„Wir können jeden Menschen schmerzfrei sterben lassen“

Der Palliativmediziner Hardinghaus beklagt unzureichende Informationen bei der Debatte über den assistierten Suizid. Von Stefan Rehder
Foto: dpa | Leistet sich ziemlich eigenwillige Vorstellungen von der christlichen Nächstenliebe: Peter Hintze (CDU).
Foto: dpa | Leistet sich ziemlich eigenwillige Vorstellungen von der christlichen Nächstenliebe: Peter Hintze (CDU).

Berlin (DT) Der kommissarische Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV), Winfried Hardinghaus, hat im Gespräch mit dieser Zeitung die „Stimmungsmache“ beklagt, die bei der Debatte über eine von Einigen gewünschten Legalisierung des ärztlich assistierten Suizid, betrieben werde. Da würden fahrlässig unbegründete Ängste geschürt. Der „Tagespost“ sagte der erfahrene Palliativmediziner: „Wir können heute jeden Menschen schmerzfrei, beschwerdefrei und würdevoll sterben lassen. Wirklich jeden.“

Zuvor hatte Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) seine Forderung wiederholt, der Gesetzgeber solle Ärzte, die in aussichtslosen Situationen einen Suizid begleiteten, vor straf- und berufsrechtlichen Konsequenzen schützen. Der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagte der ehemalige protestantische Pastor: „Ich möchte gerne Rechtssicherheit schaffen für Ärzte und Patienten, dass ein ärztlich assistierter Suizid in einer aussichtslosen Schmerz- oder Ekellage am Ende des Lebens möglich ist. Ob wir dazu das Strafrecht weiterentwickeln müssen und oder nicht, ist für mich offen.“ Laut der dpa betonte der CDU-Politiker aber auch, er sei „für einen konsequenten Ausbau der palliativmedizinischen Versorgung.“ Wenn Palliativmedizin aber „Extremschmerz und -ekel nicht mehr abwenden kann, dann ist es ein Gebot der Nächstenliebe, dass der Arzt dem Sterbenden beisteht – und auch ihm ein friedliches Einschlafen ermöglicht.“

Der Präsident der Deutschen Ärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, lehnt das ab. In einem am Donnerstag im „Berliner Tagesspiegel“ veröffentlichten Gastkommentar schreibt Montgomery: „Ärzten ist in Deutschland die Beihilfe zum Suizid verboten. Zwar können sie nicht strafrechtlich belangt werden, sehr wohl aber durch das Berufsrecht.“ Diese Unterscheidung gebe es aus gutem Grund. „Das Berufsethos verpflichtet den Arzt, Hilfe zum Leben zu leisten, nicht Hilfe zum Sterben.“

Der von vier Hochschullehrern Ende August in München vorgestellte Gesetzentwurf, der Ärzten unter Auflagen erlaube, unheilbar erkrankten Patienten bei einem Suizid zu assistieren, führe „in die Irre“. „Er reduziert den Arzt zum Todescocktailverschreiber, der dem Patienten gerade in der schwersten Stunde seines Lebens, im Tode, nicht zur Seite stehen darf“, so Montgomery weiter.

Auch Hardinghaus, hält den Gesetzesvorschlag für verfehlt. Der „Tagespost“ sagte der Ärztliche Direktor der Niels-Stensen-Kliniken Ostercappeln und Georgsmarienhütte, sowohl der DPHV als auch er persönlich befürchteten „einen Dammbruch“, wenn dieser Vorschlag Gesetz würde. Eine Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids öffne der „Tötung auf Verlangen Tür und Tor“ und erhöhe „den Druck auf kranke und alte Menschen, anderen nicht zur Last fallen zu wollen“.

Wie Hintze fordert auch Hardinghaus die Palliativversorgung weiter auszubauen. „Quantitativ“ sei Deutschland hier inzwischen „auf einem guten Weg“. „Qualitativ“ gebe es aber noch „einiges zu verbessern“. Das gelte selbst für „katholische Krankenhäuser“. Auch hier gebe es „Optimierungsbedarf“, sagte Hardinghaus. Vor allem müssten Ärzte „mehr Zeit für den einzelnen Patienten“ haben.

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