„Wir gewinnen diese Schlacht“

Vor 40 Jahren legalisierte der Oberste Gerichtshof in den USA mit dem historischen Urteil „Roe vs Wade“ Abtreibung. Über 55 Millionen ungeborene Menschen wurden seitdem abgetrieben. In den Vereinigten Staaten tobt wegen des Urteils ein Kulturkampf. Viele Lebensschützer wittern jetzt Morgenluft. Von Clemens Mann

Wenn es um Abtreibung geht, gibt sich Tom Hoopes kämpferisch – und der Lebensschützer sprüht nur so vor Zuversicht. „Wir gewinnen diese Schlacht. Ich kann nicht verstehen, wieso meine Kollegen das bezweifeln“, schreibt der Professor für Kommunikation des Benedictine College in Atchison im US-Bundesstaat Kansas in einem katholischen Lebensschutz-Blog vor einigen Tagen. Pro-Life-Anhänger, so Hoopes, müssten die Konsequenzen ihrer Handlungen endlich sehen: Wir verändern die Herzen und das Denken der Menschen.

Am 22. Januar 1973 erklärte der Oberste Gerichtshof in Washington Abtreibungen bis zur Lebensfähigkeit des Embryos für zulässig. Mit seiner historischen Grundsatzentscheidung „Roe vs Wade“ vor genau 40 Jahren legalisierten die Richter nicht nur die Abtreibung ungeborenen Lebens, sondern sie spalteten auch die amerikanische Gesellschaft. Vier Jahrzehnte hält nun dieser Kulturkampf an, der seitdem nicht nur im Kapitol oder in den Parlamenten der Bundesstaaten ausgetragen wird, sondern auch Millionen Amerikaner auf die Straßen getrieben hat.

Ist Hoopes, der einen Trend zu mehr Lebensschutz beschwört, ein Träumer? Der Kommunikationswissenschaftler steht mit seiner Einschätzung nicht alleine da. Neben ihm wittern auch andere Lebensschützer Morgenluft. Jeanne Monahan, neue Präsidentin des March for Life Education and Defense Funds, jener Lebensschutzorganisation, die alljährlich die Märsche für das Leben in Washington veranstaltet, demonstriert ebenfalls Zuversicht: Immer mehr junge Menschen würden sich als „pro-life“-Anhänger bezeichnen. Wir gewinnen mit jungen Menschen und wir gewinnen mit der amerikanischen Öffentlichkeit, sagte Monahan gegenüber der „Washington Post“. Auch von liberalen Medien gibt es zähneknirschende Zustimmung. Das „Time Magazine“ widmete dem Jahrestag des Urteils eine Titelgeschichte. Die Zeitschrift beklagt darin, dass es heute für ungewollt schwangere Frauen schwerer sei eine Abtreibung vorzunehmen als noch in den 1970er Jahren. Die Abtreibungsbefürworter hätten zwar einen entscheidenden Sieg vor 40 Jahren erringen können, doch seitdem nur noch Niederlagen einstecken müssen.

In der Tat gibt es immer weniger Abtreibungsanbieter in den US-Bundesstaaten. Laut dem Alan-Guttmacher-Institut, ein von der Abtreibungsorganisation Planned Parenthood finanziertes Forschungsinstitut, das alljährlich Daten zum Thema präsentiert, sank deren Zahl von 2 908 im Jahr 1982 auf 1 793 im Jahr 2008. In vier Bundesstaaten – Arkansas, Mississippi, South Dakota und North Dakota – gibt es nach Angaben von Lebensschützern nur noch eine chirurgische Abtreibungsklinik. Hinzu kommen zahlreiche politische Initiativen aus den Bundesstaaten, die die US-weite Regelung von Abtreibung einschränken, etwa durch verpflichtende Beratungen, Bedenkzeiten vor einer Abtreibung, Regelungen für Kliniken oder auch die Zustimmung der Eltern bei einer Abtreibung bei Minderjährigen. Allein im Jahr 2011 wurden 92 Regelungen neu verabschiedet. 2012 waren es nach Angaben des Guttmacher-Instituts noch 43 Regelungen in 19 Bundesstaaten.

Mehr als eine Million Abtreibungen im Jahr

Trotz dieser positiven Entwicklungen bleibt die Situation dramatisch: In den letzten vierzig Jahren sind in den USA über 56 Millionen Menschen abgetrieben worden. Zum Vergleich: Frankreich kommt auf eine Einwohnerzahl von 64 Millionen Menschen. Zuletzt sanken zwar die Abtreibungszahlen von 2000 bis 2009 um sechs Prozent. 2009 wurden nach Angaben des Guttmacher-Instituts aber immer noch rund 1,21 Millionen Abtreibungen vorgenommen.

Auch deswegen werden am 25. Januar wieder hunderttausende US-Amerikaner in Washington auf die Straße gehen, um für den Schutz ungeborenen Lebens zu demonstrieren und das millionenfache Verbrechen zu verurteilen. Nach der Inaugurationsfeier Obamas vor dem Kapitol am gestrigen Montag rückt die US-Hauptstadt erneut in das Zentrum des öffentlichen Interesses. 2011 säumten mehr als 400 000 Menschen die Straßen. 2013 werden weit mehr Menschen erwartet, auch wegen des 40. Jahrestags von „Roe vs Wade“. Seit Monaten sind die Zimmer in Washington und Umgebung ausgebucht. Das Interesse übersteigt nach Angaben der Zeitung „Washington Examiner“ sogar deutlich die Nachfrage zur Inauguration Obamas. Die katholische Kirche begleitet den Marsch für das Leben und das Gedenken an das Urteil „Roe vs Wade“. Kardinal Sean O'Malley, Bischof von Boston und Lebensschutzbeauftragter der amerikanischen Bischöfe, forderte die Katholiken dazu auf, mit ihm gemeinsam eine Novene zu beten. Die Nation brauche unser Gebet und unser persönliches Opfer, schrieb Kardinal O'Malley. Abtreibung stelle ein „unvorstellbares“ Unrecht dar.

Dass sich die Lebensschützer noch nicht ganz sicher sein dürfen in ihrer Hoffnung auf einen langfristigen Trend, zeigen Zahlen, die Meinungsforschungsinstitute kürzlich veröffentlichten. Sie geben lediglich Anlass zu verhaltenem Optimismus. Eine Gallup-Umfrage zeigt zwar, dass sich seit 2008 immer mehr Amerikaner als „pro-life“-Anhänger bezeichnen. Im Jahr 2012 sank die Zustimmung zu Abtreibung entsprechend auf einen neuen Negativrekord von 41 Prozent. Eine Umfrage des PEW-Research Centers zeigt aber auch, dass lediglich ein Drittel der Amerikaner eine Revidierung von „Roe vs Wade“ befürworten würden. Die Umfragewerte hatten sich in 20 Jahren nur geringfügig verändert. Zu denken geben sollte auch, dass Abtreibung von immer weniger Menschen als „wichtige“ oder „kritische“ Angelegenheit betrachtet wird. Im März 2006 votierten noch 66 Prozent der Amerikaner so. Im Januar 2013 waren es nur noch 45 Prozent.

Heftigen Gegenwind verspüren die Lebensschützer durch Präsident Obama. Von Obama sind Fortschritte für den Lebensschutz nicht zu erwarten. Bereits im Wahlkampf verunglimpfte Obama seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney wegen seiner angeblich restriktiven Haltung gegenüber Abtreibungen. Und auch in einer Präsidentschaftsdebatte machte er deutlich, dass er Frauen ein Recht auf Abtreibung zugestehen will. Dies sei schon aus wirtschaftlichen Gründen geboten. Schwerer als der persönliche Standpunkt des Präsidenten wiegt aber die Tatsache, dass Obama in seiner zweiten Amtszeit mindestens einen Richter – vermutlich sogar zwei – am Obersten Gerichtshof neu bestimmen darf. Damit wird „Roe vs Wade“ auch über die Amtszeit Obamas hinaus Bestand haben.

Lebensschützer Tom Hoopes lässt sich davon aber nicht entmutigen. Dass der Kampf gegen Abtreibung noch nicht gewonnen ist, weiß er. Es sei jetzt nicht die Zeit, das Ende des Rennens zu feiern, schreibt er in seinem Blogeintrag. Doch in einer Welt mit Ultra-Schall seien die Tage, an denen Abtreibung erlaubt sei, gezählt.

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