Politik

Auf einem schlechten Trip

Der Fall Volker Beck zeigt einmal mehr, auch Politiker können anfällig für Drogenmissbrauch sein – Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Von Stefan Meetschen
Für Volker Beck dürfte die politische Karriere vorbei sein
Foto: dpa | Für Volker Beck dürfte die politische Karriere vorbei sein: Der Besitz von „Crystal Meth“ lässt sich nicht sachlich verteidigen.

Auf jemand zu treten, der am Boden liegt, verbietet sich – für jeden Menschen mit ein klein wenig Anstand, für jeden Gläubigen. Besonders im „Jahr der Barmherzigkeit“, das dazu herausfordert, noch entschlossener dem vergebenden Charakter Gottes nachzueifern, auch mal Gnade vor Recht gelten zu lassen, menschliche Schwächen im Rahmen der kirchlichen Lehrordnung noch kraftvoller zu vergeben. Dennoch dürfte es nicht wenigen politischen Beobachtern mit Ethik-Anspruch schwerfallen, einen solchen Wahrnehmungs- und Verzeihensmodus im Falle des in den Schlagzeilen stehenden Politikers Volker Beck allzu schnell und unkritisch zu praktizieren.

Was gar nicht allein am Drogen-Skandal des inzwischen von seinem Posten als innenpolitischer und religionspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ zurückgetretenen Politikers liegt, sondern wahrscheinlich auch an dem von ihm in den vergangenen Jahrzehnten praktizierten, sehr stark auf moralische Arroganz setzenden Politik- und Verbalstil. Vermutlich aber auch an dem Mangel an Reue, den der 55-jährige Bundestagsabgeordnete seit der medialen Bekanntgabe des Drogenfundes zeigt. Denn wer wie Beck den Besitz der synthetischen Droge „Crystal Meth“, vor deren Konsum Wissenschaftler seit langer Zeit intensiv warnen, mit den Worten „Ich habe immer eine liberale Drogenpolitik vertreten“ zu rechtfertigen sucht, braucht gewiss Gebet und seelsorgerlichen Beistand, aber sicherlich keine automatische Absolution. Zu sehr scheint die Sucht bei ihm die Erkenntnis- und Ausübungsfähigkeit eines verantwortungsvollen und gesunden Lebensstils zu trüben.

Wobei Beck als langjähriger Spitzenpolitiker und Prominenter in punkto Rauschmittel-Missbrauch durchaus kein Einzelfall ist. Auf die Mär von den angeblich leistungssteigernden Drogen fielen vor ihm schon andere Leistungsträger herein. Der SPD-Politiker Michael Hartmann etwa, der vor zwei Jahren seine Ämter als innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion sowie als Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums niederlegte, als man ihm den Besitz und Konsum von „Crystal Meth“ nachwies. Hartman gab damals zu, durch den „Drogenkonsum leistungsfähiger“ sein zu wollen. Ein verhängnisvoller Irrtum, warnen Mediziner und Drogenexperten doch seit langem vor der psychisch und körperlich extrem schädlichen Substanz. Ist also, so könnte man nun schlussfolgern, vielleicht doch etwas dran an dem Horror-Drogen-Szenario, das der Fernsehsender „Sat 1“ im Jahr mit einem Politik-Bericht im Jahr 2000 entfachte? Damals behaupteten die Macher der Sendung „Akte 2000“, in 22 von 28 Toiletten des Reichstages Kokain-Spuren gefunden zu haben. Schnell standen die Abgeordneten unter Generalverdacht, obwohl natürlich auch Journalisten und andere Beschäftigte Zugang zu dieser Einrichtung haben.

Der CDU-Politiker Hubert Hüppe, heute ordentliches Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales des Deutschen Bundestages, sagte damals gegenüber der Berliner Tageszeitung „BZ“: „Wir im Bundestag sind auch keine besseren oder schlechteren Menschen als alle anderen. Wer glaubt, dass von den 650 Abgeordneten nicht der eine oder andere auch mal dazu kommt, Drogen zu nehmen, ist naiv.“ Hüppe sah sogar eine besondere Gefährdung für die Abgeordneten, weil sie „ständig fit“ sein müssten und die meisten weg von Zuhause und dadurch relativ isoliert seien. (Vgl. SPIEGEL Online, 2.11.2000) Vermutlich ein realistischer Blick. Der Vorsitzende der „Grünen“, Cem Özdemir, kippte sich vor zwei Jahren auf einer Berliner Dachterrasse einen Eimer Eiswasser („Ice Bucket Challenge“) über den Kopf. Neben ihm stand eine Hanfpflanze, deren Besitz und Anbau in Deutschland verboten ist und gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt, weil sich aus Hanf Marihuana und Haschisch herstellen lässt. Der „Grünen“-Fraktionschef Anton Hofreiter, der sich – wie sein älterer Parteikollege Christian Ströbele –, leidenschaftlich für die Legalisierung der Droge Cannabis einsetzt, gibt zu, in seiner Jugend „gekifft“ zu haben.

Es wäre jedoch unfair, allein den „Grünen“ das Thema Drogenmissbrauch in die Schuhe zu schieben. Bereits der frühere US-Präsident Bill Clinton, der bei der Levinsky-Affäre auch auf sexuellem Gebiet genau zu differenzieren vermochte, gestand, auf seine Haschisch-Vergangenheit angesprochen, dass er zwar „geraucht“, nicht aber „inhaliert“ habe. Der jetzige Amtsinhaber, US-Präsident Barack Obama, dagegen hatte kein Problem damit, in seiner Biographie „Ein amerikanischer Traum“ zuzugeben, als Teenager Alkohol, Marihuana und Kokain konsumiert zu haben.

Aber auch in den Reihen der CDU sind Drogen nicht nur ein abstraktes Thema. Unvergessen ist der Fall Michel Friedman. Der inzwischen 60-jährige Anwalt aus Frankfurt, der in den 1990er Jahren dem CDU-Bundesvorstand angehörte und als moralisch scharf agierender TV-Moderator Karriere machte, geriet im Jahr 2003 auf negative Weise in den Blickpunkt der Medien, als man ihn des Kokainbesitzes und des sexuellen Kontakts mit illegalen Prostituierten aus der Ukraine überführte. Friedman, der, wie die BILD-Zeitung berichtet, zugab an „Einsamkeit und Traurigkeit“ zu leiden, trat von allen Ämtern zurück, zahlte eine Geldstrafe und entschuldigte sich für sein falsches Verhalten. Nicht ganz so dramatisch und für viele Journalisten eher amüsant wirkte dagegen das Bekenntnis des einstigen CDU-Hoffnungsträgers und inzwischen erfolgreichen Vermögensverwalters Friedrich Merz, der auf der Höhe seines politischen Erfolges voll Stolz davon plauderte, als Jugendlicher mit „Joints“ an einer sauerländischen Pommes Bude der Welt der Erwachsenen wenigstens ein wenig getrotzt zu haben. Was insgesamt zeigt, wie salonfähig die gemeinhin als „Einstiegsdrogen“ bezeichneten Rauschmittel mittlerweile sind im Rahmen der westlichen Leitkultur.

Eine aktuelle UN-Studie scheint dies zu belegen. Demnach hat jeder vierte Europäer bereits illegale Rauschmittel konsumiert. Ist die nun wieder neu entfachte Debatte über Drogen, die ein wenig an die laute Empörung beim koksenden Fußball-Coach Christoph Daum erinnert, also eigentlich scheinheilig? Ist der Fall Beck nur deshalb ein Skandal, weil es um den Drogenmissbrauch eines Prominenten geht? Eines Politikers? Eines Mannes also, der einer Berufssparte angehört, bei der man in Sachen Drogen nur dann – wie bei den US-Präsidenten oder bei Merz – ein Auge zudrückt, wenn es sich um „Jugendsünden“ handelt? Ist die moderne Gesellschaft insgesamt aber eigentlich der Auffassung, dass Haschisch und Cannbis heute das sind, was früher Schnupftabak und Bier waren? Also Rauschmittel, die man entkriminalisieren sollte, weil der jeweilige Konsument selbst entscheiden kann, wieviel er davon verträgt?

Der Verdacht liegt nahe, dass das, was wir derzeit erleben, die gesellschaftlichen Ausläufer dessen sind, was Mitte des 20. Jahrhunderts die intellektuelle Elite umtrieb: Schriftsteller wie Aldous Huxley oder Ernst Jünger etwa, die nicht vor risikoreichen Drogen-Experimenten zurückschreckten.

So kann man in Heimo Schwilks lesenswerter Ernst-Jünger-Biographie („Ein Jahrhundertleben“) lesen, dass sich der später zum Katholizismus konvertierte Autor nach der Beerdigung seines Sohnes in LSD-Experimente mit dem Schweizer Drogenforscher Albert Hofmann und dem Pharmakologen Heribert Konzett stürzte. „In ein mit destilliertem Wasser gefülltes Glas werden 0,05 Milligramm einer farblosen Flüssigkeit geträufelt, die sich sofort auflöst. Jeder der drei Teilnehmer bekommt ein Likörglas davon. Albert Hofman brennt ein japanisches Räucherstäbchen ab, um die Sinne anzuschärfen, und legt ein Mozart-Konzert auf. Die drei Probanden machen es sich in ihren Sesseln bequem. Dann beginnen die Blumen im Zimmer eine ungeahnte Leuchtkraft zu entfalten, die Musik wird intensiver, durchdringender, ,Himmelsmusik‘, wie Hofman später berichtet. Der Rauchschleier des Räucherstäbchens beginnt zu tanzen, verfärbt sich in ein ätherisches Blau, das die wachsende Leere des Raumes zu füllen beginnt. Dann wird der Rausch tiefer und das Gespräch verstummt, Bilder drängen heran, phantastische Träumereien von fremden Welten. Jünger schwelgt in der Farbenpracht orientalischer Szenerien, Hofman ist unterwegs bei Berberstämmen in Marokko, und Konzett versinkt im Wirbel eines farblosen Nichts jenseits der Zeit.“ (S. 468) Tatsächlich war Jünger, der sich von Aldous Huxleys Buch „Die Pforten der Wahrnehmung“ inspirieren ließ, von dem Ergebnis aber enttäuscht. Obwohl ihn das Thema Drogen und Rausch auch literarisch nicht loslassen sollte, hatte er mehr erhofft. „Metaphysische Einblicke“, wie Schwilk schreibt. (vgl. S. 495f.) Diese blieben aber aus und in Jünger verfestigte sich – im Unterschied zu Huxley, der von einem „Christentum ohne Tränen“, einer gesellschaftlichen Utopie träumte – der Eindruck, dass der Genuss von Drogen in jedem Fall auf eine spirituelle Elite beschränkt sein sollte. Genau diese Beschränkung hat aber nicht stattgefunden. Im Gegenteil. In den 1960er Jahren entwickelte sich das LSD neben anderen illegalen Drogen zum kreativen Antriebsmotor der Rock- und Popkultur. Die „Beatles“ und die „Rolling Stones“, Jimi Hendrix und Janis Joplin praktizierten mit jugendlicher Unbeschwertheit und haltloser Kritiklosigkeit, was der gereifte Schriftsteller Jünger diskret mit fast schon liturgischer Strenge in Wohnzimmerräumen absolvierte.

Das Ergebnis war noch niederschmetternder als bei Jünger. Hendrix und Joplin starben an einer Überdosis. Auch viele andere drogenabhängige Stars, darunter erst in jüngster Zeit die Sängerinnen Amy Winehouse oder Whitney Houston, verloren die Kontrolle – erst über den Stoff, dann über ihr Leben. Viele Fans, fasziniert vom trügerischen Glanz derartiger Idole folgten ihnen auf dem schlechten Trip.

Kurzum: Der Drogenkonsum wurde in der westlichen Welt zur Massenbewegung und der Konsum immer härterer Drogen diente weniger der religiösen Bewusstseinserfahrung als der profanen Flucht vor der Realität. Ohne Rücksicht auf die jeweilige gesellschaftliche Position des Süchtigen.

Der beste Schutz, den es vor derartigen Irrwegen geben kann, ist so einfach wie schwer: Ein authentisches religiöses Leben, das die eigene Existenz und Leistungsfähigkeit auf natürliche und sogar übernatürliche Weise beflügelt. Das schließt Tiefschläge und Phasen der Dürre nicht aus, aber selbst diese haben den Vorteil, dass sie echt und real sind. Ohne illusionäre Gaukeleien und künstliche Mittel.

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