Zwischen Cappuccino und Konklave

Wer jetzt in Rom ist, erlebt die Kirchengeschichte live – mit all den wilden Spekulationen und Gerüchten. Journalisten aus der ganzen Welt sind angereist, um den neuen Papst in Worten und Bildern festzuhalten. Wer wird es sein? Welche Fähigkeiten werden den neuen Heiligen Vater auszeichnen? Woher wird er kommen? Man braucht viel Energie, um in der römischen Gerüchteküche die Übersicht zu behalten – und den Glauben an das Wesentliche. Von Monika Metternich
Foto: dpa | Rom befindet sich seit Tagen im Konklave-Fieber. Journalisten heizen die Stimmung zusätzlich an. Zeit für einen neuen Papst.
Foto: dpa | Rom befindet sich seit Tagen im Konklave-Fieber. Journalisten heizen die Stimmung zusätzlich an. Zeit für einen neuen Papst.

Heute beginnt das Konklave. So viel ist sicher. Alles andere ist offen. Kaum einer erfährt das dieser Tage deutlicher als die Medienschaffenden, welche sich in Rom inzwischen zuhauf versammelt haben. Zwischen den prall gefüllten Rucksäcken der vielen Schülergruppen aus aller Welt, die zu dieser Jahreszeit ihre Klassenfahrten nach Rom unternehmen und dabei ganz unvermittelt mitten in ein Weltereignis geraten, rollen am Flughafen Fiumicino seit Wochen und Tagen Kameras und sicherheitsgeprüfte, undefinierbare Riesengeräte auf dem Fließband heran. Am Abholpunkt werden auffällig viele Schilder hochgehalten, auf welchen die Kürzel der weltgrößten Fernsehsender vermerkt sind. Große Ereignisse werfen eben ihre Schatten voraus: Bald wird es einen neuen Papst geben. Und viele, viele wollen berichten.

Vor der „Sala Stampa“, dem vatikanischen Presseamt in der zum Petersplatz führenden Via della Conciliazione, bilden sich weiterhin lange Schlangen auf Akkreditierung wartender Journalisten. Selbst erfahrene „alte Hasen“ warten dort noch auf ihre Akkreditierung – der eine, weil sein Foto nicht kompatibel mit dem brandneuen Erfassungssystem des vatikanischen Presseamtes ist, bei anderen fehlen bereits übermittelte Dokumente – doch viele preisen auch das hervorragende neue Meldesystem, das sich nun viel schneller als vermutet bewähren muss. Dem einen oder anderen bleibt aber die bange Frage: Hat das neue virtuelle System des vatikanischen Presseamtes die erforderlichen Dokumente übernommen oder nicht? Muss man das Prozedere erneut wiederholen und wird es irgendwann klappen? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Zum Glück gibt es im Café nebenan wunderbaren Espresso – auch zum Mitnehmen. Während der Wartezeiten werden – natürlich vorzugsweise beim Kaffee – Einschätzungen und Skurrilitäten ausgetauscht. Was war das für eine Woche, in der Tag für Tag der vatikanische Pressesprecher Pater Lombardi zu vermelden hatte, dass es zu dem Thema, das die Welt am meisten interessierte, nichts zu vermelden gebe: „Non e stata ancora presa alcuna decisione circa la data d’inizio del Conclave“ – keine Entscheidung bezüglich des Konklaves. Da mischten sich öfter Gelächter und Stöhnen im Pressesaal. Das Internetportal katholisch.de titelte sogar schon halb verzweifelt, halb resignierend: „Die Kardinäle haben gerade wieder nicht über einen Termin für den Beginn des Konklave entschieden“. In keinem anderen Kontext könnte es eine solche Meldung geben („Heute fand gerade wieder nicht ein Streik statt“). In einer Sedisvakanz ist hingegen offenbar alles möglich. Weil vieles eben ungewiss ist. Die demonstrative Entschleunigung erschien vielen wie ein Anachronismus: da warten hunderte von Kamerateams und über 5 000 Journalisten auf eine Entscheidung – und nichts scheint sich zu tun. Stattdessen gab es bei einer Pressekonferenz täglich jede Menge Informationen über die eintreffenden Kardinäle und deren Vereidigung, die Themen, welche die Kardinäle gerade beschäftigten, die Anzahl der Wortmeldungen sowie die Regelung der Redezeiten. Die Inhalte selbst blieben geheim. Dafür wurden Videos gezeigt von den Urnen, in denen später – wenn es dann endlich losgeht – die Wahlzettel im Konklave eingeworfen werden sowie von den Fortschritten der Vorbereitungsmaßnahmen in der sixtinischen Kapelle: Das Verkleben der Fenster, die Erhöhung des Bodens, das Herbeischaffen von Röhren für die Öfen – unwirklich erscheinende Stummfilme im Dämmerlicht.

Zum „Tag der Frau“ gab es im Pressezentrum ganz unvermutet Blumen für die Damen – und in den Cafeterien kursierte bald darauf dazu passend die Geschichte von jenem Kölner Fernsehsender, der beim Leiter der deutschen Abteilung von Radio Vatikan, Pater Hagenkord, um ein Interview angefragt habe. Da der Pater den Termin nicht selbst wahrnehmen konnte, habe er eine hochqualifizierte Kollegin an seiner statt vorgeschlagen. Woraufhin der Sender ablehnte, da in eine Berichterstattung über den Vatikan ja wohl keine Frau passen würde. Ein gutes Beispiel, wie man sich Vorurteile selbst zurechtzimmert, um sie dann erregt zu geißeln? Betretenes Gelächter. Morgens warteten, nach einem schnellen Kaffee in einer der zahlreichen umliegenden Bars, stets Hundertschaften von Berichterstattern und Kameraleuten, um einen Blick auf die zur Generalkongregation eilenden Kardinäle zu werfen und vielleicht ein Wort von ihnen zu erhaschen. Für Furore sorgte gleich zu Anfang ein „falscher Bischof“, der zwar den Schweizer Gardisten sogleich als Scharlatan auffiel mit seinem um die Mitte seiner erheblich zu kurz geratenen Soutane gebundenen lila Wollschal. Die Weltpresse schenkte ihm jedoch begierig, was er nicht verdient hatte: zu viel Aufmerksamkeit. Die Meldung vom vermeintlichen Eindringling ins Vorkonklave ging um den Globus. Auch, dass es sich bei dem albernen Scherzkeks um einen Deutschen aus Berlin gehandelt habe. Der Auftritt des – allerdings goldechten – Erzbischofs von Lyon, Kardinal Barbarin, der statt in Soutane mit roter Schärpe in schwarzer Kluft samt Windjacke auf dem Fahrrad zur Generalkongregation vorfuhr, sorgte ebenso für gewaltige mediale Wellen, wurde dieser doch um ein Haar durch die strengen Schweizer zum Dienstboteneingang verwiesen. Auch er erntete immerhin Tausende von Kameraklicks – und ob seiner Sportlichkeit gewiss einige Bewunderung. Plötzlich wurde nun auch registriert, welche Kardinäle im Gegensatz dazu in den ganz dicken Limousinen vorfuhren. Als diesbezüglicher „Sieger“ wurde ein afrikanischer Kardinal ausgemacht.

Nicht nur in den Cafés sorgte es dann bei den Journalisten aus aller Welt für beträchtliche Aufregung, als die amerikanischen Kardinäle überraschend ihre beliebten und viel besuchten täglichen Pressekonferenzen einstellten und so ein weiteres Informationsvakuum entstand. Was war geschehen? Nachdem in diversen italienischen Zeitungen Informationen abgedruckt worden waren, die nur von Insidern aus dem Kardinalskollegium stammen konnten, war diese Praxis wohl auch in der Generalkongregation zur Sprache gekommen, wo man sich ob deren Vertraulichkeit Sorgen zu machen begann. Die Kardinäle verständigten sich auf striktes Stillschweigen – und die amerikanischen Kardinäle beschlossen, keine weiteren Pressekonferenzen zu geben, obwohl sie keinerlei Vertraulichkeiten ausgeplaudert hatten. Die Indiskretionen mussten – so wurde von Medienseite sogleich diagnostiziert – aus der italienischen Kardinalsecke stammen. In einem medialen Stellvertreterkrieg zeigten die vermeintlichen Parteien nun anklagend aufeinander: Die Italiener! Die Amerikaner! Gerüchte schwirrten sogleich um die Kaffeetische herum, im Kardinalskollegium habe es für einige Kardinäle namentlich offene Rügen gegeben aufgrund ihrer Mitteilsamkeit gegenüber der Presse. Diese Annahme wurde wiederum sogleich vom vatikanischen Presseamt dementiert. Nur eins ist so sicher, wie die Milch im Cappuccino schäumt: Nichts Genaues weiß man nicht. Je weniger Informationen verfügbar waren, desto mehr wucherten jedenfalls die Spekulationen zwischen Cappuccino und Konklave. Könnte die überlang erscheinende Zeit von fünf Tagen, in denen die Kardinäle noch nicht über den Zeitpunkt des Konklave-Beginns entschieden haben, nicht vielleicht eine tiefe Bedeutung haben? Die Gerüchteküche erhielt ihre Zutaten aus der Ungewissheit: Können sie sich nicht einigen, die Kardinäle? Wem käme ein baldiges, wem ein späteres Konklave zugute? Wovon handeln die vielen Wortmeldungen? Wer kämpft gegen wen? Wer hat etwas zu verbergen, zu vertuschen? In den Bars um den Vatikan herum wurde diskutiert, erwogen, gemutmaßt – und Kaffee konsumiert.

Als am Freitag dann endlich die Entscheidung zum Beginn des Konklaves gefallen war, wich die Anspannung – zumindest für einen Moment. Mit überwältigender Mehrheit sei diese Entscheidung gefallen, hieß es in der vatikanischen Verlautbarung, welche die meisten vorherigen Mutmaßungen konterkarierte. Der gewählte Zeitpunkt habe sich vielmehr vor allem daran orientiert, wann die Sixtinische Kapelle und die Wohnstätte der Kardinäle während des Konklaves, das Gästehaus des Vatikans „Domus Sanctae Marthae“, bereit seien. Was doch an sich logisch und praxisnah klingt. Darauf einen Espresso.

Dank der eindrucksvollen vatikanischen Organisation stand nun für viele der mehr als 5 000 akkreditierten Journalisten aus aller Welt ein geführter Besuch in der Sixtinischen Kapelle an. Von Sixtus IV. erbaut und mit den prächtigsten Renaissancegemälden ausgemalt, war die Sixtina schon vor Tagen für Touristen geschlossen und – als Ergebnis der bereits seit Tagen auf Video beobachteten Fortschritte – inzwischen für die Papstwahl ein ebener Boden ohne Stolperfallen aufgebracht worden. Die rohen Tischaufbauten, die großteils noch darauf warteten, mit rotem Tuch eingeschlagen zu werden, bevor die wählenden Kardinäle an ihnen im Konklave Platz nehmen werden, standen am Samstag noch unfertig unter den eindrucksvollen Fresken Michelangelos herum. Früher, so wurde bei diesem Anblick ganz deutlich, hätte das Konklave jedenfalls nicht beginnen dürfen. Die Öfen, in denen die Wahlzettel verbrannt werden, wurden zum begehrten Fotomotiv: Sie tragen die eingravierten Daten der Papstwahlen, bei denen sie dienten, angefangen mit der Wahl Pius' XII. im Jahr 1939.

Beobachten konnte man nun auch, wie der Kamin auf dem Dach der Sixtina in schwindelnder Höhe montiert wurde. Die Fernsehstationen auf dem gegenüberliegenden Hügel hatten ihre Kameras längst in Position gebracht, ihre Scheinwerfer im beginnenden Abendlicht unübersehbar. Die Kuppel von Sankt Peter war derweil zart silbern glänzend umwölkt, nur ausgemachte Pessimisten vermuteten bei dem idyllischen Anblick einen baldigen Wetterumschwung. Noch immer standen Tausende auf dem Petersplatz in langen Schlangen an, um in den Petersdom zu gelangen. Viele von ihnen blickten auf ihrem Weg zu den Kontrollen hinauf zu den geschlossenen Fenstern im dritten Stock des Apostolischen Palastes, in denen kein Licht mehr brennt. Wehmütig sahen viele aus. Ja, bestätigten Pilger aus aller Welt auf Nachfrage, sie seien traurig. Wie habe man „unserem lieben Papst“ mitgespielt. Es sei ein Trauerspiel, sagte ein Student aus dem Senegal. Er habe Benedikt XVI. viel zu verdanken. Er brauche noch etwas Abstand, bevor er sich auf die Wahl eines neuen Papstes freuen könne. Aber dabei sein, das werde er. Hier auf dem Petersplatz werde er auf den weißen Rauch warten. Und die Umstehenden stimmten ihm zu. Das müsse man doch erleben.

Die Kamerateams zogen derweil immer noch über den Platz und interviewten alles, was einen römischen Kragen trägt. Hörte man ein wenig in diese Gespräche hinein, so schien immer dasselbe Thema bestimmend: Wie soll der nächste Papst sein? Die Antworten entsprechen einer Quadratur des Kreises: Charismatisch soll er sein und intellektuell brillant, ein Meister des Wortes, aber auch der Tat, ein Kenner der Kurie, ohne mit ihr verbandelt zu sein, den „Saustall ausmisten“ solle er – und barmherzig sein. Die Vatikan-Experten hingegen sprechen von einer möglichen Patt-Situation, bei der zwei „Blöcke“ ihre Kandidaten gegenseitig blockieren, wovon dann ein Dritter profitieren könne. Die meistgenannten Kandidaten sind: der Italiener Scola, der Brasilianer Scherer und der Kanadier Ouellet. Und kommt zum unvermeidlichen Café noch ein Grappa hinzu, dann träumt manch einer doch noch von einem Papst aus Manila, aus Budapest oder New York.

Am Sonntag Laetare – Freut euch! Der letzte Sonntag vor Beginn des Konklave! – füllten sich die römischen Titelkirchen. Viele Kardinäle zelebrierten in ihrer bei der Kardinalserhebung zugewiesenen römischen Pfarrei die Sonntagsmesse. In einigen Kirchen waren dabei bedeutend mehr Journalisten und Kameramänner als Gläubige anwesend. Die anschließend bei einem Essen ausgewerteten Vergleiche des quantitativen medialen Massenandrangs bei den einzelnen Kardinälen geben zumindest Aufschluss über die Präferenzen der Pressebeobachter. Recht viele der Kardinäle könnten Papst werden, gemessen am Zuspruch der Medien. Nichts Genaues weiß man nicht. Inzwischen hat der Regen seine Schleusen geöffnet und Wolkenbrüche überschwemmen die römischen Straßen. „Der Himmel weint“, bemerkt der Padrone, der noch einen letzten Espresso serviert. Heute geht es nun los. Endlich. Zeit für Fakten. Veni Sancte Spiritus.

Themen & Autoren

Kirche