Wut im Bauch

Literaturkritiker Reich-Ranicki verreißt das Fernsehen und hat damit Erfolg

Von Markus Reder

Stinksauer muss er gewesen sein. Er hat innerlich gekocht, dann brach die Wut heraus. Unvermittelt, zornig, zügellos. Er hat sie beschimpft, verspottet, ihre Niveaulosigkeit gegeißelt und ihnen den ihm zugedachten Preis für sein Lebenswerk vor die Füße geworfen. Die ganze Fernsehelite war geschockt. Den TV-Mächtigen verzog es ihr Kameralächeln. Eklat. Skandal. Schlagzeilen. Wie wunderbar. Das war ein Auftritt ganz nach dem Geschmack von Marcel Reich-Ranicki. Jahrzehnte hat sich der Mann darin geübt, Bücher zu verreißen. Jetzt war es an der Zeit für den ganz großen Verriss: Für den des Fernsehens. Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises hätte Ranicki für sein Lebenswerk geehrt werden sollen. Doch statt Dankesworte gab es eine Klatsche für die TV-Prominenz im Saal. Der Literatur-Papst ereiferte sich über den Fernseh-Blödsinn und verweigerte die Ehrung.

Die einen fanden seinen Auftritt verletzend. Andere äußerten Verständnis. Der Gala-Abend sei auch wirklich eine Zumutung für Ranicki gewesen. Solches Mitleid ist fehl am Platz. Es geht hier nicht um einen unerträglichen TV-Abend. Auch nicht um die neuen Leiden des alten Reich-Ranicki. Was nervt, ist der Blödsinn, den wir alle tagtäglich im Fernsehen vorgesetzt bekommen. Dagegen erfolgreich polemisiert zu haben, ist allemal einen Eklat wert. Ranicki hat seine Chance instinktsicher genutzt. Und beim Fernsehen hat man reagiert. Schneller hat nie jemand eine Kultursendung bekommen. Unter dem Titel „Aus gegebenem Anlass“ zeigt das ZDF bereits am Freitag (22.30 Uhr) ein Gespräch zwischen Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk über Qualität im Fernsehen. Gute Einschaltquote garantiert! Und was lernt man daraus? Wer wissen will, wie man mit Wut-Reaktionen richtig erfolgreich sein kann, sollte auf jeden Fall Marcel Reich-Ranicki und nicht Kevin Kuranyi fragen.

Themen & Autoren

Kirche