Asketisches Meisterwerk

Die Verfilmung des Neuen Testaments durch den Autor und Regisseur Pier Paolo Pasolini, „Das Erste Evangelium – Matthäus“ (1964), ist eine der überzeugendsten Interpretationen des Evangeliums. Denn Pasolinis Film ist eine Studie in ästhetischer Verknappung, ja, Askese. Auf jeden Ausstattungs- und Inszenierungsfirlefanz wurde verzichtet. Statt eines nachbildenden Naturalismus vertraut Pasolini ganz auf die Eindringlichkeit der Geschichte und des Originaltextes selbst, dessen Mono- oder Dialoge ohne Zusatz übernommen wurden. „Kein eingefügtes Bild oder Wort könnte auf gleicher poetischer Höhe wie der Text sein“, sagte ausgerechnet der selbst ernannte Atheist und Marxist Pasolini dazu, der trotz seiner Kritik an der Institution Kirche ein leidenschaftlicher Anhänger der Botschaft Christi war, die er angesichts moderner Barbareien für die einzig akzeptable Antwort hielt.

Pasolini zeigt auf dem kontrastreichen Schwarz-Weiß-Material die kargen Landschaften Süditaliens, etwa am Ätna und die Gegend um Potenza, die für Palästina und Ägypten stehen, so wie das durchgehend mit Laien besetzte Ensemble mit seinen sparsamen Gesten zusätzlich für Verfremdungseffekte und Stilisierung sorgt, die kommerziellen Kalkülen gänzlich fern steht.

Vornehmlich verweilt die Kamera in Großaufnahmen auf den herben Gesichtern der vom Lande stammenden Darsteller, so gleich zu Beginn, als Pasolini die Gesichter der hochschwangeren, schicksalsergebenen Maria und ihres erstaunten Ehemannes Josef „sprechen“ lässt.

Wenn in Weiß gekleidete, jugendliche Engel zur Weissagung erscheinen, stehen sie eben plötzlich am Weg, ohne dass irgendwelche Licht- oder Geräuscheffekte bemüht werden. Auch wenn Christus seine Wunder vollbringt und zum Tode verurteilt wird, bleibt die Kamera bewusst auf Distanz und zwingt den Zuschauer in die hilflose Position der Zeugen, wie etwa der Apostel. Allein die Kindestötungen auf Herodes? Befehl und die Kreuzigung selbst werden als Tumult auslösende, barbarische Akte inszeniert.

Pasolinis Absicht, „ein reines Werk der Poesie" zu entwerfen, „das den Dingen seine Heiligkeit wiedergibt“, ist ihm auf erstaunlich konsequente Weise gelungen. Im Gegensatz zu früheren und späteren Werken Pasolinis wurden die Qualitäten des formal strengen und vorlagengetreuen Films auch von seinen Kritikern sofort erkannt. In der Begründung für die Auszeichnung von des Films durch das Internationale Katholische Filmbüro OCIC hieß es 1964: „Der Autor, von dem gesagt wird, dass er unseren Glauben nicht teilt, hat in der Wahl der Texte und der Szenen Respekt und Taktgefühl bewiesen. Er hat einen (?) christlichen Film gemacht, der einen tiefen Eindruck hinterlässt.“

Leider bietet die neue DVD von Arthaus außer einigen Textinformationen zum Film keine biographischen oder theologischen Extras, dafür aber neben der – sehr gelungenen – deutschen Synchronisation auch die italienische Originalfassung, die noch eindrücklicher klingt. Bild- und Tonqualität sind angesichts des Alters der Filmkopien erstaunlich gut.

Was die Vermittlung der spirituellen Botschaft mittels Filmbilder betrifft, fielen die meisten der nach 1964 entstandenen Verfilmungen der Lebensgeschichte Jesu weit hinter Pasolinis asketischem Meisterwerk zurück, Grund genug für eine Wiederentdeckung.

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