London

Wie Kinder Transgender-Hormone via Internet bestellen können

Eine „Undercover“-Reportage der britischen Tageszeitung "The Telegraph" ergibt, dass „Online-Kliniken“ eine Gesetzeslücke nutzen, um unter-16-jährigen Kindern ohne Einwilligung der Eltern geschlechtsverändernde Hormone zu verschreiben.
Keira Bell
Foto: Howard Jones / Imago Images | Die heute 23-Jährige Keira Bell hatte geklagt, weil ihr als Teenager verschriebene Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone erheblichen Schaden zugefügt hatten.

Die weltweit operierende „online-Klinik“ GenderGP („Worldwide Transgender Health and Wellbeing Services) bietet ihre Dienste auch Unter-16-Jährigen an, die eine Geschlechtsumwandlung anstreben. Die britische Tageszeitung The Telegraph berichtet von ihrer undercover-Recherche, bei der sie herausfand, dass „Ärzte aus dem Ausland starke geschlechtsumwandelnde Hormone an 15-Jährige in England ohne Zustimmung ihrer Eltern verschreiben“. Die Transgender-Klinik GenderGP, die laut eigener Aussage im letzten Jahr mehr als 1800 Patienten mit Rezepten für gegengeschlechtliche Hormone versorgte, nutze dafür eine gesetzliche „Hintertür“, der zufolge Verschreibungen von Ärzten, die irgendwo in der EU zugelassen sind, in britischen Apotheken gültig eingelöst werden können.

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Hormonbehandlung Minderjähriger ohne Einverständnis der Eltern

Für die Recherche der Zeitung hatte sich eine Journalistin als 15-jähriges Mädchen ausgegeben. „Nach nur zwei Skype-Terminen mit Beratern und einem Skype-Termin mit einem Arzt der Online-Klinik“ sei dem „Mädchen“ Testosteron, ein verschreibungspflichtiges Medikament, verschrieben worden: „Die Mitarbeiter hatten zu keinem Zeitpunkt gefordert, mit den Eltern zu sprechen, und sie verlangten auch keine Beweise dafür, dass irgend ein Erwachsener von ihren Plänen zur Umwandlung wusste“, schreibt das Investigationsteam des Telegraph. Es habe lediglich eine einzige E-Mail von einem 20-jährigen Halbbruder gegeben, in der er bestätigt, die Behandlung zu bezahlen. Die führende Beraterin von GenderGP, Marianne Oakes, habe gesagt, dass sie die „Erlaubnis“ der Eltern des Mädchens nicht eingefordert habe.

Die Journalistin, die sich als 15-Jährige ausgegeben hatte, erhielt ein Rezept für eine Vier-Monats-Versorgung mit dem Hormonmedikament „Testogel“, das im Laufe dieser Behandlungszeit ihre Stimme irreversibel tiefer werden lassen und den Bartwuchs zum Sprießen bringen könnte. GenderGP habe seine Praktiken, wie der Telegraph schreibt, mit der Aussage verteidigt, dass nicht alle Eltern ihre Kinder unterstützten – wenn ein junger Patient imstande sei, einer Behandlung „eigenständig“ zuzustimmen, „dann kann diese Behandlung angemessen und notwendig sein“. GenderGP bestätigte zudem, dass es gegengeschlechtliche Hormone bereits zwölfjährigen Kindern und Pubertätsblocker Zehnjährigen verschrieben habe.

Gegen das englische Gesetz

Doch die gesetzlichen Vorschriften zur Verschreibung dieser Hormonmedikamente in England und Wales waren im Dezember letzten Jahres drastisch verschärft worden, um sicherzustellen, dass Kindern keine ungeeigneten Arzneimittel verabreicht würden. So dürfen Ärzte in England und Wales Kindern unter 16 Jahren keine gegengeschlechtlichen Hormone oder Pubertätsblocker mehr verschreiben.

Das Testosteron-Rezept war von einer Ärztin in Rumänien unterschrieben, die vom Telegraph als Geriaterin, also als Altersmedizinerin, identifiziert wurde: „GenderGP bietet Patienten nicht die Möglichkeit zu einem Termin mit ihr, obwohl sie die Medikamentierung bewilligt“. Stattdessen werden sie an eine Ärztin in Kairo weitergeleitet, die der Journalistin des Telegraph sagte, dass es „großartig“ sei, dass sie mit 15 bereits wüsste, dass sie nie Kinder wollen würde.
Die Klinik GenderGP stellte gegenüber der Zeitung fest, dass sie eine globale Organisation sei, und ihre Spezialisten den Bestimmungen ihrer jeweiligen Länder unterlägen. Es gebe „in diesem Bereich keine formalen Qualifikationen“, und seine Ärzte seien „in der Transgender-Gesundheitsversorgung sehr erfahren und voll ausgebildet“, bekräftigt GenderGP gegenüber dem Telegraph.  DT/ ks

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