Was glaubt Ahmadinedschad?

Der iranische Präsident ist selbst für die Verhältnisse im Gottesstaat ein Eiferer – Die Religion steht dabei ganz im Dienste seiner Politik

Die Schiiten haben die Vorstellung, derzufolge zwölf Nachkommen Muhammads, die Imame, die Umma (Gemeinschaft aller Muslime) führen. Dem ersten Imam Ali, einem Cousin des Propheten, folgen seine zwei Söhne, deren Mutter Muhammads Tochter Fatima war, dann neun weitere Abkömmlinge Muhammads. Der 12. Imam, Muhammed ibn Hasan al-Mahdi (geb. ca. 870 n. Chr.) verschwand im Jahre 874. Während der sogenannten „kleinen Verborgenheit“ (874-941) unterhielt er noch durch Boten Kontakte mit seinen Anhängern, seit dem Beginn der „großen Verborgenheit“, die bis heute andauert, gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Der Glaube an seine Rückkehr als Mahdi (der Rechtgeleitete), der an einem unbekannten Ort versteckt auf der Erde lebt, steht im Zentrum der schiitischen Theologie und bezeichnet den schiitischen Erlösungsglauben, Mahdaviyat. Die klassische schiitische Doktrin kennt nur den abwesenden Imam Mahdi als einzig legitimes Oberhaupt aller Muslime und hält jede andere Herrschaft in seiner Abwesenheit für illegitim.

Khomenei hat die schiitische Doktrin auf den Kopf gestellt

Die Mehrheit der schiitischen Geistlichkeit im Iran, Zentrum der Schia weltweit (90 Prozent der Iraner sind Schiiten), hat deshalb bis zu Khomeinis Herrschaftstheorie der „Velayat-e Faqih“ (Herrschaft des Rechtsgelehrten) unter Bewahrung ihrer Unabhängigkeit jegliche direkte Einmischung in die Politik gemieden. Für die großen Theologen lag die Beschäftigung mit Staatsangelegenheiten als unter ihrer Würde. Ayatollah Khomeini hat mit seiner Lehre die gesamte schiitische Doktrin auf den Kopf gestellt. In seinem 1970 verfassten Buch „Die islamische Regierung“ stellt er die Weichen für einen neuen islamischen Staat. Der Theorie nach muss die Umma beziehungsweise der islamische Staat bis zur Erscheinung des Mahdi von einem gerechten Faqih geleitet werden und ihm komme die Aufgabe zu, die Erscheinung des Imam Mahdi zu beschleunigen. Der Imam wird zurückkehren und eine apokalyptische Revolution der Unterdrückten gegen die Mächte der Ungerechtigkeit und Finsternis anführen. Der Legende nach wird der Mahdi nach einer Periode von Chaos, Anarchie und Krieg wiederkehren und die Welt erlösen. Der im 10. Jahrhundert in Bagdad lebende Schiit Scheikh al-Mufid hält fest, dass finstere Vorzeichen dem Erscheinen des Mahdi vorausgehen und es ankündigen. In seinem „Buch der Rechtleitung“ beschreibt er dies wie folgt: Die Sonne verfinstere sich mitten im Monat Ramadan, der Mond am Ende desselben Monats. In Ost und West werde das Land vom Meer verschlungen. Ein Feuer werde sich im Osten zeigen und einige Tage in der Luft schweben, der Euphrat schwelle an, sodass seine Wasser die Straßen von Kufa überfluten, ein schwarzer Wind erhebe sich am Morgen und die Erde erbebe. Furcht erfülle die Iraker und die Einwohner von Bagdad. Rascher Tod trete hier und da ein. Eigentum, Leben und Ernte werden vernichtet werden, Heuschreckenschwärme erschienen, um über Ackerland und Ernte herzufallen, Fremde werden sich streiten und viel Blut werde in ihrem Streit vergossen werden.

Der Mahdi soll am Aschuratag, dem 10. im islamischen Monat Muharram, (das Jahr unbekannt), dem Tag, an dem der 3. Imam Hussein in Kerbela als Märtyrer fiel, wieder erscheinen. Der Erzengel Gabriel werde zu seiner Rechten stehen und alle auffordern, ihm zu huldigen. Dann werde Gott die Erde mit Gerechtigkeit füllen, so wie sie mit Ungerechtigkeit gefüllt war. Der Mahdi wird als ein junger Mann mittlerer Statur mit hübschem Antlitz und schönem schwarzen, über die Schultern fallendem Haar, und mit schwarzem Bart beschrieben. Neben dem Verschwinden der Ungerechtigkeit werden die Straßen sicher sein, die Erde werde ihre Gaben hervorbringen und kein Volk einer anderen Religion werde übrigbleiben, das sich nicht zum Islam bekenne, und Reichtum werde alle Gläubigen einen.

So wird die Lehre von der Wiederkehr des Imams von der schiitischen Theologie im klassischen Sinne verstanden. Doch in der Realität verhalten sich die Dinge anders. Bis 2005 war man mit derartigen Begrifflichkeiten im Iran so gut wie nie konfrontiert. Alle bisherige Regierungen und Präsidenten haben sich dem materiellen und spirituellen Wohlergehen des iranischen Volkes verschrieben. Ex-Präsident Rafsandschani (1989-1997) nannte seine Regierung die „Regierung des Aufbaus“ und sein Nachfolger Chatami (1997–2005) bezeichnete sein Kabinett als „Reformkabinett“ im Sinne bürgerlich-politischer Freiheiten.

Die „Mahdaviyat-Hysterie“ findet ihre Konturen erstmals mit dem Amtsantritt des sechsten Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad im August 2005.

Um den religiös-politischen Hintergrund Ahmadinedschads adäquat begreifen zu können, müsste man die religiöse Weltanschauung seines Mentors, des erzkonservativen Ayatollah Mohammad Tagi Mesbah Yazdi, erforschen. Denn Ahmadinedschad ist ein 53-jähriger promovierter Bauingenieur, der 2003 aus dem Nichts auftauchte und Teheraner Bürgermeister wurde. Mesbah, Jahrgang 1934, ist die treibende Kraft hinter dem Präsidenten. Ihn und nicht den Religionsführer Ayatollah Ali Chamenei suchte Ahmadinedschad unmittelbar nach seinem Wahlsieg als ersten Geistlichen auf. Der Geistliche, der als Theoretiker der Gewaltverherrlichung gegen Andersdenkende („Abtrünnige“) gilt, umarmte ihn und sagte zu ihm: „Der Imam Mahdi betete für Ihren Wahlsieg.“ Mesbah ist Führungsmitglied der radikal islamistischen Hojjatieh-Gesellschaft, die 1953 ins Leben gerufen wurde. Die Gesellschaft ist die wahre theologisch-ideologische Wiege der Wiederkunftslehre im Iran. Die radikale Orientierung der Hojjatieh wurde selbst Ayatollah Khomeini zuviel, sodass er sie 1983 offiziell verboten hat. Sie setzte ihre Aktivitäten im Geheimen fort. Etliche Schlüsselministerien sind von Mesbahs Schülern besetzt. Ahmadinedschad selbst äußerte sich bisher sehr deutlich zur Wiederkunftslehre. Das Hauptanliegen der iranischen Revolution solle sein, den Weg für das Erscheinen des Mahdi zu ebnen. Auf dieser Basis solle der Iran der Gegenwart seine ökonomischen, kulturellen und politischen Maßnahmen definieren, so Ahmadinedschad. Er hat seinen Worten Taten folgen lassen. Nahe der schiitischen Hochburg Qom liegt das kleine Dorf Chamkaran. Nach einer Sage soll der Mahdi sich dort oft aufhalten. Die dortige Moschee, bis zur Revolution unbedeutend, ist eine Pilgerstätte der Schiiten. Im Hof dieser Moschee befindet sich ein Brunnen, in den die Gläubigen ihre Wünsche auf einen Zettel einwerfen und sich vom Mahdi deren Erfüllung erhoffen. Ende 2005 sorgte ein Bericht für großes Aufsehen, wonach Ahmadinedschads Kabinett ein Bündnisbekenntnis (Misaq) mit dem Imam Mahdi geschlossen habe. Darin wird die Mission des Kabinetts bekräftigt, die Rahmenbedingungen für seine Wiederkehr zu ebnen. Der damalige Minister für Kultur und Religiöse Führung, Safar Harandi, soll dieses schriftliche Bekenntnis persönlich nach Chamkaran mitgenommen und sie in den Brunnen geworfen haben. Zuverlässigen Berichten zufolge soll die Regierung Millionen US-Dollar für die Verzierung der Moscheeanlage und deren Zufahrtstraße sowie die Verköstigung der Pilger während ihres Aufenthalts in Chamkaran ausgegeben haben. Das Umfeld des Präsidenten scheint tatsächlich alle erdenklichen Vorkehrungen für das Wiedererscheinen des Imams in Chamkaran treffen zu wollen, wie einst im Mittelalter, als man in manchen schiitischen Städten Irans tagaus, tagein ein gesatteltes Pferd bereit hielt, damit der Imam bei seinem Erscheinen ohne Verzögerung aufsitzen könnte.

Aus westlicher Sicht mag man dies als Staatstheorie für verrückt halten. Hört man aber die führenden ultrakonservativen Geistlichen im Iran, so muss man sie ernst nehmen. Ahmadinedschad und sein Umfeld selbst haben bisher in den Medien aufsehenerregende Äußerungen über die Wiederkunftslehre getätigt. Sein jüngster Coup diesbezüglich war seine Rede in der Stadt Isfahan Anfang Dezember: „Wir haben stichhaltige Beweisdokumente, aus denen hervorgeht, dass die Amerikaner glauben, dass ein Mitglied aus der Prophetenfamilie im Irak erscheinen wird, der die Wurzel der Ungerechtigkeit in der Welt austrocknet. Die USA wollen das Auftreten dieses Erlösers (Imam Mahdi) verhindern. Und sie wissen genau, dass die iranische Nation Wegbereiter dieses Ereignisses gewesen ist.“ Das ist zwar ein Widerspruch zur Chamkaran-Hysterie, wonach der Erlöser im Iran auftreten soll, doch geht es dem Ahmadinedschadismus nicht nur um eine radikal-islamistische Ideologie, sondern die Verwendung dieser als Legitimierung der Macht. In Teheran versucht der konservative Klerus seit 30 Jahren, eine Hirten-Herden-Kultur zu schaffen.

Diese Kultur predigt Ayatollah Chamenei als Statthalter Mahdis und somit Vertreter Gottes auf Erden, wenigstens im Iran. Der Gehorsam ihm gegenüber sei zur Aufrechterhaltung des Gottesstaates wichtiger als die Verrichtung religiöser Verpflichtungen wie Gebet und Pilgerfahrt. Im Dienste der Aufrechterhaltung des Gottesstaates ist alles (willkürliche Verhaftung, Folter, Betrug, Vergewaltigung und Mord) erlaubt.

Der Gottesstaat taumelt seinem Ende entgegen

Die Wiederkunftstheorie Ahmadinedschads wird von führenden traditionellen und reformistischen Ayatollahs als Verhöhnung des Imam Mahdi verurteilt. Ahmadinedschad und seine Regierung werden via CD und SMS vom Volk mit Spott und Hohn übersät. Denn alle seine Lehren erscheinen als unzeitgemäß in einem Land mit einem 3000-jährigen zivilisatorischen Hintergrund, das knapp vier Millionen Studenten, 1, 4 Millionen junge, meist arbeitslose, hochqualifizierte Hochschulabsolventen, einen über 60-prozentigen Frauenanteil an der Studentenschaft, circa 15 Millionen Schüler und eine Urbanisierungsrate von knapp 70 Prozent hat.

Kaum ein Land in der islamischen Welt hat ein derartiges Entwicklungspotenzial. Es war deshalb abzusehen, dass eine Explosion der Gesellschaft, wie sie gegenwärtig auf den Straßen des Landes stattfindet, nicht länger auf sich warten lässt. Ahmadinedschads Innen- und Außenpolitik, die auf seiner Interpretation der Wiederkunftslehre basiert, haben das Ende des Gottesstaates eminent beschleunigt. Zehn Monate nach den triumphalen Feierlichkeiten zum 30. Jubiläum im vergangenen Februar taumelt der Gottesstaat seinem Ende entgegen.

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