„Wir haben uns zu einseitig auf Öffnung konzentriert“

Manfred Weber, Europaabgeordneter und CSU-Chef in Niederbayern, über die Zahlen zu den Verlusten der Union im katholischen Milieu

Sie haben nach der Bundestagswahl ein Positionspapier veröffentlicht, das zu einer christlich-konservativen Erneuerung der Union aufrief. Jetzt liegen Zahlen der Adenauer-Stiftung vor, wonach die Union damals unter Katholiken fast dreimal mehr verloren hat als bei den anderen. Sehen Sie sich bestätigt?

Nach wie vor erhalten CDU und CSU bei den katholischen Wählern rund 45 Prozent Zustimmung. Das ist eine starke Wählergruppe. Leider haben wir in dieser Klientel überdurchschnittlich verloren. Viele Stammwähler, darunter christlich geprägte Wähler, sind entweder zuhause geblieben oder zu anderen Parteien gegangen. Offensichtlich gelingt es CDU und CSU nicht mehr so sehr, diese Wählergruppen anzusprechen. Das muss sich wieder ändern.

Gleichzeitig stellt die Studie aber auch fest, dass die konfessionellen Milieus schrumpfen, die Kirchenbindung nachlässt. Das heißt, die Stammwähler, für die Sie Politik machen wollen, werden immer weniger. Laufen Sie damit nicht ins Leere?

Es geht nicht hauptsächlich um das Schielen nach Wählergruppen, sondern darum, dass die Menschen wissen, wofür wir stehen. Der besondere Erfolg von CDU und CSU war über Jahrzehnte, auf unserer festen christlichen Wertebasis Politik zu machen und offen zu sein für Neues. Das muss auch so bleiben. In den vergangenen Jahren haben wir uns aber zu einseitig auf eine Öffnung konzentriert. Mit nur mäßigem Erfolg: Beide Parteien haben deutlich an Bindungswirkung verloren. Ich will diesen Negativtrend stoppen und umkehren.

CDU/CSU stehen doch vor einer unlösbaren Aufgabe: Einerseits werden die Stammwähler weniger, gleichzeitig müssen neue Wählermilieus erschlossen werden. Da kann man doch nur bei beiden verlieren.

Zunächst ist wichtig, dass wir unsere Wahlversprechen einlösen. Da sind wir in Berlin auf einem guten Weg. Genauso müssen wir eine verlässliche Politik machen und die Dinge beim Namen nennen. Ich mache mir beispielsweise Sorgen, dass die Schweizer Volksabstimmung zum Minarettverbot bei uns als Betriebsunfall gewertet wird. Viele Menschen haben aber auch in Deutschland Sorge. Wir sollten deshalb die Integrationspolitik überdenken. Oder: Es kann doch nicht sein, dass die Entscheidung des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs zum Thema Kruzifixe einfach so hingenommen wird. Wir müssen uns wieder mehr unserer Werte besinnen und für sie einstehen.

Fehlt es in Wertefragen vielleicht an glaubwürdigem Spitzenpersonal?

Personen und Inhalte gehören immer zusammen. Wir müssen uns endlich wieder trauen, deutlich Position zu beziehen, auch wenn nicht gleich 90 Prozent der Wähler applaudieren. Wir erleben, dass Karl-Theodor zu Guttenberg gerade deshalb so viel Zustimmung erfährt, weil er seinen eigenen Weg geradlinig geht – auch in stürmischer Zeit. Bei Wertefragen sollten wir ebenso eine klare Meinung haben: etwa beim Schutz des Lebens vom Anfang bis zum Ende, Familienpolitik, Umweltschutz oder nachhaltige Finanzpolitik.

Hat Seehofer denn auf Ihr Papier reagiert?

Horst Seehofer hat mich letzte Woche zum neuen Vorsitzenden der CSU-Grundsatzkommission in Nachfolge von Alois Glück vorgeschlagen. Der Parteivorstand hat mich einstimmig dazu bestimmt. Wir werden in der Grundsatzkommission, die um eine Zukunftswerkstatt erweitert wird, spannende Diskussionen führen – sicher auch über die Kerninhalte meines Papiers.

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