Alter Obelisk an dumme Fichte

Petersplatz-Geflüster: Glaubensgespräche der besonderen Art

Da stehen sie nun. Der uralte Obelisk. Zweieinhalbtausend Jahre soll er auf seinem ägyptischen Buckel haben. Hat schon eine Menge gesehen. So das Martyrium eines Fischers aus Galilea, damals, als er noch im Circus des Nero stand. Und jetzt direkt neben ihm, 120 Jahre jung, die Fichte aus dem Klostertal in Niederösterreich, der längste Baum, der je auf dem Petersplatz stand. Mit seinen 33 Metern reckt er sich eifersüchtig dem älteren Bruder nach. Der Obelisk, mit Kreuz obendrauf, der Fichtenbaum, an der Spitze mit einem Stern geschmückt. Den ganzen Advent und die Weihnachtswochen haben sie jetzt Zeit, um das ein oder andere Gespräch zu führen. Wie dieses hier:

Fichte: Ich bin schöner!

Obelisk: ...aber dümmer.

Fichte: Ganz schön eingebildet!

Obelisk: Ich habe schon so viele Tannenbäume gesehen, die dann zu Zahnstochern verarbeitet wurden.

Fichte: Glaubst wohl, ewig zu leben? Obelisk: Das Ende der Zeiten werde ich bestimmt erleben.

Fichte: Was für ein Ende der Zeiten? Obelisk: Dann, wenn der Messias wiederkommt.

Fichte: Was denn für ein Messias?

Obelisk: Schau mal hinter dich, auf die Krippe da.

Fichte: Ich sehe nur ein Kind.

Obelisk: Eben... Mann, bist du dumm!

Fichte: In Niederösterreich glaubt aber niemand an das Ende der Zeit, die meinen, dass immer alles so weitergeht. Obelisk: Meine Erbauer glaubten an das Totenreich. Aber da drüben, in der Sixtinischen Kappelle, findest Du das Ende der Geschichte. Mein Freund Michelangelo hat das Jüngste Gericht gemalt.

Fichte: Gericht? Schrecklich!

Obelisk: Du wirst es nicht erleben!

Fichte: Die Menschen...?

Obelisk: Ja, alle!

Fichte: Und wer hilft ihnen da?

Obelisk: Jetzt schau doch in die Krippe!

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