„Wir müssen aufhören, arrogant zu sein“

Rupert Neudeck über Fehler und Chancen in Afghanistan und warum der Glaube an Gott eine entscheidende Rolle für die Verständigung spielt

Die Afghanistan-Konferenz in London hatte das Ziel, ein Scheitern des Afghanistan-Einsatzes zu verhindern. Sie selbst kennen die Situation im Land seit Jahren durch ihren humanitären Einsatz. Was muss Ihrer Ansicht nach geschehen, damit es in Afghanistan zu jener Trendwende kommt, auf die die internationale Politik setzt?

Wir müssen zurück zur Situation der Jahre 2002 bis 2004. Da war die Bevölkerung enthusiastisch am Wiederaufbau interessiert. In diesen Jahren hätte die westliche Gemeinschaft sehr viel tun können. Da haben wir geschlafen und diese Zeit nicht genügend genutzt. Die Diplomaten nennen das „the window of opportunity“, also das Zeitfenster. Wenn sich dieses Fenster schließt, wird es schwierig. Mit der zunehmenden Zahl von Soldaten aus den Nato-Ländern ist die Sicherheitslage in Afghanistan schlechter geworden. Wir haben uns abgewendet vom Wiederaufbau der afghanischen Wirtschaft und der afghanischen Infrastruktur und haben uns immer mehr um die militärischen Aspekte gekümmert. Das war ein Fehler. Wenn wir den nicht richtig korrigieren, gibt es keine Trendwende.

Nun sendet die westliche Welt aber mehr Soldaten, weil man sich eben davon eine verbesserte Sicherheitslage und damit eine Stabilisierung der Situation im Land erhofft.

Das ist für einen im Zivilen großgewordenen Menschen in der Tat nicht ganz leicht zu verstehen, hat aber eine gewisse Logik. Einen Abzug vorzubereiten, erfordert mehr Soldaten. Zu denken, man könne in Afghanistan morgen einfach abziehen – was bei uns wohl der landläufigen öffentlichen Meinung entspricht – ist abwegig. Das ist für Militärs unmöglich. Hereingehen ist immer leicht, herausgehen immer schwierig. Deshalb braucht es einen genauen Plan für die nächsten 24 Monate.

Sie haben davon gesprochen, dass die anfängliche Begeisterung der afghanischen Bevölkerung nachgelassen hat. Wie kann man die in der jetzigen Situation wieder wecken?

Da haben wir Deutschen vielleicht die wichtigste Aufgabe. Wir genießen immer noch das Privileg der Freundschaft der Afghanen, ganz gleich ob es sich nun um Paschtunen, Usbeken oder Turkmenen handelt: Sie wollen den Wiederaufbau am liebsten mit uns machen. Deshalb halte ich die deutsche Position neben der der Amerikaner für die entscheidende. Man muss jetzt neue Instrumente finden. Es ist nicht damit getan, mehr Geld zu geben. Mehr Geld heißt nicht automatisch mehr Entwicklung oder mehr Frieden.

Wenn es mit Geld nicht getan ist, was muss dann passieren?

Wir müssten zum Beispiel sehen, dass wir für die Provinzen des Landes, in denen es keine kriegerischen Auseinandersetzungen gibt – das ist die Mehrzahl der Provinzen Afghanistans – eine große Initiative deutscher Bundesländer erreichen. Es könnte Partnerschaften für solche Provinzen geben. Das würde die Afghanen enthusiasmieren. Eine zweite Sache ist: Das Land verdorrt und verwüstet. Es braucht dringend große Wasserdepots, die man bauen müsste. Damit könnten Tausende von jungen Leuten beschäftigt werden. Das muss jetzt geschehen und nicht erst nach langen Überlegungen, wie man das mit den Armeen hinkriegt, die wir von außen reinbringen. Wir müssen uns dringend wieder stärker an den Bedürfnissen der afghanischen Bevölkerung orientieren. Das ist der entscheidende Punkt.

Woher rührt die Sympathie der Afghanen für die Deutschen?

Jahrhundertelang haben die Afghanen ein tief empfundenes historisches Bewusstsein, dass sie mit uns gut gefahren sind. Das hat damit zu tun, dass wir dort keine imperiale koloniale Rolle gespielt haben. Außerdem verbindet uns etwa durchaus auch die Literatur. Das beliebteste Dokument der Literatur, das die Afghanen kennen, ist der West-Östliche Divan von Goethe. In den Schulen, die wir gebaut haben, wird immer aus diesem Werk von Goethe vorgetragen. So gibt es viele Gründe, warum die Afghanen uns wohlgesonnen sind.

Wenn es um den Wiederaufbau in Afghanistan geht, wird immer wieder über mangelnde Kooperation und die Korruption geklagt. Ist dagegen ein Kraut gewachsen?

Das ist schwierig zu sagen. Zunächst braucht es eine klare Sprache. Dann müssen den Ankündigungen aber auch Taten folgen. Als US-Präsident Obama vor kurzem ganz harsch gesagt hat, Karsai müsse in sechs Monaten den Korruptionssumpf ausgetrocknet haben, hat die Bevölkerung dies jubelnd zur Kenntnis genommen. Jetzt kann man nur hoffen, dass Taten folgen. Die Schwierigkeit – auch für die Regierung in Berlin – besteht doch darin: Mit Karsai wird ein Mann hofiert, der nach allen Erkenntnissen der UNO die Wahlen gefälscht hat. Das schadet dem Ansehen des Westens. Die internationale Politik muss wieder stärker die Bevölkerung in den Blick nehmen und nicht nur die Regierung, die Eliten des Landes, die Militärs und die Berater-Bataillone, die in Kabul schon sehr gut leben. Die Bevölkerung im ländlichen Bereich ist das alles Entscheidende für die Zukunft Afghanistans.

Ist Afghanistan grundsätzlich demokratiefähig oder sollte man sich von der Vorstellung des Demokratie-Exports nach westlichem Muster besser heute als morgen verabschieden?

Wir müssen aufhören, den Afghanen arrogant alles aufstülpen zu wollen, wovon wir meinen, das sei die einzige und universale Form. Afghanen und viele andere Völker der Welt haben andere Formen demokratischer Teilhabe. Die Afghanen haben die Loja Dschirga, ihre Volksversammlung, die sich unter dem Eindruck der Moderne ohnehin in Richtung moderner Kriterien verändern wird. Man muss doch nicht immer gleich Westminster-Demokratie durchsetzen. Das zu glauben, war der große Fehler, den wir in Afghanistan gemacht haben. Die Menschen in den Dörfern, denen ich bei der Wahl begegnet bin, wussten nicht, was sie da tun als sie zur Wahlurne gingen. Wir sollten aufhören zu meinen, unsere Lebensformen seien die alles Entscheidenden und alles Bestimmenden der Welt. Das ist der größte Fehler, den wir uns in Afghanistan leisten.

Die afghanische Regierung hat Gespräche mit den Taliban in Aussicht gestellt. Unter welchen Voraussetzungen sind solche Verhandlungen sinnvoll?

Zusammen reden muss man immer und überall auf der Welt und das immer wieder. Insofern ist es auch richtig, mit den Taliban zu sprechen. Was man nicht tun sollte ist das, was die Bundesregierung vorhat, nämlich Menschen, die behaupten, sie wären Taliban, Geld in die Tasche zu stecken, weil sie angeblich aussteigen wollen. Das ist ganz unsäglich. Menschen, die sich für ihr Auskommen krumm legen – das sind allemal 80 Prozent der Bevölkerung in Afghanistan –, erleben, dass einige dickes Geld bekommen für nichts, ohne jede Gegenleistung. Sie müssen nicht einmal dafür arbeiten. Das ist absurd und gefährlich. Unsere Steuergelder müssen dafür verwendet werden, dass in Afghanistan wirtschaftliche Investitionen getätigt werden, dass Arbeitsplätze und Infrastruktur entstehen, nicht für derart kontraproduktive Ideen.

Ziel des internationalen Einsatzes in Afghanistan ist es, das Land Schritt für Schritt wieder in die Hände der Afghanen zu geben. Wann wird das der Fall sein? Wie weit ist dieser Weg noch?

Dieser Weg muss auf jeden Fall kürzer werden. Vor allem was die Sicherheitsarchitektur angeht. Nur afghanische Armee und Polizei können die großen Sicherheitsmängel und Gefahren für die Afghanen abwenden und ausmerzen. Deshalb müssen wir schnell deren Ausbildung so vorantreiben, dass die internationalen Truppen möglichst bald aus dem Land herausgehen können. Wichtig scheint mir, jetzt schon damit zu beginnen, der Bevölkerung Afghanistans deutlich zu machen, dass die Riesen-Kasernen, die entstanden sind, irgendwann einmal für ihre eigenen Kommunalbehörden eingerichtet werden können.

Sie sind mit den von Ihnen gegründeten „Grünhelmen“ seit Jahren in Afghanistan tätig. Welche Projekte haben sie vorangebracht?

Wir haben Schulen gebaut. Wir haben jetzt die 31. Schule eröffnet. Jede zum Preis von je 40 000 Euro. Das ist in Afghanistan möglich. Und wir haben im ländlichen Bereich eine Entbindungs- und OP-Klinik eingerichtet, die mit einer Solaranlage von Deutschland aus ausgestattet wurde und sehr gut am Netz ist.

Bei den „Grünhelmen“ arbeiten Christen und Muslime Hand in Hand. Ein praktisches Beispiel für interreligiöses humanitäres Engagement. Was bedeutet dieses Miteinander von Christen und Muslimen für Sie persönlich?

Für mich ist das der Beweis, dass Menschen, die wirklich tief gläubig sind, sich auf dieser Welt gut und blind verstehen. Ich habe sehr gute muslimische Freunde in Afghanistan. Ich bin mit einem Mullah außerordentlich gut befreundet. Er ist Schuldirektor und Lehrer an unserer Konrad Adenauer-Schule in Pahlewan Piri, die von der CDU/CSU Bundestagsfraktion gespendet wurde. Das Problem beim Dialog zwischen Christen und Muslimen sind meines Erachtens die Christen. Wir Christen wissen nicht mehr, wer wir sind. Die muslimische Welt meint zu wissen, mit wem sie es zu tun hat, nämlich mit gläubigen Christen. Aber das stimmt für den Westen so natürlich nicht. Das ist die große Herausforderung, die ich immer wieder erlebe. Wir haben ein Problem in Europa mit unserem Bekenntnis zum christlichen Glauben. Die Muslime haben dieses religiöse Problem weniger. Sie haben andere Probleme. Wo Menschen wirklich religiös sind und an Gott glauben, finden sie zueinander. Das ist nicht immer leicht, aber immer möglich. Wo der Glaube verdunstet, wird der Weg zueinander schwierig.

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