München

Wir sind dem Gewissen verpflichtet

Eine Würdigung des verstorbenen SPD- Politkers Hans-Jochen Vogel. Der Sozialdemokrat zeigte auch da Respekt vor dem Gewissen, wo Parteifreunde andere Positionen vertraten.

Ehemaliger SPD-Vorsitzender Hans-Jochen Vogel gestorben
Der Politiker Hans-Jochen Vogel (SPD) ist tot. Er starb am Sonntag im Alter von 94 Jahren in München nach langer Krankheit. Foto: Andreas Gebert (dpa)

„Er war das Gegenteil von einem Apparatschik.“ Robert Antretter, der gut zwei Jahrzehnte der SPD-Bundestagsfraktion angehört hat, hat Hans-Jochen Vogel aus nächster Nähe erlebt. Antretter, der auch viele Jahre Bundesvorsitzender der Lebenshilfe war, ist nicht nur Sozialdemokrat, sondern auch gläubiger Katholik – und aktiv im Lebensschutz. Als in den 90er Jahren die jetzige Regelung der Abtreibung ausgehandelt wurde, konnte Antretter aus Gewissensgründen oft nicht mit seiner Fraktion stimmen.

Achtung vor dem Gewissen

Der damalige Vorsitzende: Hans-Jochen Vogel. Der habe dies nicht nur akzeptiert, sondern auch immer seinen Respekt gegenüber der Position Antretters zum Ausdruck gebracht, erinnert sich der heute 81-Jährige an die Auseinandersetzungen Mitte der 90er Jahre zurück. Vogel habe Antretter sowohl gegenüber innerparteilichen Kritikern in Schutz genommen, als auch mit dafür gesorgt, dass dieser seine Position im Plenum vertreten konnte. „Du wärst nicht der, der du bist, wenn du das nicht so vertreten würdest“, habe Vogel damals zu ihm gesagt. Für den ehemaligen Bundestagsabgeordneten zeigt sich hier etwas, was auch heute noch vorbildlich für die politische Kultur sei: Die Achtung vor dem Gewissen des Anderen verbunden mit dem Wissen um die Bedeutung eben dieses Gewissens bei der politischen Meinungsbildung. „Wir waren uns darin einig, was das für Christen bedeutet: Sie haben die Pflicht, für ihre christlichen Werte in der Politik einzutreten“, meint Antretter. 

Katholisch geprägt

Hans-Jochen Vogel, der 1926 geboren worden ist, wuchs in einer katholisch geprägten Familie auf - man sieht es auch an seinem jüngeren Bruder Bernhard, der sich freilich in der CDU engagiert hat. Sein Verhältnis zur Kirche scheint im Laufe seines Lebens Wellenbewegungen erlebt zu haben. Hier mag auch eine Rolle gespielt haben, dass seine erste Ehe geschieden worden ist und er danach noch einmal geheiratet hat. Der Glaube jedoch scheint davon unberührt gewesen zu sein. Dieser habe vielmehr, wie der Journalist Peter Hahne jetzt erinnerte, für Vogel einen „archimedischen Punkt“ gebildet.

Das wichtigste Datum der Zukunft

Hahne, der Vogel 2015 für das ZDF interviewt hatte, hebt in seinem Beitrag für das evangelische Magazin „Idea“, verschiedene eindrückliche Passagen aus diesem Gespräch hervor. So habe Vogel erklärt: „Das wichtigste Datum der Zukunft ist das Jüngste Gericht. Wir werden vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Dann gibt es endlich Gerechtigkeit, auch für die vielen, die in ihren Familien als Kinder missbraucht wurden und schweigen müssen.“ Schließlich habe Vogel auch gegenüber Hahne erklärt, er habe eine bewusste Entscheidung für Jesus Christus getroffen. Seitdem würde er vieles anders machen und sich bei jeder Entscheidung fragen: „Was würde Jesus jetzt tun oder sagen?“ 

Robert Antretter schließlich kann noch eine Anekdote beisteuern, die den Humor Hans-Jochen Vogels beweist. Ab und an habe dieser nämlich in Bundestagsreden zur Wirtschafts- und Finanzpolitik aus den päpstlichen Sozialenzykliken zitiert, freilich ohne die Urheber beim Namen zu nennen. Dann hätten einige Kollegen auf der rechten Seite des Hauses schon mal „Kommunist“ gezischt. 

 

 

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