„Warum will der Staat nicht, dass ich meine Kinder selbst großziehe?“

„Es ist die Wirtschaft, Dummkopf“ – Die Sachbuchautorin Birgit Kelle sprach beim Wiener „Institut für Ehe und Familie“. Von Gudrun Trausmuth
Kindertagesstätte
Foto: Julian Stratenschulte (dpa) | Eine Kinderkrippe in Niedersachsen für die ganz Kleinen: Ein Krippenplatz wird im Monat mit 1 200 Euro vom Staat gefördert. Angesicht dessen wäre es nur gerecht, ...

Montagmorgen, bei Kaffee und Croissant: In freundlichem Ambiente lud das Wiener „Institut für Ehe und Familie“ am Montag zusammen mit dem „Österreichischen Familiennetzwerk“ und der „Bewegung Christdemokratie“ zum Forum mit dem Thema „Kinderkrippe – Kinderparadies oder Risikofaktor?“ Tough, beredt und sympathisch, gab die Publizistin („Gendergaga“ und „Dann knöpf doch die Bluse zu“) und Familienaktivistin Birgit Kelle ein Update über die außerfamiliäre Betreuungssituation der unter Dreijährigen. „Ein einjähriges Kind verabschiedet sich täglich ,für immer‘ von seiner Mutter.“ Diese von Kelle zitierte Aussage einer Kinderpsychologin verdeutlicht drastisch, dass beim Thema der Fremdbetreuung von unter Dreijährigen auf entwicklungspsychologische Befindlichkeiten keine Rücksicht genommen wird, und dass hier andere Kriterien und Motivationen als das Kindswohl schlagend werden.

Kelle führte aus, dass die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf politisch in ganz Europa nach demselben Muster abgehandelt werde. Dabei gäbe es eine Differenz zwischen der kommunizierten Motivation in Richtung „immer mehr Zeit für den Beruf und weniger für die Familie“, und den tatsächlichen Motiven dieser gezielten Dynamik: Es werde nachdrücklich suggeriert, dass man den Kindern mit einem frühestmöglichen Eintritt in eine Betreuungseinrichtung etwas Gutes tue. Dies werde ganz gezielt auch sprachpolitisch dadurch verfestigt, dass nun zunehmend nicht von Betreuungseinrichtung, sondern von der Krippe als „Bildungseinrichtung“ gesprochen werde.

Vor dem Hintergrund des Ideals möglichst nahtloser Berufstätigkeit der Frauen werde solchermaßen signalisiert, Erziehung glücke nur dort, wo bezahlte Pädagogen sie außerfamiliär leisteten, was einhergehe mit einer Abwertung der elterlichen Erziehungskompetenz. Kinder so früh wie möglich aus der Familie herauszunehmen, um sie von staatlichen Institutionen großziehen zu lassen, hat eine gewisse Tradition. Kelle merkte allerdings an, dass dies typisch für totalitäre Systeme sei, in denen frühe Fremdbetreuung nicht nur die Arbeitskraft der Mutter schnell zur Verfügung stelle, sondern auch eine leichtere Steuerung des Einzelnen durch Trennung von der Familie ermögliche. Während ein Zweijähriger unter den Vortragsgästen zart für die passende akustische Kulisse sorgte, analysierte Kelle die ideologischen Interessen derer, die für Krippenbetreuung kämpften: Neben der feministischen Seite, die den „Störfaktor Kind“ ausklammern wolle, sei vor allem auch die Wirtschaft (Stichwort „Fachkräftemangel“) für möglichst frühe Fremdbetreuung. In Bezug auf Mütter, die ihre Kinder selbst betreuten, falle hier immer wieder der Begriff der „vergeudeten Potenziale“. Was leicht übersehen wird, sei das politische Interesse an früher Fremdbetreuung, da diese auch einen systemerhaltenden Aspekt habe: Sobald ein Kind außerfamiliär bereut wird, zahle die Mutter ins System ein und schaffe, so Kelle „den Arbeitsplatz, der ihre Kinder großzieht“. Unterschiedliche ideologische Kräfte zögen in Bezug auf möglichst frühe außerfamiliäre Betreuung der Kinder am gleichen Strang, das sei aber keine Familienpolitik oder Frauenpolitik, „sondern schlicht und einfach Kapitalismus“, führte Kelle aus. Unterstützung erhalte diese Bewegung auch von ansonsten kapitalismuskritischen Kräften: So sähen etwa die Liberalen nur die Interessen der Wirtschaft. Auch den Grünen warf Birgit Kelle Widerspruch zu den Überzeugungen vor, mit denen sie angetreten waren, denn die berühmten „Kinderläden“ der 1970er Jahre standen ja symbolisch für ein Ideal, in dem Kinder frei von Zwängen der Erwachsenen groß werden sollten. Genauso fragte Kelle bei den Sozialisten an, wo der Einsatz für die kleinen Arbeiter sei, wenn inzwischen junge Mütter zum Schichtdienst angehalten würden, mit der einzigen Option, ihre Kleinkinder in eine Übernachtungskinderkrippe zu geben? Kelle zeigt auf, wie eindimensional unter dem Druck wirtschaftlicher Zwänge gedacht werde: Das teure Leben verlange zwei Einkommen, also nehme der Staat den Eltern die Kinder ab. Warum aber werde alternativ nicht die Erziehungsleistung der Eltern finanziell honoriert?„Warum“, fragte die vierfache Mutter, „wird es erst dann als Arbeit akzeptiert, wenn jemand Fremder meine Kinder großzieht?“ Dazu kommt eine manifeste Kluft zwischen mütterlichem (von staatlicher Seite nichthonoriertem) Einsatz und Rentensystemen, in dem ja auch Kinderlose von den Kindern anderer profitieren: „Investitionskosten in Kinder sind privatisiert, die Rendite aus Kindern wurde vergesellschaftet.“

Wie unfrei und reduziert der Diskurs über Fremdbetreuung funktioniert, zeigt auch die Tatsache, dass Studien, die die gesundheitsschädigenden Auswirkungen der Krippenbetreuung nachweisen, ignoriert werden: Je früher und je länger ein Kind in der Krippe ist, desto höher ist die Aktivität des Stresshormons Cortisol, das eine Reihe von Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann. „Mit viel Geld versucht man, Familie nachzustellen.“ Ein Krippenplatz werde mit rund 1 200 Euro gefördert; angesichts dessen wäre es nur gerecht, zumindest einen Teil dieser Summe Müttern auszubezahlen, die ihre unter Dreijährigen selbst betreuten. Da die Entwicklung in eine ganz andere Richtung geht, tönt die von Kelle abschließend in den Raum gestellte Frage nach: „Warum will der Staat nicht, dass ich meine Kinder selbst großziehe?“

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