Will Gaddafi wieder ins Abseits?

Böse Ahnungen weckte die Nachricht, Libyen verweigere ab sofort allen EU-Bürgern (außer den Briten) die Einreise. Eine neue Wendung in der immer schon unberechenbaren, egomanen Politik von Muammar al-Gaddafi? Dass europäische Flugzeuge weiter in Tripolis landen, dass nur einzelne Passagiere abgewiesen werden und die meisten EU-Bürger weiter einreisen dürfen, ist kein Grund zur Entwarnung. Skurriler noch als das Einreiseverbot ist sein Hintergrund: Seit Gaddafis Sohn in einem Schweizer Hotel randalierte und festgenommen wurde, eskaliert der Streit zwischen Tripolis und Bern. Die Schweiz verhängte ein Einreiseverbot für Gaddafi und 180 Libyer. Gaddafi rächt sich mit besagtem Einreiseverbot für Schweizer und – weil die Schweiz zum Schengen-Raum gehört – für EU-Bürger.

Die Schuld trifft nicht allein Gaddafi: Italien hat Recht, wenn es der Schweiz vorwirft, mit ihrem Einreiseverbot die ganze EU in Geiselhaft zu nehmen. Doch eben dies ermöglichte die EU, als sie den EU-Verweigerer Schweiz in den Schengen-Raum aufnahm. Solange sich die Schweiz jedem gemeinschaftlichen Vorgehen Europas entzieht, wird sie ein Fremdkörper in Europa bleiben.

Das rechtfertigt aber nicht Gaddafi, dessen Sprunghaftigkeit seinem eigenen Land am meisten schadet. Anders als die Schweiz setzte Gaddafi immer auf Kooperationen: Zeitweise sah er sich als Vorkämpfer der arabischen, dann wieder der afrikanischen Einigung. Beide Versuche sind gescheitert. Im arabischen Raum ist er eine Randfigur, und die Afrikanische Union wählte ihn als Präsidenten ab. Europa aber baute Libyen Brücken aus der Isolation, in die Gaddafis Terrorunterstützung das kultur- und rohstoffreiche, mediterrane und arabische Land geführt hatte. Gaddafi wäre gut beraten, diese Chance zu nutzen, statt neuerlich ins Abseits zu gehen. sb

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