Zweifelhafter Abzug auf Raten

Die Afghanen sollen nach und nach selbst für die eigene Sicherheit im Land sorgen. Von Carl-H. Pierk
Foto: dpa | Nach dem vollständigen Abzug der ISAF-Truppen 2014 sollen sie für Ordnung sorgen: Afghanische Sicherheitskräfte in Masar-i-Scharif.
Foto: dpa | Nach dem vollständigen Abzug der ISAF-Truppen 2014 sollen sie für Ordnung sorgen: Afghanische Sicherheitskräfte in Masar-i-Scharif.

Schrittweise übernimmt Afghanistan zurzeit die Verantwortung für die eigene Sicherheit. In sieben Gebieten haben afghanische Armee und Polizei bereits in diesen Tagen das Kommando von der Internationalen Schutztruppe ISAF übernommen. Afghanische Sicherheitskräfte hatten kürzlich am Bundeswehrstandort Masar-i-Scharif im Norden des Landes offiziell das Kommando von der internationalen Schutztruppe ISAF übernommen. In Masar-i-Scharif hat die Bundeswehr ihr größtes Feldlager in Afghanistan, neben den Lagern in Kundus, Faisabad und Kabul.

Nach einem NATO-Beschluss soll der Kampfeinsatz am Hindukusch bis 2014 beendet und die Sicherheitsverantwortung für das Land bis dahin schrittweise an die Afghanen übergeben werden. Ausländische Soldaten sollen danach nur noch zur Ausbildung und Unterstützung der afghanischen Truppen im Land bleiben. Die Mehrheit der derzeit etwa 140 000 NATO-Truppen wird bis Ende 2014 abgezogen. US-Präsident Barack Obama hatte angekündigt, in diesem Jahr 10 000 Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Bis Sommer 2012 sollen insgesamt 33 000 US-Soldaten das Land verlassen. Einen konkreten Zeitplan für den Abzug der etwa 5 350 Bundeswehr-Soldaten aus Afghanistan gibt es nicht. Eine Reduzierung der Bundeswehr-Truppen soll wie geplant Ende des Jahres beginnen. Nach und nach soll ein selbstverantwortetes Afghanistan entstehen. Es ist ein Wandel, der tiefgreifender nicht sein kann. Nie haben fremde Mächte Afghanistan nach ihren Vorstellungen formen können. Auch die waffenstarke Sowjetunion verteidigte ihre Sicherheit am Hindukusch. Sie verlor nach zehn Jahren in einem katastrophalen Umfang Menschen, Material und Macht. Und wie sieht die sicherheitspolitische Lage heute aus? „Die Aufständischen sind auf der Überholspur, militärisch und politisch“, dämpft einer der besten Kenner des Landes, Reinhard Erös, Gründer der „Kinderhilfe Afghanistan“, den allgemein verbreiteten Optimismus. Erös lebt und arbeitet seit 25 Jahren in den Paschtunen-Regionen Afghanistans und Pakistans. Der einstige Oberstarzt der Bundeswehr und Autor der Afghanistan-Bestseller „Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen“ und „Tee mit dem Teufel“, in dem er seine Begegnungen mit Osama Bin Laden in Pakistan schildert, sieht die amerikanische Rückzugsstrategie allein in den innenpolitischen Schwierigkeiten von Präsident Barack Obama begründet. Zwar sei es gelungen, erläutert Erös im Gespräch mit dieser Zeitung, Osama Bin Laden zu töten, doch von den beiden anderen Kriegszielen – die Taliban massiv zu schwächen und leistungsfähige afghanische Streitkräfte aufzubauen –, sei die NATO unter US-Führung auch nach zehn Jahren weit entfernt.

Neben der militärischen Hilfe unterstützt Deutschland Afghanistan auch beim Aufbau der Wirtschaft und Infrastruktur. Bis 2013 will die Bundesregierung 430 Millionen Euro ausgeben, um vor allem im ländlichen Raum Strom- und Wasserleitungen legen zu lassen, sodass wenigstens 50 Prozent der Menschen Zugang dazu haben. Außerdem sollen so Arbeitsplätze geschaffen werden. Erös meldet hier Widerspruch an. Auch nach zehn Jahren Krieg hätten acht von zehn Afghanen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und ärztlicher Versorgung, gingen wegen der Geburtenrate von sieben Kindern pro Familie prozentual immer weniger Kinder zur Schule und seien 30 Prozent aller Kinder chronisch unterernährt. Die UN-Entwicklungsorganisation UNDP habe vor wenigen Monaten festgestellt, dass sich die humanitäre Situation der Afghanen seit 2002 nicht verbessert hätte. Erös spricht unbequeme Ansichten über die Lage in dem Land am Hindukusch aus, die deutsche Politiker nicht gerne hören: „Wider besseres Wissen begründen noch heute deutsche Politiker den Bundeswehreinsatz als zwingend notwendig zum ,Aufbau ziviler, rechtsstaatlicher Strukturen am‘ Hindukusch, obwohl inzwischen jeder wissen müsste, dass er hier von Potemkinschen Dörfern spricht.“

Erös kritisiert zugleich Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr in Afghanistan. „Um ihren Auftrag überhaupt nur angehen zu können, benötigen unsere Soldaten im Norden des Landes massive Unterstützung der US-Armee. Die Erfahrungsberichte unserer Kommandeure bestätigen erhebliche Mängel in der Ausbildung und Ausrüstung der Truppe. Selbst unsere verwundeten Soldaten können nur mit Hilfe von US-Hubschraubern auf dem Gefechtsfeld geborgen werden.“ Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere hatte darin kein Problem gesehen. Das sei nicht Abhängigkeit, sondern Zusammenarbeit. Die Bundeswehr sei schließlich zusammen mit Verbündeten im Einsatz.

Es steht nicht in Frage, dass das militärische Engagement in Afghanistan ein Ende haben muss. Fraglich ist nur, wie eine dauerhafte Stabilisierung des Landes erreicht werden kann. Noch bilden die ausländischen Truppen die Pfeiler, auf denen alles ruht. Sind die weg und sind die afghanische Polizei und Armee bis dahin nicht gefestigt genug, könnte das ganze Gebäude in sich zusammenkrachen.

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