Wirtschaftskrise leert Tafeln für die Bedürftigen

Weniger Spenden und Naturalien für Sammelstellen, die Lebensmittel kostenlos an Menschen mit schmalem Geldbeutel weitergeben – Eine Reportage aus Hamburg

Thomas Tesarz steigt achselzuckend von der Laderampe eines Supermarkts im Hamburger Westen, in der Hand zwei gelbe Kisten. Sie sind leer. „Normalerweise bekommen wir hier 200 bis 300 Kilo Fleisch, aber heute: Gar nüscht.“ Sein Kollege Alan Federer, Fahrer des Transporters der Hamburger Tafel, die Dutzende soziale Einrichtungen und Lebensmittel-Ausgabestellen versorgt, startet den Motor. „Dat ist ja nen Ding, die müssen wohl auch sparen“, meint er. „Hier bricht was weg, da bricht was weg, ist jetzt halt so.“ Notleidende Banken taumeln, Opel bettelt um Hilfe und die umkippenden Dominosteine erreichen nun auch die Steine ganz am Ende der Reihe.

„Unsere Spendeneinnahmen sind um ein Drittel eingebrochen und auch bei den Lebensmitteln, die uns überlassen werden, ist es gerade etwas weniger“, sagt die Gründerin der Hamburger Tafel, die 80-jährige Annemarie Dose. Die 3 000-Tonnen-Marke, die 2007 und 2008 bei eingesammeltem Brot, Fleisch, Obst und Gemüse in Hamburg von den 100 ehrenamtlichen Helfern geknackt wurde, dürfte 2009 unterschritten werden.

„Wenn es angesichts der derzeitigen Lage zu Entlassungen im großen Stil kommt, wird sich das mittel- oder langfristig auch auf die Tafeln auswirken“, sagt Anke Assig vom Bundesverband Deutsche Tafel. Einerseits steige dann die Zahl der Bedürftigen, andererseits könnten Spender ihr Geld verstärkt zusammenhalten. „Wir hoffen, dass das Erfolgsmodell der Tafeln auch in Krisenzeiten weiter im bisherigen Maße unterstützt wird“, sagt Assig.

Die Situation bei den 800 Tafeln sei aber sehr unterschiedlich. Was Sorge macht: Die Menge der gespendeten Lebensmittel war zwar bisher vielerorts steigend, aber nicht in der gleichen Geschwindigkeit, wie die Nachfrage steigt. Diese Situation könnte nun in Zeiten der Rezession verschärft werden.

„Ja, wir haben weniger Lebensmittelspenden derzeit“, sagt auch die Geschäftsführerin der Berliner Tafel, Petra-Maria Grohs-Frihs. In Berlin gibt es aber insgesamt noch keine großen Einbrüche, weil man hier mit der Grünen Woche und der Fruit Logistica zuletzt zwei Messen hatte, wo zusammen 165 Tonnen Lebensmittel eingesammelt worden sind – diese mussten aber auch rasch wieder verteilt werden.

20 000 Bedürftige gibt es allein in Hamburg – Tendenz steigend. 6 000 davon versorgt die Hamburger Tafel mit ihren Lieferungen. Dose hat Verständnis, wenn Waren jetzt effizienter angeboten werden und aus Kostengründen nicht mehr so viel Überschuss bleibt. „Wir haben bisher davon profitiert, dass der Grundsatz galt: „Kein Regal darf leer sein. Neue Ware drückte die alte aus den Regalen und die alten Sachen bekamen wir.“

Medien-Berichte, dass zusätzlich auch noch Betreiber von Biogasanlagen eine Konkurrenz für die Tafeln seien, weist Dose zurück. Die Betreiber würden nur Brot, Obst und Gemüse bei Bäckereien und Märkten einsammeln, die ohnehin auf dem Kompost landen würden.

Dose, die als Kind schon den Zusammenbruch der Weltwirtschaft Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erlebt hat, hält nichts vom Jammern, egal aus welchen Gründen nun alles etwas weniger wird. „Wir haben das Bergfest des Wohlstands gefeiert, wir müssen auch lernen, mit weniger klarzukommen.“ Ein indirekter Hinweis auch an die Bedürftigen. „Wir lindern Not und fördern Nachlässigkeit zugleich“, resümiert sie. „Wir unterstützen auch Leute, die sich in die soziale Hängematte legen und nur darauf warten, kostenlos Lebensmittel abzuholen.“ Es gebe kein Patentrezept für eine gerechte Behandlung aller. Wie solle man diese Gruppen unterscheiden, fragt sie.

Hamburg-Osdorf, ein graues Hochhaus neben dem anderen, fast jeden Balkon schmückt eine Satellitenschüssel. „Das macht depressiv“, sagt Fahrer Alan, als er den Wagen durch den Stadtteil steuert. Freitags um 14 Uhr stehen hunderte Menschen vor dem Heim des Sportvereins Osdorfer Born im Keller eines Hochhauses. Jede Woche. Helfer der Stadtteildiakonie sortieren die angelieferte Ware der Hamburger Tafel, um sie umgehend an junge Familien und Rentner zu verteilen. „Wir sind jetzt schon absolut an unseren Grenzen“, sagt Susanne Alms de Ocana von der Stadtteildiakonie.

600 Haushalte werden hier versorgt, da aber pro Woche nur Lebensmittel für 300 Haushalte zum Verteilen da sind, erhalten die Osdorfer Bedürftigen schon jetzt nur noch alle 14 Tage auf ihre Berechtigungsscheine Brot, Obst, Fleisch und Gemüse. Alms de Ocana hält aber nichts davon, alles der schwierigen Lage und dem K-Wort zuzuschreiben, sie mahnt stattdessen höhere Hartz-IV-Regelsätze an, um solche Ausgabestellen überflüssig zu machen. „Der Staat darf nicht nur Banken und Firmen helfen, er darf auch die ganz unten nicht vergessen“, sagt sie. „Da brauchen wir auch staatliche Lösungen.“

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