Wo man hinschaut wird gecastet

Lässt sich damit die Wahlmüdigkeit vertreiben?

Von Bernhard Huber

Outcasts sind Menschen, die nicht dazugehören. Weil aber jeder – wozu auch immer – irgendwie doch dazugehören will, haben Casting-Shows regen Zuspruch. Man kann noch so schnell von einem Sender zum nächsten zappen: Seit Dieter Bohlen Superstars in Serie produziert, gibt es vor Casting-Shows einfach kein Entrinnen.

Dabei werden längst nicht mehr nur Superstars vom „Format“ eines Daniel Küblböck gesucht. Nach Topmodels wird ebenso händeringend gefahndet wie nach der Besetzung einer Rolle in irgendwelchen Musicals oder Filmen. Nachdem nun auch Thomas Gottschalk das öffentlich-rechtliche ZDF-Publikum mit seiner Casting-Vorstellung beehrt, hat sich die Frage nach dem Ende dieses Trends fürs erste erledigt.

Und ist es nicht tatsächlich so, dass das ganze Leben ein Casting ist? Reiht sich nicht von der Geburt bis zum Tod ein Casting an das andere? Der Autokauf, das kalte Buffet, das Kreuzchen auf dem Wahlschein, anstehende Investitionsentscheidungen, das Fernsehprogramm – alles das erfordert doch zu jeder Zeit unseren wachen castenden Sachverstand. Den heiligen Paulus in die Nähe des Casting-Prinzips zu rücken, ginge freilich entscheiden zu weit. Auch wenn der Apostel dazu aufgefordert hat, alles zu prüfen.

Dennoch: Casting boomt. Das ist unverkennbar. Vielleicht könnte das auch ein Ansatz sein, unserer wahlmüde gewordenen Demokratie wieder auf die Beine zu helfen. Man müsste nur Wahlen zu Casting-Events weiterentwickeln. Statt magerer Wahlbeteiligung wären Quotenrenner garantiert. Und das Outcast-Gefühl, das den einsamen Wähler in der Kabine solange beschleicht, bis er nicht mehr zu Wahl geht, würde der Vergangenheit angehören. Die Politik würde das wahrscheinlich gar nicht stören. Die gehört ja schon länger zum Showgeschäft.

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