Berlin

"Zum gelungenen Leben von Frauen gehört die geplante Elternschaft"

Katholische Schwangerschaftsberatungsstellen sollen wieder Scheine ausstellen. Das fordert die Vorsitzende des Berliner Diözesanverbandes Katholischen Deutschen Frauenbundes, Barbara John.
Beratungsschein für Abtreibung
Foto: dpa (dpa) | Flammt der Streit vom Ende der 90er Jahre wieder auf? Eine Mitarbeitern des SKF zeigt 1998 das Formular für einen Beratungsschein.

Frau Professor John, Sie fordern, katholische Schwangerschaftsberatungsstellen sollten Scheine ausstellen, die nach dem Gesetz zur straffreien Abtreibung berechtigen. Abgesehen davon, dass die Scheinfrage, die die katholische Kirche in Deutschland vor 20 Jahren fast zerrissen hätte, geklärt schien: Was können Caritas und Sozialdienst katholischer Frauen, was der Verein Donum Vitae nicht kann?

Es wird klarer, wenn die Frage so gestellt wird: Was kann Donum Vitae, was Caritas und SkF nicht können? Donum Vitae hat nämlich mehr Handlungsspielraum als Caritas und SkF: Es kann Scheine ausstellen. Diese Kompetenz wünschen wir uns für alle Beratungsstellen in katholischer Trägerschaft. Jede katholische Beratungsstelle sollte in allen Hilfeoptionen für Schwangere in Konfliktsituationen kompetent sein. Darüber hinaus gibt es zwischen den genannten Beratungsstellen keine relevanten Unterschiede: Alle drei beraten Frauen, wie sie die Schwangerschaft weiterführen können und erklären die Hilfesysteme. Die Beratung erfolgt aber gleichzeitig ergebnisoffen. Das Recht der Frau, selbst zu entscheiden, bleibt verbindlich.

Damit kein Missverständnis entsteht: Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) möchte also, dass Caritas und SkF wieder jene Bescheinigungen ausstellen, die Ärzte zur Vornahme von straffreien vorgeburtlichen Kindstötungen berechtigen?

"Wir befürworten, dass die Frauen bei Caritas
und SkF nach einer Beratung die Bescheinigung erhalten können,
damit sie – sollte keine andere Möglichkeit bestehen –
straffrei die Schwangerschaft beenden können"

Wir befürworten, dass die Frauen bei Caritas und SkF nach einer Beratung die Bescheinigung erhalten können, damit sie – sollte keine andere Möglichkeit bestehen – straffrei die Schwangerschaft beenden können. Das befürworten wir, im Wissen darum, dass Frauen diese Bescheinigung in anderen ergebnisoffenen Beratungsstellen erhalten. Also meiden sie von vornherein die unsrige, wenn wir nicht grundsätzlich ergebnisoffen beraten. Das schließt aber nicht aus, dass wir die existierenden Hilfen und Unterstützungen anbieten, wenn es einen Ansatzpunkt gibt, das Kind behalten zu können. Diese Auffassung haben wir als KDFB Berlin.

Sie sagen „Abtreibung ist kein Verbrechen“. Das Zweite Vatikanische Konzil erklärt in der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils „Gaudium et Spes – über die Kirche in der Welt von heute“: „Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuenswürdige Verbrechen“. Was macht Sie eigentlich so sicher, dass die versammelten Konzilsväter irrten und nicht Sie?

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Gilt nicht für alle Menschen, dass sie permanent irren? Die Frage, wer weniger irrt, hilft hier nicht weiter. Es ist der Blick auf die betroffenen Frauen, der uns den Weg weisen kann, in welche Richtung zu entscheiden ist. Lehrt nicht die Erfahrung, dass Frauen unter bestimmten Umständen abtreiben, egal, ob es erlaubt ist oder nicht? Das Gesetz beeinflusst allerdings, wie das geschehen kann. Illegal mit vielen begleitenden Folgeproblemen oder legal, das heißt, sicherer für die körperliche Gesundheit der Frau, aber dennoch belastend für die Psyche, wie aus vielen Studien bekannt ist. Die lebensfremde Logik, genauer der Befehl der Konzilsväter, ob sie nun irren oder nicht, kann nicht die Antwort sein. Damit lässt sich zwar die eigene Schad- oder Schuldlosigkeit öffentlich vorführen, aber zu Lasten der Frauen, die Unterstützung brauchen statt Verdammnis. Wir als katholischer Frauenverband stehen den Frauen zur Seite. Ich bleibe dabei: Es ist hochmütig, Frauen, die abtreiben, als „Verbrecherinnen“ zu beschuldigen. Keine Schwangere entscheidet sich leichtfertig, die Schwangerschaft zu beenden. Diese Annahme entspricht nicht der Lebensrealität von Frauen. Von allen Menschen erwarte ich Mitgefühl und Verständnis für Frauen in solchen Notlagen. Anstatt Beschuldigungen auszusprechen, soll die katholische Kirche mit ihren Beratungsstellen Wege und Hilfsangebote für ein Leben als Mutter aufzeigen. Und wo es keinen anderen Ausweg als eine Abtreibung gibt, muss die Kirche die Betroffenen auffangen.

Die Erfahrung lehrt auch, dass Kinder missbraucht werden. Nicht selten von den eigenen Eltern, von Lehrern und sogar Priestern. Trotzdem kenne ich niemanden, der meint, solche Verbrechen sollten nicht beim Namen genannt werden und die Ansicht verträte, der einzige Weg, dem zu begegnen, seien Verständnis und Hilfsangebote für die Täter. Wird Ihre Position eigentlich nicht erst verständlich, wenn man die Tötung eines unschuldigen und wehrlosen Kindes im Mutterleib als etwas betrachtet, das weit weniger gravierend sei als etwa die schwere Schädigung oder gar Zerstörung der Person durch sexuellen Missbrauch?

"Die Frauen wissen um ihre Verantwortung.
Die betrifft aber nicht nur das werdende Leben,
sondern auch ihr Leben mit allen Problemen,
die nur sie kennen kann"

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Die Situation einer schwangeren Frau ist einzigartig. Nur sie kann Leben empfangen und weitergeben und die Frauen wissen um ihre Verantwortung. Die betrifft aber nicht nur das werdende Leben, sondern auch ihr Leben mit allen Problemen, die nur sie kennen kann. Und deshalb wird auch jeder moralische Zwang von außen –, wir fundamentalistischen Abtreibungsgegner sagen dir, was jetzt allein wichtig ist und was nicht‘— an ihr abprallen, wenn sie darin keinen Ausweg aus ihrer Notlage sieht. Zumal die problematische Situation, die zur Abtreibung geführt hat, ja bleibt und erschwert werden kann durch psychische Belastungen aufgrund der Abtreibung. In einer solchen Situation stehen wir als katholischer Frauenverband an der Seite der Frauen.

Mit Maria Flachsbarth steht an der Spitze des KDFB eine Präsidentin, die öffentlich für eine Organisation wirbt, die vorgeburtliche Kindstötung zu einem Frauenrecht erklärt. Ihnen bereitet das keine Magenschmerzen. Warum nicht?

Zunächst einmal: Ihre Frage versucht den Anschein zu erwecken, dass der KDFB sich für „vorgeburtliche Kindstötungen“ einsetzt. Das ist falsch. Frau Dr. Flachsbarth ist als Parlamentarische Staatssekretärin Botschafterin für SheDecides, eine internationale Initiative für Frauengesundheit. In dieser Position setzt sie sich für sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen weltweit ein. Dadurch sollen Abtreibungen verhindert werden. Kopfschmerzen sollte uns allen die Lebenswirklichkeit von Millionen Mädchen und jungen Frauen bereiten. 21 Millionen Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren werden jährlich in Entwicklungsländern ungewollt schwanger – oft infolge von sexueller Gewalt, fehlendem Zugang zu Verhütungsmitteln und Sexualaufklärung. Hier ist Wegschauen keine Option. Frauen riskieren ihr Leben, um ungewollte Schwangerschaften zu beenden – weil es keine sicheren und legalen Alternativen gibt. Weltweit sterben jährlich mehr als 22.800 Frauen infolge unprofessioneller Schwangerschaftsabbrüche, weitere sieben Millionen werden krankenhauspflichtig. Ich frage Sie: Wie human denken angesichts dieser Realitäten jene, die das Engagement von Initiativen für Frauengesundheit in Frage stellen?

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Korrektur: Meine Frage versucht keinen Anschein zu erwecken, sondern problematisiert das öffentliche Engagement Ihrer Präsidentin für eine Tarnorganisation der International Plannend Parenthood Federation (IPPF), neben Marie Stopes International (MSI) der größte Anbieter vorgeburtlicher Kindstötungen weltweit. Wie Sie ja mitbekommen haben dürften, ist das für viele Katholiken ein erhebliches Ärgernis. Letzte Frage: Wollen Sie behaupten, wer sich für die Gesundheit von Mädchen und Frauen engagiert, müsse sich dazu mit den Anbietern von Abtreibungen ins Bett legen?

Berliner KDFB-Vorsitzende Barbara John
Foto: Christoph Schmidt (dpa) | Ginge es nach Barbara John, sollten katholische Schwangerschaftsberatungsstellen sollten wieder jene Scheine ausstellen dürfen, die Ärzte nach dem Gesetz zur Vornahme einer straffreien Abtreibung berechtigen.

Zur Gesundheit und zum gelungenen Leben von Frauen gehört die geplante Elternschaft. Wer sich dafür einsetzt – und IPPF bietet an Gesundheitsleistungen noch viel mehr – verdient jede Unterstützung, auch von Ihnen und den Lesern der „Tagespost“.

 

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21.12.2020, 15  Uhr
Cornelia Kaminski
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Stefan Rehder Barbara John

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