Wien

Wenn Menschen Gott spielen

Der Widerstand gegen den „Marsch fürs Leben“ betreibt den Kulturkampf als Straßenschlacht.
Marsch fürs Leben Wien 2021
Foto: MK | Nicht nur gewaltbereite Linke, sondern sogar die Österreichische Hochschülerschaft mobilisierte gegen den diesjährigen „Marsch fürs Leben“. Die Polizei musste mit dem Einsatz von Waffengewalt drohen.

Plötzlich stoppt der bunte, kinderreiche Demonstrationszug. Überwiegend vermummte, schwarz gekleidete Gegendemonstranten blockieren die Wiener Ringstraße. Man sieht Bengalische Feuer in Rot und Blau, riecht die Stinkbomben, hört die immer gleichen Parolen. „Hätt Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben!“ oder „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“, wird skandiert. Es sind altbekannte Sprüche, mit denen gewaltbereite Störer seit Jahrzehnten die friedlichen Demonstrationen für das Lebensrecht der ungeborenen Kinder begleiten, beleidigen und bedrängen.

Einer davon ist beim österreichischen „Marsch fürs Leben 2021“ am vergangenen Samstagnachmittag in Wien augenscheinlich widerlegt worden: „Eure Kinder werden so wie wir!“, grölt der Schwarze Block, verschanzt hinter Masken und Schildern. Die Lebensschützer jedoch sind mit vielen Kindern angerückt, die ganz anders wirken: bunt, engagiert und lebensfroh.

Mehr noch: Beim Wiener „Marsch fürs Leben“ dominieren – wie in den Vorjahren – Jugendliche und junge Familien. In die Jahre gekommen wirken dagegen die Störer mit ihren alten Parolen und bekannten Methoden. „Wenn deine Mutter gewusst hätte, was du da tust, hätte sie auch abgetrieben“, steht in englischer Sprache auf einem der Schilder. Die junge Frau, die es hält, reckt den Mittelfinger in die Höhe. Sie trägt einen Regenbogen-Schal. Sollte der nicht ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz sein? „Fundis abtreiben!“, fordert wenig tolerant ein benachbartes Schild.

Linke wollten „Fundis die Hölle heiß machen“

Mehrfach fordert die Polizei die Teilnehmer der unangemeldeten Gegendemonstration auf, die Straße zu räumen. Ein Polizeihubschrauber kreist über der Szene. Irgendwann droht ein Polizeisprecher mit Waffengewalt, setzt ein Fünf-Minuten-Ultimatum. Unter den Teilnehmern des Marschs ist die Stimmung locker und fröhlich. Sollten die Vermummten gehofft haben, die Lebensschützer erschrecken oder gar einschüchtern zu können, sind sie offensichtlich und hörbar gescheitert. Jeder trifft hier alte Bekannte, Gleichgesinnte, Freunde. Man lacht, plaudert, lächelt auch noch über den grölenden Pöbel jenseits der Polizeisperre. Das Ultimatum greift, die Schwarzgewandeten trollen sich. Der Marsch muss seine Route ändern, führt über die Kärntnerstraße zurück zum Stephansplatz statt über Burgtor und Heldenplatz zum Bundeskanzleramt.

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Am Ende dankt Alexander Tschugguel für die Veranstalter der Polizei. Anzeige gegen die unangemeldete Gegendemonstration will er gleichwohl erstatten. Auch der Präsident der Plattform Christdemokratie, Jan Ledóchowski, hat eine Anzeige wegen Verhetzung und Herabwürdigung religiöser Lehren erstattet. Sogar die Österreichische Hochschülerschaft der Universität Wien hatte diesmal gegen die Lebensrechtler mobilisiert. „Fundis die Hölle heiß machen!“, lautete die Aufforderung auf der Website „Marsch fürn Arsch“. Mobilisierend wurde die Route angegeben, samt dem Hinweis: „Der Treffpunkt der Klerikalfaschist*innen ist um 14 Uhr am Stephansplatz.“

Eine große Lüge und menschlicher Hochmut

Tatsächlich versammelten sich hier, im Schatten des Stephansdomes, zu dieser Zeit rund 2.500 Menschen – Junge und Alte, auffallend viele Jugendliche und Familien mit Kindern. Nicht einmal bei der Gedenkminute für den am Vortag brutal ermordeten britischen Tory-Politiker David Amess mochten die Störer in ihrem Lärmen innehalten. Natürlich auch nicht, als die aufgrund eines genetischen Defekts gehörlos geborene Italienerin Anna Bonetti ruhig zu erklären versuchte, warum sie als behinderte Frau den Hochmut der Abtreibungsbefürworter nicht akzeptieren kann: „Warum endet die Freiheit der Mutter nicht, wo das Lebensrecht des Kindes beginnt?“ Abtreibung sei eine große Lüge und menschlicher Hochmut. „Jeden Tag verlieren wir tausende Kinder, die nie die Chance bekommen, unsere Freunde, Partner oder Schulkameraden unserer Kinder zu sein.“ Nie habe sie ein solches Leid gesehen, wie in den Augen jener Mädchen, die eine Abtreibung hinter sich haben, sagte Bonetti.

Die Welt der Lebensschützer ist anders als es sich die Chaoten auf dem Stephansplatz vorstellen: Da erzählt etwa Pater Bruno Meusburger, dass die „Jugend für das Leben“ ihm finanziell und logistisch dabei half, die neue Bewegung „Priester für das Leben“ zu gründen. Die Jugend half den Priestern auf die Sprünge – nicht umgekehrt! Im Juli 2021 endlich fanden sich Priester am Gnadenaltar der „Magna Mater Austriae“ im traditionsreichen Wallfahrtsort Mariazell zusammen, um sich in den Dienst des ungeborenen Lebens zu stellen.

„Es gibt in Gottes Augen kein unwertes oder verachtenswertes Leben“, hieß es in der Grußbotschaft des griechisch-orthodoxen Metropoliten Arsenios Kardamakis, das auf dem Stephansplatz von Erzpriester Alexander Lapin verlesen wurde. „Das Leben steht im Mittelpunkt des christlichen Glaubens.“ Ungeborene Kinder wie auch alte Menschen seien auf die gesamte Gesellschaft angewiesen. Das Leben sei immer ein Geschenk Gottes und darum unantastbar, so der Vorsitzende der orthodoxen Bischofskonferenz, die rund 600.000 Gläubige in Österreich repräsentiert.

Marsch gegen eine „Kultur des Todes“

Zuvor hatte der katholische Weihbischof Franz Scharl in seiner Predigt in der Wiener Peterskirche den Lebensschützern für ihren Einsatz gedankt und an die vielen Frauen erinnert, die von Ehemännern und „Freunden“ zu einer Abtreibung gedrängt würden. Das ungeborene Leben sei zugleich das ungeschützteste Leben, ausgesetzt der Willkür und auch der Not anderer. Weihbischof Scharl forderte die Gläubigen auf, für die Bischöfe zu beten, „dass sie Mut und Unterscheidungsgabe zeigen“.

Angesichts der unmittelbar bevorstehenden gesetzlichen Neuregelung des bisher in Österreich verbotenen „assistierten Suizids“ stand der „Marsch fürs Leben 2021“ auch im Zeichen einer drohenden Legalisierung der Euthanasie. Bischof Scharl sagte, er hoffe, „dass unsere Kultur nicht erst kollabieren muss, um wieder von vorne zu beginnen“. Der freikirchliche Pastor Raimund Harta meinte in seiner Rede auf dem Stephansplatz: „Wir sind hier, weil wir nicht wollen, dass Menschen Gott spielen.“ Der Mensch dürfe nicht entscheiden, welches Leben lebenswert ist – weder am Anfang noch am Ende. Alte und Behinderte dürften nicht den Eindruck vermittelt bekommen, eine Last zu sein.

„Wir wollen keine Kultur des Todes“, rief Theresa von Habsburg vom Verein „Marsch fürs Leben“ am Ende der Demonstration. Unter dem Applaus der Teilnehmer wandte sie sich vehement gegen die Legalisierung der Euthanasie. Christen wüssten, dass die Todesstunde die wichtigste Stunde des Lebens sei. Über diesen Moment dürfe der Mensch nicht selbst entscheiden.

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