Zollitsch kritisiert Verhalten der Parteien

Erzbischof vermisst christliche Themen im Wahlkampf und warnt vor „Versündigung an späteren Generationen“

Würzburg (DT/Re) Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat fehlende christliche Themen im Wahlkampf und den Umgang der Parteien mit der Finanz- und Wirtschaftskrise kritisiert. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte der Freiburger Oberhirte: „Wenn wir an die Wirtschaftskrise oder die Staatsverschuldung denken, habe ich den Eindruck, dass die Parteien diesen Fragen ausgewichen sind. Wir müssen die Bevölkerung informieren. Das, was wir heute an Schulden machen, muss irgendwann einmal zurückgezahlt werden, und wir dürfen nicht alles den kommenden Generationen überlassen.“

Gegenüber der Ankündigung von Steuersenkungen zeigte sich Zollitsch skeptisch. „Ich stelle die Frage, wie sie finanziert werden sollen, aber ich bin gespannt, welche Vorschläge konkret die Parteien dann machen werden.“ Der Erzbischof rief die Parteien dazu auf, die Bürger darüber zu informieren, mit welchen Einsparungen man die Staatsverschuldung abbauen will. „Die Bürger müssen wissen, wie die Parteien daran denken, dann tatsächlich Staatsverschuldung abzubauen, und ich habe den Eindruck, dass man dieser Frage noch weitgehend ausweicht, um offensichtlich nicht manche Leute abzuschrecken.“

Im Blick auf den abzubauenden Schuldenberg sprach Zollitsch von einer „großen Belastung für die nachfolgenden Generationen“. Die Politik müsse sofort daran gehen, Schulden abzubauen. Das dürfe man nicht den nachfolgenden Generationen überlassen. Das wäre „eine Versündigung an den späteren Generationen“, mahnte Zollitsch.

Weiter sagte der Erzbischof: Es sei wichtig, dass das, was Parteien versprechen, so vermittelt werde, „dass die Menschen spüren, dahinter steckt eine Konzeption, auf die ich mich einlassen kann“. Wenn das nicht der Fall sei, schade das der Demokratie und schwäche das Vertrauen. Mit Nachdruck riet Zollitsch von Wahlenthaltung ab. Er könne die Enttäuschung mancher zwar verstehen. Aber wer sich enttäuscht zurückziehe und nicht zur Wahl gehe, verzichte auf die Möglichkeit, mitzubestimmen. Zollitsch rief dazu auf, sich zu überlegen, welche Parteien und Programme dem am nächsten kämen, was man sich selbst vorstelle. „Die ideale Partei, die immer alle meine Wünsche umsetzt, die wird es in dieser Form nicht geben“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Zollitsch verneinte die Frage, ob es derzeit eine Partei gebe, die das in Reinkultur vertrete, worauf es der katholischen Kirche ankomme.

Im Blick auf den Wahlkampf kritisierte der Erzbischof fehlende Themen: „Ich vermisse die Besinnung auf die zentralen christlichen Werte, wie ich etwa auch das Thema Bildung vermisst habe, weil das auch ein wichtiges Zukunftsthema ist. Darum ist es schon wichtig, dass wir auch die Parteien daran erinnern, worauf wir von ihnen Antworten erwarten. Das ist nicht nur unser Recht, das ist unsere Pflicht.“ Auf die Frage, ob sich die Katholiken von der evangelischen Kanzlerin vertreten fühlten, antwortete Zollitsch: „Ich habe nicht den Eindruck, dass die Katholiken sich da vertrieben fühlen, aber es ist sicher wichtig, dass auch die Parteien zeigen, wie Christen in ihnen eine Heimat haben, wie sie mitwirken können, und da kommt es immer darauf an, möglichst die Leute auch so anzusprechen, dass sie verstehen, dass ihre Anliegen und ihre Sorgen aufgenommen sind.“ Merkels Kritik an Papst Benedikt im Zuge der Causa Williamson habe ein „Reihe von Katholiken enttäuscht“. Auch er selbst sei „verwundert gewesen“, sagte der Erzbischof.

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