Zeitenwende als Chance

Eine Brücke in die Zukunft

Die aktuelle Wendezeit kann auch für Christen aller kirchlichen Parteiungen eine echte Chance sein - wenn sie Selbstkritik wagen. Ein Kommentar.
Kirche und Zeitenwende
Foto: Vadim Nefedov (195723015) | Egal, welchem kirchenpolitischen Lager oder Milieu man auch angehört: Die mahnenden Worte, die der generell eher optimistische Zukunftsforscher Erik Händeler als bekennender Katholik im Interview äußert, können einen ...

Flüchtlingskrise, Pandemie, Ukraine-Krieg – die Welt hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert und ein Ende ist angesichts der damit einhergehenden energie- und finanzpolitischen Krisen nicht abzusehen. „Alles wandelt sich“, könnte man dazu mit Bertolt Brecht und einer gewissen Portion Stoizismus sagen und sich den technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen entschlossen stellen. Doch genügt das? Christen sind keine Stoiker und keine reinen Pragmatiker, sie besitzen, so wie Christus, eine Leidenschaft für den Menschen – von dem sie zusammen mit Gott freilich groß denken.

Händelers mahnende Worte lassen nicht kalt

Deshalb können einen – egal, welchem kirchenpolitischen Lager oder Milieu man auch angehört oder sich nahe fühlt – die mahnenden Worte, die der generell eher optimistische Zukunftsforscher Erik Händeler als bekennender Katholik im „Thema der Woche“-Interview äußert, nicht kalt lassen. Gerade wenn es um den Katholizismus geht. Sieht der 53-Jährige doch ein „Problem bei der Zukunftsfähigkeit der Kirche darin, dass es in ihr jede Menge ,Zwei-Punkt-Christen‘ gibt, die sich aus dem breiten Themenspektrum nur zwei Punkte heraussuchen“. Die, so Händeler, „reden dann nur über Zölibat und Frauenpriestertum. Oder nur über Abtreibung und Homosexualität“. Übrigens in allen kirchlichen Parteiungen. Das wirkt auf den ersten Blick hart, ist aber sicherlich des ruhigen Nachdenkens wert – gerade vor dem Hintergrund der synodalen Schlacht der vergangenen Woche, die wenig dazu geeignet war, ein positives Bild von Christsein in die Öffentlichkeit zu tragen.

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Ist es in der Tat nicht so, dass manche kirchlichen Interessengruppen sich seit Jahrzehnten an äußeren Formen der kirchlichen Tradition und Hierarchie reiben und mit einer gewissen Häme abarbeiten, dabei aber vor lauter Demokratie- und Gerechtigkeitsdenken in der Gefahr stehen, die Dimension der Transzendenz und Heiligkeit zu verlieren? Andererseits darf man aber auch nicht übersehen: Was nützt der Einsatz für das ungeborene Leben und die Schöpfungsordnung, wenn beim Umgang mit dem geborenen Leben in seiner ganzen Gefährdung die notwendige Liebe und Barmherzigkeit zu kurz kommen und bei Liebe „anders“ Fühlende verurteilt werden? Wäre das nicht Relativismus?

Therapeutikum, um neue Brücken zu bauen

Man sollte Händelers Antworten und Reflexionen deshalb nicht zu einseitig lesen und dort reflexartig ablehnen, wo der eigene Standpunkt betroffen ist. Vielleicht enthalten seine Gedanken über die aktuellen Gräben hinaus genau das Therapeutikum, um neue Brücken zu bauen – zwischen den verfeindeten kirchlichen Lagern und zwischen der Kirche und den suchenden Menschen der Gegenwart.

Auf welchem Fundament diese Brücken zukunftsfähig errichtet werden können, deutet Erik Händeler an, wenn er sagt: „Was wird vor Gott entscheidend sein? Meine Ahnung ist, dass es um mein Verhalten Anderen gegenüber geht.“ Das ist eigentlich nichts Neues. Schon Christus hat die Liebe zu Gott und zum Nächsten als das A und O des geistlichen wie praktischen Lebens beschrieben und ineinander verwoben. Doch inmitten aktueller Veränderungen und Streitereien tut es gut, an diese Koordinaten erinnert zu werden. An Koordinaten, die einen dritten Weg jenseits der verfeindeten Lager markieren könnten. Zu spät ist es dafür nicht. Auch Brecht wusste: „Neu beginnen kannst Du mit dem letzten Atemzug.“

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