„Was bedeutet das C für mich?“

Auf ihrem Parteitag hat die CDU eine Broschüre vorgestellt, in der sich die Spitzen der Partei Gedanken über das „C“ machen. Nicht jeder tat sich leicht damit Von Clemens Mann
Foto: dpa | Seelenmassage für die „C“-Klientel.
Foto: dpa | Seelenmassage für die „C“-Klientel.

Vor dem CDU-Parteitag in Leipzig gewinnt sie wieder an Fahrt: die Debatte um das christliche Profil der Union. Was mit den ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Bernhard Vogel vor Monaten begann und seitdem in Teilen der Unionsbasis heftig diskutiert wird, hat jetzt zu einer Broschüre mit 50 Statements der CDU-Spitzen, was das „C“ für sie bedeutet, geführt. Auf dem Leipziger Parteitag wurden die Bekenntnisse der Unionspolitiker zum christlichen Menschenbild nun vorgestellt.

Mit Weltliteratur wie einst die „Confessiones“, die Bekenntnisse des Augustinus, hat das, was Kanzlerin, Ministerpräsidenten und Parteivorstand zu Blatte brachten, wenig zu tun. Vielmehr ist es ein christlich angehauchtes Lesebuch mit qualitativ höchst unterschiedlichen Resultaten. Dass sich einige Schreiber mit der Aufgabe der Parteichefin nicht leicht taten, merkt man oft: Das „C“ als Maßstab, als Kompass, als Navigationssystem, bei so manchem fehlt eine persönliche Begründung, bleiben die Worte letztlich leere Hülsen.

Auch Angela Merkel, die die Broschüre mit ihrem Beitrag eröffnet, ist da keine Ausnahme. Das „C“ stehe für eine Politik, „die mehr im Blick habe als die neuesten Umfragewerte und den nächsten Wahltag“, christdemokratische Politik sei allen Menschen verpflichtet, sei eine Politik, die sich nach den Bedürfnissen der Menschen orientiere. Und der christliche Schöpfungsglaube sei entscheidende Grundlage für Umwelt- und Klimaschutz. Klingt alles ganz richtig, aber wirklich persönlich wird es nur gegen Ende ihres Beitrages. „Ich kann und mag meine politische Tätigkeit nicht von meiner christlichen Grundhaltung trennen“, schreibt die Kanzlerin. „Für mich ist die Tatsache, dass ich dem christlichen Glauben verpflichtet bin, auch schon von daher eine Beruhigung, weil klar ist, dass der Mensch nicht vollkommen ist und man gegenüber Fehlern – denen der Mitmenschen und den eigenen – toleranter wird. Das macht vieles leichter.“

Für Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere gehören Selbstreflexion und Bescheidenheit ebenso zum Rüstzeug eines christlichen Politikers wie Gottvertrauen und die Bindung an feststehende Werte. „Die Bindung an Gott macht frei“, ist de Maiziere überzeugt. Sie bedeute aber auch, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Es gelte, die eigenen Ansprüche auch bei der konkreten politischen Arbeit durchzuhalten.

Lieberknecht: „Es ist die Tat, die zählt“

„Ich weiß, dass ich als Mensch erlösungsbedürftig bin“, schreibt Volker Kauder, Vorsitzender der Union-Bundestagsfraktion ganz auf der Linie des Reformators Martin Luther. Klare politische Felder steckt Kauder ab. Wissenschaftliche Experimente an und mit dem Menschen seien aufgrund der von Gott zugesprochenen Menschenwürde für ihn ebenso ausgeschlossen wie die Tötung durch Abtreibung. Darüber hinaus: Eine christliche Politik müsse gerade bei der Familienpolitik die Wahlfreiheit der Eltern gewährleisten. Und bei der Sozialgesetzgebung müsse neben dem Gebot der Nächstenliebe auch die Anleitung zur Eigenverantwortlichkeit stehen. Hartz IV- Empfängern dürfe man schon aufgrund ihrer Würde das Leben nicht bequem, „sondern möglichst unbequem machen und sie in die Eigenständigkeit führen“. Dass das Christentum keine sozialromantische Utopie ist und auch Solidarität ihre Grenze hat, wird bei Kauder deutlich.

Und so geht es weiter: Julia Klöckner, Landesvorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz, spricht sich gegen einen Beliebigkeit der Werte aus. „Als Christdemokratin will ich mich eben nicht mit einem Werterelativismus anfreunden, der seine Kriterien aus einem jeweils demoskopisch erhobenen „Wertewandel“, einer bloßen Mehrheitsentscheidung oder einem gängigen Zeitgeist bezieht.“

Ronald Pofalla, Kanzleramtschef, gibt sich nach seinem unwürdigen Ausrutscher gegenüber Wolfgang Bosbach harmlos. Er engagiere sich für die Menschenrechte und Demokratie in Weißrussland, setze sich für eine kleine evangelische Gemeinde ein, damit eine Kirche errichtet werden könne. „Es beeindruckt mich immer wieder zu sehen, dass Menschen auch unter harten Bedingungen für ihren Glauben einstehen. Das macht Mut und gibt Hoffnung.“ Persönliche Motivation? Fehlanzeige.

Stark hingegen die Ministerpräsidentin von Thüringen. Christine Lieberknecht ist davon überzeugt, dass man richtungsweisende Antworten im Neuen Testament finden kann. „Wem es gelingt, sein Leben nach den Zehn Geboten und den Aussagen des Neuen Testaments auszurichten, lebt ohne Zweifel ein zufriedenes und gerechtes Leben. Ich bemühe mich darum“, schreibt die evangelische Theologin. Zugleich appelliert sie: „Wer das Kreuz im Herzen trägt, weiß, dass seine Entscheidungen nie auf Beliebigkeit beruhen. Aber manchmal, so scheint es, haben wir das Vertrauen in uns selbst und unsere Überzeugungen verloren.“

Ganz falsch liegt Lieberknecht damit nicht. Ob die Broschüre aber Startschuss für eine Rückbesinnung der Union auf das „C“ darstellt, bleibt fraglich. Am Ende wird man die Spitzen der Union nicht an ihren Worten messen, sondern an ihren Taten. „Es ist die Tat, die zählt“, zitiert Lieberknecht einen Satz von Papst Benedikt XVI. während seines letzten Deutschlandbesuches. Damit hat sie definitiv Recht.

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