„Wir sind Europäer, und wir müssen stolz darauf sein“

Der italienische Botschafter in Deutschland, Antonio Puri Purini, über Europa, seine Werte und die Herausforderungen der Integration

Das Mittelmeer wird gewissermaßen kleiner. Europas Süden und ein zunehmend islamistisches Nordafrika rücken näher zusammen. Muss uns das beunruhigen? Gehen die christlichen Werte unter?

Ich glaube nicht, dass die christlichen Werte untergehen. Es hängt nur an uns, dass wir diese christlichen Werte als Teil unseres Kontinents betrachten. Wenn wir das schaffen, und ich glaube wir können es schaffen, dann sind wir auch viel besser in der Lage, einen Dialog mit anderen Kulturen und anderen Religionen zu führen. Ich bin überzeugt, dass ein Dialog sich gut entwickeln kann, wenn jeder seine Identität vertritt. Nicht mit dem Zweck zu sagen: Ich bin besser als Du. Sondern: Ich habe meine Identität, und auf diese bin ich stolz. Aus diesen Gründen bin ich bereit, mit Dir zu sprechen und einen Dialog zu führen, der einem besseren Zusammenleben dienen will. Und darauf kommt es schließlich an.

Tatsächlich steigt aber der Immigrationsdruck von der Sahelzone nach Nordafrika und von da beispielsweise in Ihr Land Italien. Sind diese Menschen, sehr häufig Muslime, überhaupt integrierbar?

Nach Europa kommen nicht nur Muslime. Viele Menschen, die aus dem südlich der Sahara gelegenen Afrika kommen, sind Katholiken oder Protestanten. Viele andere sind aber tatsächlich Muslime. Ich glaube, wichtig ist, dass der, der nach Europa will, weiß, dass er nicht in einen leeren Raum kommt. Dass er in einen Raum kommt, in dem es Werte gibt, Gesetze und Regeln, die man respektieren muss. Welche sind diese Werte? Grundsätzlich sind es die Werte, die in der europäischen Grundrechtecharta formuliert sind, die verbindlich sein wird, sobald der Reformvertrag von Lissabon in Kraft getreten ist.

Die darin formulierten Werte sind aber ziemlich abstrakt. Wie kann man sie im Alltag umsetzen?

Das ist die tägliche Arbeit der Politik und der Zivilgesellschaft. Diese müssen die Fähigkeit schaffen, aufeinander zuzugehen. Ob es dann wirklich zur Integration kommt oder gar zu einer Zusammenarbeit, die auf gegenseitigem Respekt beruht, ist noch schwer zu sagen. Es wäre gut für Europa, die Migranten zu integrieren. Das muss andererseits aber nicht bedeuten, dass jemand, der hierher kommt, seine Wurzeln verlieren muss.

Nun hat man aber in Deutschland mit Türken Probleme, nicht mit Italienern. Hat das vielleicht mit dem gemeinsamen christlichen Erbe zu tun?

Das hat mit einer gemeinsamen Geschichte zu tun. Natürlich auch mit dem christlichen Erbe. Vor allem aber teilen Deutschland und Italien eine Geschichte, die zweitausend Jahre alt ist und die uns in vielen Bereichen historisch, geistig, wirtschaftlich und wissenschaftlich geprägt hat. Unsere beiden Länder haben einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Kultur geleistet. Diese kulturelle Verbindung unterscheidet die Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Europäischen Union von den Beziehungen zwischen den Europäern und anderen Völkern. Das muss man verstehen. Wir sind Europäer, und wir müssen darauf stolz sein.

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