kapiteln der deutschen Geschichte in den letzten fünf Jahrzehnten mitgeschrieben hat, an sich selbst stellt, der wird in einer Laudatio fündig, die Schäuble einmal auf einen anderen gehalten hat: 2006 bekam Joachim Fest den Henri-Nannen-Preis verliehen. Fests publizistisches Lebenswerk hat ein Leitmotiv: „Bürgerlichkeit als Lebensform“.

Skepsis gegenüber ideologischen Großentwürfen

Skepsis gegenüber ideologischen Großentwürfen verbunden mit einer gelassenen Ironie - darin sieht Fest typische bürgerliche Eigenschaften. Wolfgang Schäuble gerät in seiner Lobrede auf Fest geradezu ins Schwärmen, wenn er diese Charakteristika beschreibt. Hier erweise sich der Bürger als „realistischer Optimist“, der als Konservativer wisse, dass Freiheit nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen sei. Und ein anderer Begriff, den Fest geprägt hat, hat es Schäuble angetan: „Leistungsglück“.

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Hier hat der Laudator auch über seinen eigenen Wertekompass gesprochen: Skepsis ist für Schäuble die große Schwester der Nüchternheit. Beide Eigenschaften sollen dem Juristen dabei helfen, sich ganz auf den Sachverhalt zu konzentrieren. Auf seine Analysen ist Schäuble sichtlich stolz. In der intellektuellen Durchdringung der politischen Lage, ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der politischen Freunde wie Gegner, findet er sein Leistungsglück. Über die Jahre hat er diese Grundhaltung zu einer heroischen Tugend stilisiert: Niemand kann so pathetisch jedes Pathos zurückweisen wie der Rhetoriker Wolfgang Schäuble. Für die einen ist der badische Protestant auf diese Weise zum „letzten Preußen“ der Republik geworden, für die anderen ist er einer der wenigen Denker unter den Politikern.

Kurz nach der Wiedervereinigung befeuerte Schäuble die Phantasien konservativer Intellektueller. In seinem Buch „Und der Zukunft zugewandt“ entwickelte er eine Agenda für die „Berliner Republik“. Er scheute sich nicht, über nationale Identität zu sprechen, eine andere Einwanderungspolitik zu fordern und die Bedeutung der Familie herauszustellen. Und hatte sichtlich Freude daran, die Tabus der 68er zu brechen. Sogleich rauschte der Blätterwald: Schäuble zeige eine bedenkliche Nähe zu Ideen der „Neuen Rechten“. Die einen hofften, andere fürchteten - am Ende enttäuschte Schäuble beide Seiten. Er ist kein Ideologe, auch damals ging es ihm nur darum, Löcher in das dicke Brett zu bohren, das sich Politik nennt.

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