Wenig Bilder, klare Worte

Bei der fünfzigminütigen Unterredung von Russlands Präsident Wladimir Putin mit Papst Franziskus ging es auch um die Ukraine. Von Guido Horst
Foto: dpa | Der Herr des Kremls, Wladimir Putin, ließ den Stellvertreter Christi auf Erden 70 Minuten lang warten.
Foto: dpa | Der Herr des Kremls, Wladimir Putin, ließ den Stellvertreter Christi auf Erden 70 Minuten lang warten.

Es gibt Staatsbesuche, die sind auch für den Vatikan heikle Angelegenheiten. Die Päpste haben sich nie gescheut, Politiker zu empfangen, die in anderen Ländern auf der Liste der unerwünschten Personen stehen. Jessir Arafat war oft bei Johannes Paul II., auch Benedikt XVI. und Franziskus empfingen „schwarze Schafe“ und so manchen Despoten. Die Päpste wollen neutral bleiben und dank dieser Neutralität und ihrer eigenen moralischen Autorität jede Möglichkeit nutzen, in Fällen, die der rein politischen Diplomatie unzugänglich sind, doch noch etwas zu richten. Im Fall Kuba hat sich das richtig bezahlt gemacht.

Als Wladimir Putin am Mittwoch Italien besuchte, war das Gelände doppelt vermint. Nicht nur, dass der Westen die Ukraine-Politik Russlands verurteilt und Putin sich nicht mehr wie früher auf dem diplomatischen Parkett bewegen kann. Auch hatte der G7-Gipfel auf bayerischem Boden in den Tagen zuvor die scharfen Worte Barack Obamas gehört, dass es bei den Sanktionen gegen Russland bleibe. Der amerikanische Präsident konnte sich gerade in dieser Woche sicher sein, seine Verbündeten als Unterstützer der harten Linie gegenüber Putin hinter sich zu haben. Und schert Italien am Tag danach sofort aus? Amerikanische Medien wie CNS züngelten am Dienstag scharf, dass Italien und der Vatikan dem russischen Präsidenten die Tür öffnen.

Matteo Renzi hatte Putin zwecks Expo-Besuch nach Italien eingeladen und musste sich natürlich mit dem Gast in Mailand sehen lassen. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz konnte der italienische Ministerpräsident jedoch selbstsicher erklären, dass in der Ukraine-Frage das Abkommen Minsk 2 der „Polarstern“ und der „Angelpunkt“ in der Bemühung aller Seiten um die Befriedung des Konflikts sei. Aber wie Putin nun einmal ist: Bei seinem Statement konnte er sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass die Sanktionen gegen Russland die italienische Wirtschaft 1,5 Milliarden Euro Einnahmeverlust kosteten – und das in einer Zeit, in der Italien versuche, die Rezession zu überwinden.

Putin flog weiter nach Rom. Sein abschließender Höflichkeitsbesuch im Quirinal gab nicht mehr her als ein gemeinsames Foto mit Staatspräsident Sergio Mattarella. Und das für anschließend vorgesehene Abendessen mit dem „guten Freund“ Silvio Berlusconi in dessen römischer Stadtvilla verkürzte sich aus Zeitgründen auf eine kurze Plauderei in einer Nobel-Lounge im römischen Flughafen Fiumicino. Blieb also der Papst. Was würde das Gespräch mit Franziskus für Putin bringen?

Nichts. Zunächst ließ der Herr im Kreml den Herrn im Vatikan siebzig Minuten warten. Nicht um fünf, sondern kurz nach sechs am Nachmittag fuhr die Kolonne Putins über den Petersplatz in Richtung Damasus-Hof und Apostolischer Palast. Zwei Dinge fielen auf. Es gab kaum Bilder. Erst später, in den Abendnachrichten, als Putin bereits abgeflogen war, die Begrüßung vor dem Eingang durch Erzbischof Georg Gänswein, dann der Händedruck mit Franziskus im Empfangszimmer des Papstes und schließlich kurz der Austausch der Geschenke nach der fünfzigminütigen Unterredung unter vier Augen und mit den zwei Ohren und dem Mund des Dolmetschers.

Dann die Sprache des vatikanischen Kommuniques. Zum zweiten Thema des Gesprächs formulierte es wie üblich, was beide Seiten gemeinsam hervorgehoben hätten. Zum Konflikt im Mittleren Osten, heißt es dort, vor allem auf dem Gebiet Syriens und des Irak, sei in dem Gespräch zwischen Papst und Putin „grundlegend bekräftigt worden, den Frieden mit der konkreten Beteiligung der internationalen Gemeinschaft zu suchen, indem man gleichzeitig die Lebensnotwendigkeiten aller Teile der Gesellschaft sicherstellt, eingeschlossen die der religiösen Minderheiten und insbesondere der Christen“. Die übliche Kommunique-Sprache also.

Anders formuliert die Note des vatikanischen Pressesaals jedoch zum ersten Hauptthema der Unterredung, das den Ukraine-Konflikt betraf. Hier war nicht zu lesen, was die gemeinsame Meinung beider Seiten war, sondern ausschließlich das, was Franziskus seinem Gast zu sagen hatte: „Was die Lage der Ukraine betrifft, so hat der Heilige Vater bekräftigt, dass es notwendig ist, mit aufrichtiger und großer Kraft dafür einzutreten, dass der Friede realisiert wird.“ Es gehe darum, wieder ein Klima des Dialogs zu schaffen und darum, dass alle Parteien sich bemühen, die Vereinbarungen von Minsk in die Tat umzusetzen. „Wesentlich ist auch der Einsatz, um der schweren humanitären Lage zu begegnen, indem man unter anderem den humanitären Organisationen den Zugang und ihre fortschreitende Verbreitung in der Region zusichert.“ Diplomatisch formuliert, in der Sache aber klar.

Der Papst muss sich nicht sehr darum kümmern, wozu Präsident Obama seine westlichen Verbündeten auffordert. Im Falle Putins muss der Vatikan jedoch einen anderen Faktor berücksichtigen. Der russische Präsident könnte ein Kanal sein, der die Mauern des verschlossenen orthodoxen Patriarchats erweicht. Zuletzt hatte Patriarch Kyrill eine Einladung zum Weltjugendtag mit dem Papst 2016 in Krakau abgelehnt, wohl eher wegen der streng pro-ukrainischen Haltung der polnischen Bischöfe. So absurd es klingt: In der Ukraine-Frage liegt auch der Vatikan mit Russland über Kreuz. Aber auf dem Weg, die Beziehungen Roms zum Patriarchat in Moskau wenigstens ansatzweise so gut und herzlich zu gestalten, wie sie zwischen den Päpsten und dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel bestehen, könnte Putin ein wirksamer Fürsprecher sein.

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