„Wir brauchen keine neuen Kirchen“

Der Auslandsseelsorger und Islamkenner Aloys Butzkamm über die Lage der Christen in der Türkei von Matthias Nückel (KNA)
Wie betreut ein Pfarrer die Gemeinde von Istanbul, die sich über das Land erstreckt?

Ich bin einmal im Monat von Istanbul nach Ankara geflogen. Mit dem Taxi fuhr ich zu einer Familie, wo ich auch übernachtet habe. Sonntagmorgens war dann Gottesdienst in der Turnhalle der deutschen Botschaftsschule. Es gibt auch einige Kirchen in Ankara, etwa im Garten der Nuntiatur. Aber die Leute sagen: Wir sind lieber hier in der Turnhalle. Dann werden wir nicht gedrängt durch andere Messfeiern.

Gibt es auch in den Dörfern Katholiken?

In den Dörfern gibt es keine Christen. Von daher ist auch der Ruf „Wir wollen in der Türkei Kirchen bauen“ völlig überflüssig. Wir brauchen keine neuen Kirchen in der Türkei. Wir haben genügend. Ich brauche auch keine Kirche in Istanbul. Der Saal ist groß genug. Es kommen an normalen Sonntagen 20 Leute, an Festtagen auch schon mal 80. Dann können wir mehr Stühle stellen. Auch der evangelische Kollege sagt, dass er keine neue Kirche braucht. In Deutschland ist die Situation eine andere. Hier leben vier Millionen Muslime, die Moscheen brauchen. Zum Glück haben wir eine Verfassung, die dies zulässt.

Hat also der Streit um die Kirche in Tarsus eher Symbolcharakter?

Es wäre natürlich schön gewesen, wenn die türkische Regierung gesagt hätte: Ihr könnt die Kirche nutzen. Das hätte der Regierung und dem ganzen Land gut angestanden. Ich habe die kühne Idee, dass man zum Beispiel die Hagia Sophia, die früher Kirche und dann Moschee war, aber jetzt Museum ist, an einigen Festen des Islam den Muslimen für Gottesdienste zur Verfügung stellt. Und dass man auch den Griechisch-Orthodoxen die Hagia Sophia für ein Fest oder eine Woche im Jahr zur Verfügung stellt.

Es heißt, die Christen in der Türkei würden unterdrückt. Stimmt das?

Eine Christenverfolgung, von der hier manchmal die Rede ist, gibt es nicht. Es hat sicher schlimme Dinge gegeben, etwa gegenüber chaldäischen Christen im Osten der Türkei. Aber in Istanbul oder Ankara habe ich nichts von einer Verfolgung gemerkt. Wenn Priester umgebracht werden, ist dies nicht im Sinne der Türken oder der türkischen Regierung.

Es sind Gesetze geändert worden, weil die Türkei in die Europäische Union möchte. Muss noch mehr passieren?

Auf jeden Fall. Es geht um Kirchenöffnungen und darum, dass man der griechisch-orthodoxen Kirche einige Liegenschaften zurückerstattet.

Und die katholische Kirche?

Die katholische und die evangelische Gemeinde existieren offiziell gar nicht. Wir werden geduldet. Natürlich weiß der Staat, dass im Istanbuler Stadtteil Nisantasi Gottesdienste gefeiert werden. Aber wir sind keine Rechtspersönlichkeit, auch die Protestanten oder die Orthodoxen nicht. Das Gleiche gilt für die muslimischen Gemeinden. Die Forderung des Vatikan, die Kirche als Rechtspersönlichkeit anzuerkennen, hat der Innenminister klar abgelehnt.

Dann müsste der Staat den Muslimen ebenfalls dieses Recht geben.

So wird argumentiert. Staat und Religion sollen getrennt sein. In der Praxis hält der Staat das jedoch nicht durch. Es gibt in Ankara eine Religionsbehörde, die mehr als 60 000 Angestellte hat. Dazu gehören die Imame in der Türkei und in Deutschland. Die Behörde schreibt den Imamen unter Umständen vor, was sie zu predigen haben.

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