Wettlauf um die Herzen der Menschen

Die Hochwasserkatastrophe in Pakistan offenbart die Schwierigkeiten eines islamischen Staates, soziale Gerechtigkeit einzuführen Von Bodo Bost

Die verheerende Hochwasserkatastrophe in Pakistan und die Hilfe für die Flutopfer ist ein Wettlauf gegen die Zeit – und um die Herzen der betroffenen Menschen. Radikal-islamische Gruppen unterstützen die Notleidenden in vielen Regionen mit Lebensmitteln und Notunterkünften und füllen damit die Lücke, die Pakistans Regierung mit ihren viel zu langsam angelaufenen Rettungsmaßnahmen hinterlassen hat. Die USA und der Westen sorgen sich inzwischen, dass das Hochwasser auch Pakistans politische Zukunft beeinflussen könnte. Für die USA ist Pakistan der wichtigste Verbündete im Kampf gegen die Taliban, erst im letzten Jahr hatte die pakistanische Armee auf Drängen der USA eine Offensive gegen Talibankämpfer aus Afghanistan aber auch aus Pakistan im Swat Tal, das jetzt im Zentrum der Hochwasserkatastrophe liegt, eingeleitet.

Reformen, die Vorbild für die islamische Welt sein sollten

Die Regierung und das Militär, das im Westen Pakistans gleichzeitig gegen die Taliban kämpft, sind mit dem schlimmsten Hochwasser in der Geschichte des Landes völlig überfordert. Zwanzig Millionen Menschen von den 170 Milionen Einwohnern Pakistans sollen nach offiziellen Angaben von den Fluten betroffen sein, bei den Todesopfern schwanken die Angaben zwischen 1 400 und mehr als 1 600, mehr als 891 000 Häuser seien zerstört, dazu Straßen, Brücken und große Teile der Ernte.

Pakistan war der erste moderne Staat der Erde, der ausschließlich für Muslime geschaffen wurde, denn bei der Teilung des indischen Subkontinents 1947 wurden die beiden Staaten Indien und Pakistan ausschließlich auf konfessioneller Grundlage geschaffen. So sollten in Indien die Hindus und in Pakistan die Muslime leben. Die neue Hauptstadt des Staates Pakistan ist seit den 1960er Jahren Islamabad (Stadt des Islam). Im Laufe seiner Geschichte hatte Pakistan bereits vier Verfassungen, die alle demokratisch und rechtsstaatlich verfasst waren, allerdings immer wieder durch korrupte Regime und Regierungen außer Kraft gesetzt wurden. Auch gab es in Pakistan bereits seit den 1960er Jahren Versuche Pläne zur sozialen Sicherheit der Bevölkerung einzuführen, jedoch ohne großen Erfolg. Unter General Zia-ul-Haq kam es seit Beginn der 1980er Jahre zu einer verstärkten Islamisierung des Landes am Hindukusch. Zia-ul-Haq war zwar ein Militärdiktator, er wollte jedoch durch die Einbeziehung islamischer Eliten sein diktatorisches System stabilisieren. Deswegen startete er ein großangelegtes Reformprogramm des Islam, das sogar in gewisser Weise Vorbildcharakter in der islamischen Welt erlangen sollte; Ziel seiner Reformen war eine Islamisierung des pakistanischen Sozialsystems.

Seit Entstehen der islamischen Religion wurde im Koran und der Sunna auch auf die Verantwortung des Gläubigen gegenüber dem Nächsten hingewiesen. Die Solidarität der Gläubigen untereinander basiert im Islam auf der obligatorischen Armenabgabe (arabisch zakat). Zakat ist nach dem Glaubensbekenntnis und dem rituellen Gebet die dritte der fünf Säulen des Islam, sie steht also noch vor dem Fasten und der Wallfahrt nach Mekka. Da Zakat der von der Scharia (religiöses Gesetz) am wenigsten regulierte Bereich der fünf Säulen des Islam ist, wandelte sich die Zakatpraxis häufig in der Islamgeschichte.

Die konkrete Praxis der Zakatabgabe unterscheidet sich deshalb von Land zu Land. In den meisten Ländern leisten begüterte Gläubige freiwillig Zakatabgaben an ihnen bekannte Bedürftige, häufig sind dies Nachbarn und Mitglieder des Clans. Pakistan wurde 1980 das erste islamische Land, in dem die Zakat im Rahmen der staatlichen Steuererhebung von einer staatlichen Behörde eingesammelt und an Bedürftige landesweit verteilt wird. Eine Zentrale Zakatbehörde, „Zakat Central Administration“ (CZA), mit lokalen Zweigstellen in allen Provinzen und Städten wurde so geschaffen Es wurden Elemente der traditionellen islamischen Wohlfahrtseinrichtungen mit denen eines modernen öffentlichen Sozialsystems kombiniert. Die Höhe der Abgabe variiert, in der Regel sind 2,5 Prozent auf die Gesamteinnahmen eines Haushaltes zu zahlen. Zusätzlich gibt es in Pakistan seit 1983 auch die Ushr (eigentlich arab. Spende)-Abgabe, eine fünfprozentige Steuer auf den Ertrag von Grundstücken. Seit 1983 werden jährlich etwa 2,5 Milliarden Pakistanische Rupien an rund vier Millionen Menschen ausgezahlt. Das Programm hatte jedoch von Anfang an mit sehr viel Kritik zu kämpfen, vor allem wegen der ungleichen Weise, in der die Mittel verteilt werden. Pakistan ist mit einer Anzahl von 40–50 Mio. Schiiten nach dem Iran der Staat mit dem zweitgrößten schiitischen Bevölkerungsteil der Erde. Die Schiiten haben sich am meisten gegen die Einführung der Zakatsteuer gewehrt, weil damit ein Teil der sunnitischen Rechtswissenschaft vom Gesamtstaat übernommen wurde. Die Schiiten konnten schließlich durchsetzen, dass Schiiten weniger Abgaben zahlen mussten, was zu einer großen Konversionswelle vom sunnitischen zum schiitischen Islam innerhalb Pakistans beigetragen hat.

Die Islamisten nutzen die Lücken des Sozialsystems

Von der großen Schwierigkeit, Islam und soziale Gerechtigkeit nicht in der Theorie, sondern in der Praxis einer modernen Gesellschaft in Einklang zu bringen, zeugen auch die häufigen Zuständigkeitswechsel der Zakatbehörde in Pakistan. So blieb die Zakatbehörde zunächst dem Finanzministerium unterstellt, das alle Steuern und Abgaben des Staates verwaltet. Im Jahre 1996 wurde die Zakatverwaltung jedoch dem Ministerium für Religiöse Angelegenheiten unterstellt, bis schließlich im Jahre 2009 ein eigenes Zakat-Ministerium geschaffen wurde, um soziale Gerechtigkeit im Sinne des Islam in Pakistan in der Praxis umzusetzen.

Das sozioreligiös-rechtliche Vakuum in Bezug auf soziale Gerechtigkeit im Islam haben in einzelnen vorwiegend ärmeren Ländern, zum Beispiel in Ägypten und Gaza, fundamentalistische islamische Gruppen bereits genutzt, um das gesamte Zakatwesen unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie bauen mit Hilfe der von wohlhabenden Muslimen geleisteten Zakatzahlungen soziale Netzwerke, die sich um Krankenbetreuung, Alphabetisierung und schulische Einrichtungen kümmern, und gewinnen so erheblichen Einfluss auf das Sozialwesen. Im Gazastreifen hat es die Hamas mit einer religiösen Legitimation auf diese Weise sogar geschafft, nicht nur das infolge der jahrzehntelangen israelischen Besatzung darniederliegende gesamte Sozialwesen, sondern später auch mit Hilfe demokratischer Wahlen die gesamte Gesellschaft unter ihre Kontrolle zu bringen.

Das muslimische Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer dem einen Gott“ hat für den Islam auch eine politische Dimension. Da Gott einer ist, sollen auch die Menschen eine Einheit bilden, im Glauben und im Leben. Einheitlichkeit ist ein wichtiges Prinzip im Islam, sie gilt für das Glaubensbekenntnis, für das rituelle Gebet, bei der Wallfahrt, beim Fasten – nur für Zakat, die soziale Dimension des Islam, gibt es diese Einheitlichkeit nicht. Aus diesem Grunde hatten islamische Staaten auch nie Probleme mit einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, nur mit dem Atheismus des Kommunismus konnten sie sich nicht anfreunden. Gerade im sozialen Bereich überlässt es der Islam zum großen Teil dem persönlichen Ermessen und der Initiative jedes Einzelnen, wie er seine aus dem Koran hergeleitete soziale Verantwortung versteht. Dies ist erstaunlich, weil der Islam sonst, weder im religiösen noch im weltlichen Bereich, eine Privatsphäre nicht kennt.

Der frühe Islam, der noch enge Kontakte zum Christentum hatte, kannte ein weit entwickeltes soziales Netz mit vielen freiwilligen Stiftungen. Die Sorge um die Eltern, Waisen, Nachbarn, Kranke und Witwen war im Koran vorbildlich, wohl auch weil die vielen Kriege in der Entstehungszeit des Islam besonders viele Waisen und Witwen hervorgebracht hatten. Die meisten sozialen Errungenschaften gingen nach dem 13. Jahrhundert verloren, als der Islam erstarrte. Die Hamas in Gaza, die Taliban in Afghanistan oder Pakistan verdanken ihren Aufstieg nicht nur der neuen Vitalität, die der soziale Gedanke als Erfüllung des islamischen Gesetzes derzeit in der islamischen Welt erlebt. Obwohl der Koran weder eine Gottes- noch die auf ihr basierende Nächstenliebe kennt, die im Christentum zur Grundlage von Caritas und Diakonie geworden sind, verdankt das neu entstandene soziale Gewissen des Islam auch dem Wirken christlicher Missionare viele Elemente seiner Vitalität. Da die allesamt gescheiterten Missionsbemühungen der christlichen Kirchen in der islamischen Welt zumeist mit einem sozialen Engagement verbunden waren, haben christliche Missionare dadurch unbewusst auch dem Islam ein Vorbild und Muster zur Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft durch persönliches soziales Engagement geliefert.

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