Wie die Union ihre C-Wähler verliert und wie nicht

Die Standardrhetorik vom „christlichen Menschenbild“ genügt nicht, meint der Dresdner Politologe Patzelt – An einer Neubesinnung führt kein Weg vorbei

Wieder ist die Union weit unter 40 Prozent geblieben, trotz einer CDU-Kanzlerin mit Spitzenwerten an Beliebtheit. Verloren hat sie, anscheinend aufgrund ihrer „Sozialdemokratisierung“, viel an die FDP als „ordnungspolitischem Gewissen“ der vielfach herbeigewünschten schwarz-gelben Koalition. Doch rund eine Million früherer Unionswähler blieb einfach weg. Zumal unter den Katholiken sind die Unionsverluste überdurchschnittlich (minus 4 Prozent bei insgesamt minus 1,4 Prozent), während sie bei den Protestanten durchaus ins Gesamtbild passen. Im Westen hat die CDU/CSU bei katholischen Wählern mit starker Kirchenbindung sogar noch ein wenig stärker verloren. Zwar bleibt die Union unter den Katholiken die insgesamt stärkste Partei: Dort hat sie einen Wähleranteil von 44 Prozent, unter den Protestanten von einem Drittel, unter den Konfessionslosen von einem guten Fünftel. Aber Verluste bei den treuesten Anhängern schmerzen besonders. Die sind im Osten außerdem in der Minderheit: Zwei Drittel der Bevölkerung sind konfessionslos, ein Viertel ist evangelisch, und die Katholiken überspringen knapp die Fünf-Prozent-Hürde. Dort braucht die CDU von vornherein auch konfessionslose Wählergruppen, wenn sie eine starke Partei bleiben will.

Papstkritik war billige Anbiederung

Das alles stellt die Union vor schwierige Fragen. Am einfachsten ist die nach dem Umgang der Kanzlerin mit dem Papst: War es unverzichtbar, ihn über den geschichtspolitisch richtigen Umgang mit dem Holocaust zu belehren? Natürlich war dieser Fauxpas unnötig und eine billige Anbiederung an Milieus, die jede Papst- oder Kirchenkritik schon für einen Sieg der Vernunft halten. Seither wählen manche Katholiken der Kanzlerin Partei nur noch mit zusammengebissenen Zähnen.

Schwieriger ist die Antwort darauf, dass die Wahlbevölkerung inzwischen anders zusammengesetzt ist als zu den Hochzeiten der Union. Es kam die ostdeutsche Wählerschaft hinzu, die bei knappen Wahlausgängen Zünglein an der Waage spielt, besonders geringe Parteibindungen aufweist und der Union abverlangt, immer wieder viele Nichtchristen zu gewinnen. Auch ist im Westen jenes Sozialmilieu der regelmäßigen Kirchengänger im Rückzug (noch 25 Prozent unter den Katholiken, rund 10 Prozent unter den Protestanten), in dem die Union früher ausgedehnte Wurzeln hatte. Ferner hat sich das katholische Milieu so weit pluralisiert, dass Schulterschlüsse mit Bischöfen der Union engagierte Laienkreise entfremden können und derlei auch anders herum wirkt. Außerdem lässt sich für einen Großteil der jungen Politikergeneration auch in der Union schwerlich mehr ein speziell christlicher Handlungsimpuls behaupten. Im Willen, modern zu sein, wurde das Religiöse vielfach dem Politischen nachgeordnet und, wenn nicht überhaupt in die Sphäre bloßer Rahmenorientierungen abgedrängt, allein dem Bereich des Sozialen zugeordnet.

Obendrein zeigt sich in den neuen Bundesländern, was in den alten wohl auch noch kommen wird: Die CDU agiert in einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft und rekrutiert Mitglieder wie Wähler in einer Diasporasituation gelebten Christentums. Das prägt dann Programmatik und Selbstdarstellung der CDU und vorab schon die Sozialisation ihrer Mitglieder und Politiker: Die vollzieht sich immer weniger im Sozialraum der Kirchen. Folge ist, dass auch Unionsmitglieder politisch wichtige christliche Begriffe und Haltungen nicht mehr aus deren ursprünglichem Kontext verstehen, der doch weit über die Sphäre des Gesellschaftlichen hinausgeht, sondern vor allem aus ihrer säkularen Übersetzung. Je mehr das auszureichen scheint, weil ohnehin immer weniger CDU-Mitglieder selbst praktizierende Christen sind und hier keinen Mangel empfinden, umso mehr verliert sich dann das auch der Substanz nach Christliche in der CDU.

Sofern man große Stimmenanteile zu erringen als das einzige Ziel einer Partei ansieht, wirkt dieses Problem nicht allzu dringlich: Es müssen Verluste in sich ausdünnenden christlichen Milieus eben durch Zugewinne bei anderen Gruppen ausgeglichen werden. Mittel dafür sind veränderte Akzente in der Programmatik sowie neue Prioritäten bei der Auswahl des Spitzenpersonals. Derlei Entwicklungen sind in der CDU seit einigen Jahren eindeutig zu erkennen. Sie sind auch wünschenswert – nicht allein, aber auch nicht zuletzt, im Dienst der Machtperspektive dieser Partei.

Doch das Alleinstellungsmerkmal der Union ist bis heute ihr C. Allein mit ihm wurde sie, bis zum Auftreten der Grünen, zur erfolgreichsten Neuerung im bundesdeutschen Parteiensystem. Auch stellte sie sich nie umstandslos in die Tradition des deutschen Konservatismus, auch nicht in die der konfessionellen Parteien. Das C war vielmehr Wegweiser über frühere Positionen hinaus und obendrein Integrationsmittel von Protestanten und Katholiken.

Untaugliche Sprache kirchlicher Binnenkommunikation

Letzteres kann angesichts des so lange politisch wirkmächtigen deutschen Konfessionalismus gar nicht hoch genug geschätzt werden. Zöge man von der Union das C ab, so müsste sie sich schon an sehr intensive Programmarbeit machen, um ihre „geistige Matrix“ neu zu entwickeln. Angesichts des geringen Stellenwerts, den Grundsatzdebatten und jene, die sie intellektuell führen könnten, seit je im bürgerlichen Spektrum besitzen, wird man recht skeptisch Experimenten entgegensehen, eine Union „ohne C“ erfinden wollten.

Anscheinend führt kein sinnvoller Weg am Versuch vorbei, das C wieder zum Leuchten zu bringen. Gewiss gelingt das nicht mit jenem leerformelartigen Gerede vom „christlichen Menschenbild“ oder von „unseren christlich-abendländischen Werten“, das zum Standardrepertoire der Unionsrhetorik gehört. Ebensowenig wird derlei mit Ab- und Ausgrenzungsdiskursen gelingen. Am Zusammenschrumpfen christlicher Gemeinden und Wählerschichten wird sich nämlich nichts ändern, und neu aufkeimende Religiosität entfaltet sich oft nicht christlich, sondern islamisch oder buddhistisch.

Also muss das weiterhin politisch Vernünftige am speziell christlichen Glauben mit gegenwärtig intellektuell satisfaktionsfähigen Argumenten ausgesagt werden, und obendrein in heutiger Sprache. Das für die kirchliche Binnenkommunikation entwickelte Deutsch ist dafür ebensowenig tauglich wie so manche Pathosformel politischer Reden. Auch helfen bei solchen Versuchen keine sozialwissenschaftlichen Diskussionen „über“ das Religiöse oder Christliche in der Politik oder an einer Partei. Nicht viel wird es auch bringen, weitere Schriftsätze von parteinahen Theologen verfertigen zu lassen. Vielmehr müssen religiöse Einsichten von Politikern und Politikanalytikern in politischen Positionsnahmen übersetzt werden – und zwar ganz ohne jenen Kurzschluss zwischen Religion und Politik, der immer nur in diktatorische Regime mündet. Hier stellten sich wichtige Herausforderungen für den Evangelischen oder den neu gegründeten Katholischen Arbeitskreis in der CDU.

Buchstabierten diese die christliche Botschaft in politische Wegweisungen aus, dann könnte der sozialreformerische Flügel der Union unmittelbar am gesellschaftskritischen und konkret-utopischen Kern des Christentums anschließen, nämlich über die katholische Soziallehre und die protestantische Sozialethik. Von beiden aus kann man soziale Gerechtigkeit zu einem zentralen Leitwert der CDU machen. Der liberale Flügel der Union kann seine Positionen gut vom Personalitätsprinzip des Christentums her entwickeln: Jeder ist als Geschöpf Gottes persönlich vor diesem für eigenes Tun oder Lassen verantwortlich. Das verlangt nach einem um die Freiheitsrechte des Individuums gelagerten Gesellschaftsaufbau – und zugleich nach solchem Handeln der Einzelnen, das sich vor Gott rechtfertigen lässt.

Praktische Glaubensinhalte sind weiter mehrheitsfähig

Der konservative Flügel wiederum kann darauf verweisen, dass die europäische Kultur tiefgreifend und zu ihrem Vorteil vom Christentum geprägt wurde, und ferner, dass unser deutsches Staatswesen wichtige Fundamente und Ziele klar dem Christentum verdankt. Das alles gilt es zu bewahren. Außerdem ist unschwer zu zeigen, dass sich bewährte Inhalte und Formen besser denn aufs Geratewohl unternommene Experimente eignen, solche Dinge weiterzugeben, die einem als wertvolles Gut zur Weitergabe an die nächste Generation anvertraut sind.

Nicht alle für christliche politische Positionen tragenden Glaubensinhalte werden auch faktischen Nichtchristen – und somit dem bald größten Teil der Wählerschaft – einleuchten. Fast alle praktisch folgenreichen Glaubensinhalte werden aber auch Anders- und Nichtglaubenden plausibel zu machen sein. Für Atheisten kann nämlich ein Großteil christlicher Aussagen vom Evolutionsdenken her überzeugend reformuliert werden, und Andersglaubende mögen sich zwar an der jüdisch-christlich „Engführung“ des Offenbarungsglaubens sowie an speziell christlich-europäischen Politikformen stoßen, doch den Kerngehalt vieler „praktischer“ Glaubensinhalte nur anders begründen, nicht aber bestreiten. Dann aber spricht nichts gegen den Versuch, die Anziehungskraft der Union gerade von ihrem christlichen Markenkern her zu stärken.

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