Paris

„Die Konservativen in Europa haben kapituliert“

Ryszard Legutko zeigt sich im Figaro enttäuscht von der liberalen Demokratie. Der einflussreiche polnische Philosoph und Abgeordnete der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) im EU-Parlament übt heftige Kritik an der westlichen liberalen Demokratie, in der ihm zufolge das freie Denken und der Pluralismus verloren gegangen ist.
1. Mai 2018 in Paris Zum 50 Jahrestag der 1968er Revolution
Foto: Michael Trammer (imago stock&people) | Die 68er Revolution hat alles nach links verschoben, meint Ryszard Legutko. Im Bild: Zum 50. Jahrestag der 1968er Revolution versammeln sich mehrere zehntausend Menschen in Paris.

In seinem auch auf Deutsch erschienenen Buch „Der Dämon der Demokratie: Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften“ bringt der polnische EU-Abgeordnete Ryszard Legutko seine tiefe Enttäuschung über die liberale Demokratie des Westens zum Ausdruck. In einem Gespräch mit dem Figaro erklärt der Antikommunist, welche Gemeinsamkeiten er zwischen der liberalen Demokratie und dem Kommunismus erkennt. Das erste Anzeichen, das ihn alarmierte, sei die Art und Weise gewesen, „mit der die ehemaligen führenden Köpfe des kommunistischen Regimes im neuen Polen und in der Europäischen Union mit offenen Armen empfangen wurden, während ich mich als konservativer Antikommunist am Rand des Systems wiedergefunden habe“. Im Europäischen Parlament seien die Kommunisten heute „politischer Mainstream“.

Kein Pluralismus mehr

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Darüber hinaus habe sich das Bild, das er von einer - auf Pluralismus der Parteien und der Ideen basierenden - westlichen Politik hatte, „in Luft aufgelöst“. Er habe erkannt, dass es sich dabei um eine „Mystifizierung“ gehandelt habe und sich die Parteien zunehmend ähnlicher wurden, „zweifellos wegen des kulturellen Sieges, den die Linke nach der Revolution von 1968 errungen hatte. Wenn Sie sich die europäische Politik anschauen, gibt es sehr wenige Unterschiede zwischen der EVP [Europäische Volkspartei], den Grünen und den Sozialisten, den Kommunisten und den Liberalen. Der Grund dafür ist, dass die Konservativen ganz einfach kapituliert haben!“ 

Beispielsweise werde dies am Programm der CDU – „einer einst sehr mächtigen christlich-demokratischen Partei“ – „offensichtlich“. So sei die Homo-Ehe in Frankreich von den Sozialisten eingeführt worden, in Großbritannien von den Konservativen und in Deutschland von einer Koalition von Christdemokraten und Sozialisten: „Diese Übereinstimmung der Sichtweisen zeigt, dass die traditionellen Grundsätze des Konservatismus, die Stärke der Familie und der Stellenwert religiöser Traditionen aus der Landschaft verschwunden sind! Der gesamte Mainstream ist von dem besessen, was ich als ‚Social Engineering‘ bezeichne – als ein Projekt zur Umgestaltung der Gesellschaft, das auf die Schaffung einer neuen europäischen Nation abzielt, auf eine neue mehr oder weniger homogene Identität und in der Tat auf einen neuen Typus Mensch, wodurch die Nationen und ihre Partikularismen geschwächt werden“. Legutko meint, dass es sich bei der „Transformation, die sich in Brüssel entfaltet, um eine Form der Hybris“ handle. Es sei das, „was die Kommunisten machen wollten: einen neuen Menschen schaffen“.

Angriffe auf die Familie

Legutko spricht von einem „Neusprech“, das die Sprache zerstöre und eine „Metarealität vor allem ideologischer Natur“ herstelle, die „die wirkliche Welt verschleiert“. Wenn man etwa gegen die Gendersprache verstoße, so werde dies wie bei Orwell als „Gedankenverbrechen“ eingestuft. Heute gebe es in den Demokratien eine riesige Liste an Gedankenverbrechen: „die ‚Misogynie‘, den ‚Eurozentrismus‘, die ‚Homophobie‘…“ In Polen sei die Diskussion hingegen „noch sehr frei“.

Am meisten beunruhige Legutko die Angriffe gegen die Familie und die Religion, da diese stets „Quelle der Kontinuität“ waren: „Die französischen Jakobiner stürzten sich wie die Bolschewiken auf Vorstellungen vom freien Sex, um die Zelle der Familie zu zerstören. Und nun geht das wieder von vorne los. Das gleiche gilt für die Kirche. Sogar in Polen wird die katholische Kirche – ohne die die Nation nicht hätte überleben können – wie zu Zeiten des Kommunismus von neuem anvisiert.

Alles nach links verschoben

Die Revolution von 1968 hat alles in Richtung der Linken verschoben“. Als es noch den Kommunismus gab, „hatte man eine Trennungslinie zwischen den Kommunisten und der freien Welt. Doch als alles zusammenbrach, hatte die liberale Demokratie freie Bahn. Und die Linke schickte sich an, das zu tun, was sie immer getan hat: die Welt zu verändern, während die Konservativen nie etwas anderes versuchten, als sie zu verbessern“. Nach den „unheilvollen Experimenten, die Wirtschaft zu verstaatlichen“, habe sich nun die Linke, so Legutko, „ein neues Feld gesucht: den Sex, die Familie, die Rassenfrage“.

Europa habe eine „außergewöhnliche Kultur“, betont Legutko, doch „sie hat sich davon getrennt. Die europäische Kultur – das sind nicht die von der radikalen Linken verkündeten 50 ‚neuen Gender‘, sondern Platon, Michelangelo und Beethoven. Wir müssen uns dieser Kultur wieder anschließen, ansonsten sind wir in großer Gefahr“. DT/ks

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