Zurück in die wirkliche Wirklichkeit

Das Internet ist so groß und so weit, dass es auch für seine Dissidenten genügend Platz bietet

Von Stephan Baier

„Abusus non tollit usum“, wie der gebildete Europäer, bei dem Cicero und Thomas von Aquin zur Morgenlektüre gehören, weiß. Weil der Missbrauch einer Sache deren (rechten) Gebrauch nicht aufhebt, sondern eher animiert, sehen wir alles, was uns richtig auf die Nerven geht, schlimmstenfalls „differenziert“.

Wer wird schon wegen der Wirtschaftskrise sein Sparbuch wegwerfen, oder wegen der Familienpolitik sein Parteibuch? Wer wird wegen ekliger SPAM-Mails das Internet kündigen oder wegen verblödeter Quiz-Werbesendungen den Fernseher? Ja, das Internet, bei dem die Desinformation zur Information gehört wie das Ausatmen zum Einatmen, das sehen wir ganz besonders differenziert. Toll, was das alles kann! Längst gibt es Menschen, die es gar nicht wirklich gibt. Die leben virtuell, essen virtuell und lernen täglich (auch nächtlich) im Internet neue virtuelle Menschen kennen, deren virtuelle Freunde sie sofort werden können. Spezielle virtuelle Quatschbuden für Schüler und Studenten sind so weit fortgeschritten, dass jeder hier mit jedem über alles – in Wirklichkeit meistens über nichts – stundenlang ebenso kosten- wie sinnlos chatten kann. 250 Millionen Menschen sind weltweit bei Facebook registriert. Wie immer, wenn eine Mode ihrem Höhepunkt zusteuert, gibt es auch hier Aufgeweckte, die im antizyklischen Verhalten ihren Erfolg suchen: Sie wollen nicht länger als Internetexistenz mit anderen Internetexistenzen angeblich Persönliches austauschen oder stundenlang Info-Müll sichten, sondern lieber mit wenigen, aber real existierenden Freunden gemütlich auf ein Bier gehen.

Und wo wird ihnen geholfen? Na, im Internet natürlich: Da hat der Web-Entwickler Dieter Willinger eine Homepage (www.ausgestiegen.com) für jene eingerichtet, die Facebook & Co. den Rücken kehren wollen. So nimmt man virtuell Abschied vom virtuellen Leben.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann