Ankara

Die Geografie ist unser Schicksal

Alle Versuche der EU, Erdogan zu steuern, sind gescheitert.
EU-Spitzen treffen Erdogan in Ankara
Foto: - (Turkish Presidential Press Service) | Alle Versuche, Erdogan fernzusteuern, sind längst gescheitert. Wir wissen das, und er weiß es auch.

Mit dem gleichen schrillen Pathos, mit dem vor zwei Jahrzehnten linke Politiker und Medien tönten, eine Zollunion mit der Türkei sei nicht genug, denn alles andere als die EU-Vollmitgliedschaft sei eine Brüskierung, wird jetzt kritisiert, dass die EU überhaupt mit Erdogan spricht. Doch die Geografie ist unser Schicksal: Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu wissen, dass sich Europa und die Türkei irgendwie zueinander verhalten müssen. Am besten pragmatisch. Und seit beide Seiten die Wahnidee eines türkischen EU-Beitritts still und heimlich aufgegeben haben, ist das auch leichter möglich.

Erdogan lässt sich nicht fernsteuern

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Als EU-Ratspräsident Charles Michel und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen am Dienstag nun in Ankara mit Präsident Erdogan sprachen, wusste jede Seite, was die andere so wünscht: Die EU will, dass die Türkei die fast vier Millionen überwiegend syrischen Flüchtlinge nicht nach Europa durchlässt, sondern im eigenen Land versorgt, dass Erdogan den Erdgasstreit im östlichen Mittelmeer am Verhandlungstisch austrägt und jede militärische Eskalation vermeidet. Erdogan seinerseits braucht Geld für die Versorgung der Flüchtlinge, ein möglichst großes Stück vom Erdgas-Kuchen zur Belebung der türkischen Wirtschaft, einen Ausbau der Zollunion mit der EU und wenn möglich die Abschaffung der Visapflicht für seine Landsleute. Um all das wurde und wird verhandelt. Ganz pragmatisch.

Die Sorgenfalten, die EU-Politiker tragen, wenn sie über den Rückbau der Rechtsstaatlichkeit in der Türkei, über das Vorgehen gegen Minderheiten, Oppositionspolitiker, Journalisten und Erdogan-Kritiker sprechen, sind für das Publikum zu Hause. Von der Leyen und Michel wissen, dass sie keinen Einfluss auf den innen- und gesellschaftspolitischen Kurs der Türkei haben. Alle Versuche, Erdogan fernzusteuern, sind längst gescheitert. Wir wissen das, und er weiß es auch.

 

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