„Wohlstand soll dienen und nicht die Menschen beherrschen“

In einer Botschaft an das Weltwirtschaftsforum in Davos geht Papst Franziskus mit den Eliten der internationalen Politik und Wirtschaft hart ins Gericht. Von Guido Horst
Foto: dpa | Es geht um mehr als das reine Wachstum, mahnt der Papst in seiner Botschaft.
Foto: dpa | Es geht um mehr als das reine Wachstum, mahnt der Papst in seiner Botschaft.

Rom (DT) Papst Franziskus hat seine Kritik am internationalen Wirtschaftssystem bekräftigt. In einer Botschaft an das noch bis Samstag im schweizerischen Davos tagende Weltwirtschaftsforum, die der Vatikan am Dienstag veröffentlicht hat, ruft der Papst zu mehr Verantwortung und zu einem Mentalitätswandel der wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträger auf. Franziskus wiederholt dabei die Kritik an der „Kultur der Gleichgültigkeit“, die er schon beim Besuch des Auffanglagers auf der Insel Lampedusa formuliert und in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ wiederholt hatte: Wer in Politik und Wirtschaft Entscheidungen zu fällen habe, so der Papst, trage „eine klare Verantwortung gegenüber anderen, vor allem denjenigen, die am zerbrechlichsten, schwächsten und verwundbarsten sind. Es ist nicht hinnehmbar, dass Tausende von Menschen weiterhin jeden Tag an Hunger sterben, obwohl erhebliche Mengen an Nahrung verfügbar sind und oft einfach verschwendet werden. Ebenso können wir nicht anders, als bewegt zu sein von den vielen Flüchtlingen, die ein Mindestmaß an würdigen Lebensbedingungen suchen und nicht nur keine Gastfreundschaft erfahren, sondern auf ihrem oft unmenschlichen Weg auch oft auf tragische Weise zugrunde gehen.“

Die Botschaft des Papstes ist an den Gründer und Präsidenten des Weltwirtschaftsforums, Professor Klaus Schwab, gerichtet, der Präsident des vatikanischen Rats „Iustitia et Pax“, Kardinal Peter Turkson, hat sie eigens nach Davos überbracht, wo seit Mittwoch etwa vierzig Staats- und Regierungschefs sowie um die fünfzehnhundert Spitzenvertreter aus der Wirtschaft, unter ihnen Repräsentanten der größten Konzerne der Erde, über das Thema „Neugestaltung der Welt: Konsequenzen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft“ beraten.

Franziskus lobt in der Botschaft zunächst die Erfolge, die den Menschen dienen, wie etwa auf den Gebieten „der Gesundheit, der Erziehung und der Kommunikation“, geht dann aber umso härter mit der Weltpolitik und Weltwirtschaft ins Gericht. Franziskus fordert „Mechanismen und Prozesse, die darauf ausgerichtet sind, eine bessere Verteilung des Wohlstands, das Schaffen von Beschäftigungsmöglichkeiten und eine integrale Förderung der Armen, die über eine bloße Wohlfahrtsmentalität hinausgeht, herbeizuführen“. Es gehe um mehr als das reine Wachstum, mahnt der Papst: „Was wir brauchen, ist ein erneuerter, tiefgreifender und erweiterter Sinn für Verantwortung bei allen.“ Die Tätigkeit eines Unternehmers sei eine edle Berufung, „vorausgesetzt, dass er sich von einer umfassenderen Bedeutung des Lebens hinterfragen lässt“, schreibt Franziskus mit Verweis auf „Evangelii gaudium“ (203) und zitiert Benedikt XVI. aus dessen Enzyklika „Caritas in veritate“: Die Entwicklung der Gleichberechtigung verlange mehr als Wirtschaftswachstum, obwohl sie es voraussetze. Sie verlange vor allem „eine transzendente Sicht der Person“, denn: „Ohne die Aussicht auf ein ewiges Leben“ fehle „dem menschlichen Fortschritt in dieser Welt der große Atem“ (11).

Papst Franziskus zeigt sich überzeugt, „dass durch eine solche Offenheit gegenüber dem Transzendenten eine neue politische und wirtschaftliche Mentalität Gestalt annehmen kann. Eine Mentalität, die in der Lage ist, sämtliche wirtschaftliche und finanzielle Aktivitäten zu leiten, im Horizont eines ethischen Ansatzes, der wirklich menschengerecht ist.“ Die internationale Geschäftswelt könne auf viele Männer und Frauen zählen, „die große persönliche Ehrlichkeit und Integrität aufweisen, deren Arbeit inspiriert und geleitet wird von hohen Idealen der Fairness, Großzügigkeit und Sorge für die authentische Entwicklung der menschlichen Familie. Ich fordere Sie auf, auf diese großen menschlichen und moralischen Ressourcen zurückzugreifen und diese Herausforderung mit Entschlossenheit und Weitsicht anzunehmen. Ohne natürlich die spezifischen wissenschaftlichen und fachlichen Anforderungen des jeweiligen Kontextes außer Acht zu lassen, bitte ich Sie sicherzustellen, dass Wohlstand der Menschheit dient, anstatt sie zu beherrschen.“

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