Interview mit Barbara Becker

Die Kirchen sollen ihrer moralischen Verantwortung gerecht werden

Die Kirchen müssen sich in gesellschaftspolitische Diskussionen einbringen, meint die CSU-Landtagsabgeordnete Barbara Becker – etwa in Sachen Lebensschutz oder Migration.
Barbara Becker
Foto: Michael Koch | Barbara Becker ist CSU-Landtagesabgeordnete und Sprecherin für die Belange der Evangelischen Kirche in der CSU-Landtagsfraktion.

Sie sprachen zuletzt in einem Interview davon, dass die EKD zu einer NGO zu werden droht. Sehen Sie ähnliche Tendenzen in der katholischen Kirche?

Als evangelische Christin bin ich vorsichtig, wenn ich mich zur katholischen Kirche äußern soll. Ich denke, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen sollten, denn dann dienen wir einander nicht. Es galt lange Zeit eine Art informelle Vereinbarung zwischen Staat und Kirche, dass man sich nicht in die Angelegenheiten des jeweils anderen einmischt. Das hat sich leider etwas aufgeweicht, vor allem in der evangelischen, aber zunehmend auch in der katholischen Kirche. Letztlich stehen wir als Christinnen und Christen und nicht zuletzt eben auch als verfasste Kirchen vor der entscheidenden Frage zu unserer Rolle in der Welt. 

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Ja, in der Flüchtlingskrise 2015 haben die Kirchen dezidiert politisch Stellung genommen. Es entzündete sich an der Notseerettung aus dem Mittelmeer. Jetzt sehen wir die gleichen Reflexe bei den beiden Kirchen, obwohl wir heute viel mehr wissen. Wir wissen beispielsweise, dass auf den Schleuserwegen in der Sahara zehn Mal mehr Menschen sterben als im Mittelmeer. Dennoch machen die beiden Kirchen primär die Seenotrettung zu ihrem Programm. Die Schleuserwege in der Sahara sind für sie leider kein Thema. Ein anderes Beispiel ist der Bereich Klima- und Artenschutz. Es ist ein zentraler Auftrag der Christen, die Erde zu bebauen und zu bewahren – beides gehört dazu. Wenn aber Aussagen von Kirchenvertretern in die Parteipolitik hineingehen, findet das nicht mehr meine Zustimmung.

"Wenn Aussagen von Kirchenvertretern
in die Parteipolitik hineingehen,
findet das nicht mehr meine Zustimmung"

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche im Bereich des Lebensschutzes?

Ich erhoffe mir eine intensive Begleitung der gesellschaftlichen Diskussion über die Fragen am Beginn wie am Ende des menschlichen Lebens vonseiten der beiden Kirchen. Sie haben hier einen reichen ethischen und moralischen Schatz aus ihrer dezidiert christlichen Perspektive einzubringen. Das ist ihre zentrale Aufgabe, der sie auch gerecht werden müssen. Dabei müssen sie parteipolitisch neutral bleiben, um glaubwürdig zu sein. Das ist durchaus anspruchsvoll. 

Haben Sie den Synodalen Weg in der katholischen Kirche verfolgt? Was können Sie aus evangelischer Sicht dazu sagen?

Ich wünsche mir starke Kirchen vor Ort, die die Menschen mitnehmen und nicht von oben herab bevormunden. Daher sehe ich den Synodalen Weg in unserer Schwesterkirche durchaus positiv, auch wenn ich sehr wohl registriere, wie viele Hürden hier noch zu nehmen sind. Aber die internen Diskussionen auf diesem Weg tun der katholischen Kirche zumindest von außen betrachtet sehr gut. 

Mindestens genauso wichtig finde ich aber, insbesondere in Deutschland, die Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe. Da wünsche ich mir ein beherztes, gemeinsames Vorgehen. Damit meine ich, dass die gesamte katholische Kirche zu einem gemeinsamen Bericht kommt. Denn jedes Mal, wenn in einem Bistum ein Bericht vorgelegt wird, steht es wieder in der Zeitung. Das schadet dem Prozess und der katholischen Kirche. 

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Wie steht es um die Aufarbeitung in der evangelischen Kirche?

Seit 2015 gibt es z.B. in der Evangelischen Landeskirche in Bayern eine Kommission, die unabhängig und überwiegend mit externen Mitgliedern besetzt arbeitet, die solche Vorwürfe untersucht und aufarbeitet. Als Synode lassen wir uns bei jeder Vollversammlung zudem darüber berichten. Wir schaffen es sicher nicht, jedes Leid zu lindern, aber wir leisten Hilfen. Der ganze Prozess ist nicht zu Ende. Wir bleiben wachsam und in Bewegung.

Sollten solche Missbrauchsvorwürfe auch in anderen Teilen der Gesellschaft, etwa auch in Sportvereinen, aufgearbeitet werden?

Das ist sicherlich auch nötig und geschieht ja auch. Soeben hat zum Beispiel die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung ihre Studie zum Sport veröffentlicht. Bei den Kirchen ist die Herausforderung meines Erachtens allerdings viel größer, weil die ethische Fallhöhe einfach eine viel, viel höhere ist. Wer als Hauptauftrag die Liebe Gottes zu den Menschen bringen soll, der muss nicht nur sich selbst und sein Handeln an diesem Maßstab messen, der wird auch von anderen genau an diesem Maßstab gemessen. 


Barbara Becker ist CSU-Landtagesabgeordnete und Sprecherin für die Belange der Evangelischen Kirche in der CSU-Landtagsfraktion.

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