Kommentar um "5 vor 12"

Warum noch Kirche?

Kann die Kirche weg? Diese Grundfrage scheint sich als Leitlinie durch die vielen kritischen Stellungnahmen zu ziehen, denen die Kirche aktuell ausgesetzt ist. Der frühere langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach meint Nein. Denn die Welt brauche die frohe Botschaft.

Wolfgang Bosbach über seinen Glauben
Die Institution Kirche predige nicht nur das Gebot der christlichen Nächstenliebe. "Unzählige arbeiten in der Kirche und ihren sozialen Einrichtungen Tag für Tag an der praktischen Umsetzung dieses Gebotes", meint Bosbach. Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)

Fangen wir doch mal ausnahmsweise nicht bei anderen an, die angeblich oder tatsächlich unverantwortlich gehandelt oder sich sogar strafrechtlich-relevant verhalten haben, beginnen wir doch mal "zu Hause ". Wer aktuell an Parteien und Politiker(innen) denkt, dem kommen sicherlich zeitgleich auch Begriffe wie "Maskenaffäre", "Selbstbedienungsmentalität" oder " Eigennutz vor Gemeinwohl " in den Sinn. 

Moralische Mithaftung

Der nüchterne Hinweis, dass sich sicherlich weit über 90 Prozent der Mandatsträger völlig korrekt verhalten und auch in der Vergangenheit weder unrechtmäßig bereichert, noch unverantwortlich verhalten haben, hilft da wenig. Tja, so sind sie halt, die Damen und Herren aus der Politik.

So ähnlich wird es auch kirchlichen Würdenträgern gehen, die seit Jahren, tagaus, tagein mit dem Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen konfrontiert werden. Selbst dann, wenn sie persönlich keine Schuld auf sich geladen haben, spüren sie doch eine (Mit-)Verantwortung, vielleicht sogar eine Art moralische Mithaftung, für die Taten derjenigen,  die hilf- und wehrlose Kinder - die der Institution Kirche vorbehaltlos vertraut haben - auf unbegreifliche Weise missbraucht haben. Viele über eine lange Zeit.

Das gilt auch für die Aufklärungsbemühungen der letzten Jahre. Man muss nun wirklich kein berufsmäßiger Kritiker der Institution Kirche sein, um ein bitteres Fazit zu ziehen: Zu spät, zu zögerlich, zu halbherzig, zu wenig orientiert am Leid der Opfer. Aber deswegen der Kirche ein für allemal das Vertrauen entziehen? Die Institution generell in Frage stellen, an ihrem Auftrag und ihrem Sinn zweifeln? Rustikal gefragt: Kann Kirche weg?

Bosbach: Nur positive Erfahrungen mit Kirche

Ok. Ich bin in dieser Frage befangen, weil ich ganz persönlich mit "meiner" Kirche ausnahmslos gute, positive Erfahrungen gesammelt habe: in der katholischen Jugend, als Messdiener und Lektor, durch die seelsorgerische Betreuung unserer Familie - vom Kaplan der Heimatpfarrei St. Marien in Bergisch Gladbach-Gronau Heinz Hoesen bis zum heutigen Erzbischof von Berlin, Dr. Heiner Koch.

Von dem Staats- und Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde stammt der berühmte Satz: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann". Schon 1964 formuliert, heftig und auch kontrovers diskutiert, hat er an Bedeutung nicht verloren. Dazu gehört nicht nur, aber ganz gewiss auch, die religiöse Überzeugung. Die Bergpredigt und - erst Recht - die zehn Gebote sind viel, viel älter als die verschiedenen Rechtsrahmen moderner Demokratien. Die Texte geben Orientierung, Halt,Hoffnung. Natürlich "muss" man nicht Mitglied einer Kirche sein, um zu glauben, aber ich persönlich habe meine Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche nie nur als Ausdruck meiner religiösen Prägung und Überzeugung verstanden, sondern auch als Unterstützung der religiösen, sozialen und gesellschaftlichen Aufgaben der Institution Kirche. Ohne Kirche ist eine Kirchengemeinde nicht denkbar. Und ohne Gemeinde kein Gemeindeleben. Und ist es nicht gerade dieses Gemeinschaftserlebnis, basierend auf gemeinsamen religiösen, ethischen Überzeugungen, genau das, was uns zu häufig fehlt?

Jesu Botschaft soll allen Zuversicht geben

Die Institution Kirche predigt nicht nur das Gebot der christlichen Nächstenliebe. Unzählige arbeiten in der Kirche und ihren sozialen Einrichtungen Tag für Tag an der praktischen Umsetzung dieses Gebotes. Sei es im Hauptamt oder ehrenamtlich. 

Und: Die Verbreitung der Botschaft Jesu, unseres christlichen Glaubens, soll allen Menschen in der Welt Hoffnung und Zuversicht geben. Der Tod soll eben nicht das letzte Wort haben. Der Wesenskern unseres Glaubens  ist nicht der Tod.  Es ist die Auferstehung. Die christliche Botschaft ist keine traurige, sondern eine frohe. Und Frohe Botschaften kann die Welt wahrlich gut gebrauchen.

Der Autor gehörte von 1994 bis 2017 für den CDU dem Deutschen Bundestag an. Von 2009 bis 2015 war der Jurist Vorsitzender des Innenausschusses. Der Katholik war auch Mitinitiator des Berliner Kreises, eines Zusammenschlusses konservativer Unionsabgeordneter.

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