Jerusalem

Die Matzen und die Macht

Vordergründig wurde die Regierungskrise in Israel durch eine religiöse Frage ausgelöst. In Wirklichkeit geht es aber um Machtpolitik. Ministerpräsident Bennett wartet ab. Seine Bilanz sieht gar nicht schlecht aus.
Kabinettssitzung in Israel
Foto: Ronen Zvulun (Reuters Pool/AP) | Bisher sieht es so aus, dass der israelische Ministerpräsident Naftali Bennet seine Koalitionspartner bei der Stange halten kann. Die Opposition hofft derweil auf weitere Überläufer.

Israel ist eine moderne Demokratie, ein weltweit geachtetes High-Tech-Zentrum, aber seine Wurzeln liegen noch immer in der 3.000-jährigen jüdischen Geschichte geprägt durch den Tanach, der Heilgen Schrift. Der kippa-tragende Ministerpräsident Naftali Bennett hat es dieser Tage hautnah zu spüren bekommen. Seine Koalitions-Managerin Idit Silman ist zur Opposition übergelaufen. Damit ist die ohnehin knappe Mehrheit der Regierung dahin. Offizielle Begründung der Abtrünnigen: Während des bevorstehenden Pessach-Festes dürfe nur Matzen-Brot, also nichts Gesäuertes in Krankenhäusern angeboten werden.

Netanjahu giert noch immer nach der Macht

Es ist keine Posse: Weil das Volk Israel beim Auszug aus Ägypten vor 3.000 Jahren keine Zeit mehr hatte – so die Überlieferung – gesäuertes Brot zu backen, essen heute traditionelle Juden in aller Welt eine Woche lang im April ausschließlich die knäckebrot-flachen Matzen statt gesäuertem Brot. In den Tagen davor rutschen Hausfrauen und Kinder auf ihren Knien durch Küche und Wohnung auf der Suche nach Brösel. Denn der Haushalt, staatlich geführte Cafeterias, Kantinen des Militärs, Essensausgaben in Krankenhäusern müssen brotfreie Zone sein. Und weil Letzteres vom Gesundheitsminister aktuell nicht strikt beachtet wird, schmeißt Frau Silman die Brocken hin.

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All dies ist sinngemäß einem Brief der bisherigen Bennett-Vertrauten zu entnehmen. Aber glauben tun das die Allerwenigsten. Die Geschichte hinter der Geschichte liest sich wie folgt: Frau Silman wollte schon immer gerne und dringend Gesundheitsministerin werden oder zumindest den Rang eines ordentlichen Kabinettsmitglied erreichen. Bennett verweigerte ihr das, speiste sie mit dem durchaus einflussreichen, aber eben minderen Posten einer Koalitions-Managerin ab. Der alte Polit-Haudegen Benjamin Netanjahu giert noch immer ruhelos nach der Macht im Staat, kennt die Psycho-Weichteile unsicherer Kandidaten und versprach der unzufriedenen Dame hoch und heilig das Amt des Gesundheitsministers. Die Bedingung dafür: Verlasse Bennett.

Eine klassische Pattsituation

Damit begann ein lautes Geschnatter in den Korridoren der Knesset, dem israelischen Parlament. Aber wie immer man auch rechnet: Der eine hat zwar keine Mehrheit, sein Gegenspieler aber ebenfalls nicht. Stand aktuell: 60:60 Stimmen, also das klassische Patt. Netanjahu ruft öffentlich zu mehr Überläufen auf. Bennett und seine Freunde halten zumindest vorläufig ihre Unterstützer aus acht Koalitions-Parteien bei der Stange.

In der arabischen Fraktion, die erstmals in Israels Geschichte an einer Regierung beteiligt ist, knarzt es lautstark. Aber Partei-Chef Ayman Odeh läßt keinen Zweifel aufkommen: Wir bleiben bei Bennett. Nicht weil er etwa den Regierungschef allzu sehr verehren würde, aber für ihn ist „Netanjahu der gefährlichste Mann im Land“. Damit hat ein Misstrauensvotum zum Sturz der Regierung Bennett keine Mehrheit. In diesem Zustand könnte die Koalition mehr schlecht als recht über den Sommer kommen, bis im Herbst der Finanzhaushalt zur Abstimmung ansteht.

Sonst hat Israel „ja so gut wie keine Probleme“: Innerhalb von zweieinhalb Wochen sind bei vier Terroranschlägen 14 Menschen brutal ermordet worden. Die höchste Zahl seit vielen Jahren. Polizei und Sicherheitsbehörden versuchen verstärkt Terrornetzwerke in den umstrittenen Gebieten, besser bekannt als Westbank, zu zerschlagen. Schießereien sind an der Tagesordnung, Todesopfer sind fast täglich zu beklagen. Israel ist mal wieder im Modus sinnloser Gewalt.

Israel kann sich mit Energie weitgehend selbst versorgen

Dabei hätte Bennett Besseres verdient. Noch nicht einmal ein Jahr im Amt kann er eine beachtliche Leistungsbilanz vorweisen, freilich auf der Basis seines ungeliebten Vorgängers Netanjahu.

Die seit September 2020 verdreifachte Anzahl diplomatischer Beziehungen mit muslimischen Nahost-Ländern hat er wirtschaftlich erfolgreich vertieft. Mit den Vereinigten Arabischen Emiraten betreibt Israel inzwischen eine Freihandelszone, selbst militärische Kooperationen gedeihen. Auch die EU sucht beunruhigt durch den Ukraine-Krieg einen Raketen-Schutzschirm "Made in Israel". Der Judenstaat kann sich mit Energie weitgehend selbst versorgen, exportiert Gas an Ägypten und Jordanien. Gemeinsam mit Zypern und Griechenland ist Jerusalem auf dem Weg eine Pipeline nach Europa zu bauen. Selbst die lange feindlich gesinnte Türkei buhlt geradezu um eine Partnerschaft.

Kein Wunder also, dass die Wirtschaft auch im Pandemiejahr 2021 boomt. Wachstum: 8,2 Prozent, Start-ups und entwickelte High-Tech-Firmen haben 25,8 Milliarden US-Dollar eingesammelt, elf davon sind neu in den Kreis der „Unicorns“ aufgestiegen, haben also mindestens eine Milliarde US-Dollar Börsenwert. Wer Cyber-Security sucht, die Sicherheit seiner Daten im Internet verbessern will, blickt unweigerlich nach Israel. 40 Prozent aller Investitionen in Firmen, die Algorithmen zur Sicherheit im Netz verkaufen, fließen in das Dreieck Tel-Aviv, Jerusalem, Haifa. Das ist auch die Ursache dafür, dass man in den Ballungszentren mehr Baukräne am Himmel sieht als Wolken.

Landwirtschaftliche Tierhaltung neu gestaltet

Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich und sucht nach einer nachvollziehbaren Begründung. Israel hat eine gut ausgebildete Jugend, die innovativ ist und während der dreijährigen Militärzeit (Mädchen zwei Jahre) lernt, Verantwortung zu tragen. Wohl die wichtigsten Voraussetzungen für nachhaltiges Unternehmertum.

Deshalb zählt Israel mit über 9.000 Start-ups – Tendenz steigend – Pro-Kopf gerechnet zu den drei führenden Ländern weltweit, die die industrielle Revolution 4.0 betreiben. Dadurch wird der Alltag der Gesellschaft privat und am Arbeitsplatz gerade weltweit umgekrempelt. Beispiele: mit Aleph Farms und Future Meat wird in diesem Jahrzehnt unsere Ernährung und damit die landwirtschaftliche Tierhaltung neu gestaltet. Beide israelische Firmen stellen zellkultivierte Fleisch-Alternativprodukte her. Damit werden auch Schlachthäuser ihrer Funktion beraubt. Wenn sich diese Technologie weltweit durchsetzt, braucht man für die Rindfleisch-Produktion 95 Prozent weniger Land und 78 Prozent weniger Wasser, berichtet der Vorstand von Aleph Farms, Didier Toubia. Gegründet wurde die Firma 2017. Investoren belohnten ihr Know-how kürzlich mit 105 Millionen US-Dollar an Kapital-Zufluss.

Drei Fußball-Bundesliga Vereine haben sich bereits bei MINDFLY eingekauft. Einfallsreiche Israeli haben eine 70-Gramm-Kamera entwickelt, die ins Trikot eingenäht wird. Die integrierte Software liefert Live-Bilder, die dem Ball folgen. Damit ist der Fußball- oder Basketball-Fan über das Smartphone an seinem Idol auf dem Spielfeld hautnah dran.

Möglich sind all diese Innovationen, weil der Staat mit seiner „Israel Innovation Authority“ Fördermittel verteilt. Aber nicht nach dem Gießkannen-Prinzip, sondern strikt nach Leistungsnachweis. Herkunft, Religion oder gar eine politische Zugehörigkeit spielen keine Rolle.

Die Konkurrenz schläft nicht

Die Konkurrenz schläft nicht. Wer nicht liefert, ist draußen. Die Spitze der Behörde wird stets mit hochkarätigen Wissenschaftlern besetzt, die Markterfolge nachweisen können. Die Politik und ihr meist undurchdringliches Netzwerk bleiben vor der Tür.

Mit dieser Methode hat Israel es auch geschafft, einen von vier Plätzen in der ersten privaten Mission zur Internationalen Raumstation zu besetzen.
Mehrere Firmen und Forschungseinrichtungen haben 55 Millionen US-Dollar zusammengelegt und Eytan Stibbe, einen 64-jährigen ehemaligen Kampfpiloten, der zum Unternehmer avancierte mit 44 wissenschaftlichen Aufgaben ins All katapultiert. In 408 Kilometer Höhe soll er unter anderem einen Helm testen, der Gehirnströme während des Aufenthalts im luftleeren Raum aufzeichnet.

Da der Israeli die Pessach-Feiertage hoch oben über der Erde verbringen wird, hat er auch eine Packung Matzen im Gepäck. Für politische Ranküne im Possenmuster ist da allerdings kein Platz.

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Godel Rosenberg

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