Ravensburg

Warum Eugen Abler aus der CDU austrat

Eugen Abler ist nach 43 Jahren aus der CDU ausgetreten. Im Interview erläutert der engagierte Lebensrechtler seine Gründe.

CDU-Bundesparteitag
Ist in ihrer Amtszeit das programmatische Profil der CDU immer mehr verschwommen? Jetzt ist Angela Merkel nur noch Bundeskanzlerin, bis 2018 führte sie aber auch 18 Jahre lang die CDU als Parteivorsitzende. Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Herr Abler, wie kommt es zu einem so radikalen Schnitt nach vier Jahrzehnten?

Ich habe schon seit Längerem den Linksruck in der CDU mit großer Sorge betrachtet und seit 2010 immer wieder darauf hingewiesen, dass die Konservativen in der CDU heimatlos geworden sind. Christliche Werte spielen in der Union keine Rolle mehr. Irgendwie wirkt ihr Profil heute wie das eines abgefahrenen Reifens. Die Verantwortlichen setzen alles daran, durch Veränderung der eigenen Programmatik und des Wertekanons einer künftigen Koalition mit den Grünen auf der Bundesebene den Weg zu bereiten.

An welchen speziellen Veränderungen machen Sie das fest?

Da geht es um das für mich bedeutsame Thema des Lebensschutzes, um die Genderideologie, die sogenannte „Ehe für alle“ und die Frühsexualisierung. Hier wurden traditionelle im christlichen Wertekanon der CDU verortete Positionen unter der Führung von Angela Merkel abgeräumt, um eine neue Machtoption zu schaffen und den Grünen entgegenzukommen. Dazu kommt, dass die CDU auf dem kommenden Bundesparteitag die „Lesben- und Schwulen Union“ (LSU) zur Sonderorganisation der Partei mit eigenem Antragsrecht erheben möchte. Das war dann der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und da sagt man dann: Es reicht!

Alle genannten Themen stehen im Widerspruch zur christlichen Lehre und damit auch zum „C“ im Parteinamen. Während die LSU mit gerade mal 500 Mitgliedern auf allen Ebenen Fürsprecher hat, wird der Werteunion – eine konservative Unterorganisation der CDU mit 4 500 Mitgliedern – der Status einer Sonderorganisation oder Vereinigung verweigert.

Wie nehmen Sie die Stimmung der Konservativen in der Partei wahr?

Auf jeden Fall haben die Konservativen in der CDU ihre Heimat verloren. Das sehen viele Mitglieder so. Viele hält die jahrelange Verbundenheit und Treue zur Partei davon ab, mit einem Austritt zu reagieren. Sie gehen oft den Weg des inneren Rückzugs. Andere geben ihre Stimme bei Wahlen nicht mehr der eigenen Partei, sondern wählen die AfD, weil diese heute Positionen vertritt, die vor 20 Jahren noch Inhalte der CDU waren, oftmals mehr aus Frust als aus Überzeugung. Von außen betrachtet werden Konservative in der CDU, die die früheren, von christlichen Werten getragenen Positionen der Partei noch heute vertreten, schnell dem rechten politischen Rand zugeordnet. Dabei vertreten sie nur das, was die CDU als christliche Partei seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet hat. Angesagt in der CDU sind heute diejenigen, die die Positionen des linken politischen Spektrums und besonders der Grünen in Wertefragen übernehmen. Wer das tut, verrät allerdings die Identität der Partei und wird zum Steigbügelhalter für die Dekadenz. Die Grünen sind schließlich die Kinder der 68er Generation, die sich der Zerstörung des traditionellen Familienbildes verschrieben haben.

Wenn man sagt, die CDU habe wesentliche christliche Positionen aufgegeben, wäre es dann nicht am Ende konsequent, das „C“ im Parteinamen zu streichen?

Wo CDU draufsteht, muss auch CDU drin sein. Das ist heute nicht mehr der Fall. Deshalb wäre es tatsächlich konsequent, sich von dem „C“ zu verabschieden. Es würde der Glaubwürdigkeit dienen. Alles andere ist letztlich ein Etikettenschwindel. Wenn ich den Namen Christ trage, sollte ich wie ein Christ handeln.

Könnte ein Katholischer Arbeitskreis der CDU helfen, ihre christlichen Wurzeln wieder stärker in den Blick zu nehmen?

Ich begrüße jede Gruppierung in der Union, die sich auf das Christentum besinnt und mit christlichen Grundsätzen die politische Debatte belebt. Letztlich kommt es am Ende darauf an, inwieweit sich eine solche Gruppe tatsächlich in den Meinungsbildungsprozess der Partei einbringen kann und ob das am Ende von Erfolg gekrönt ist. Man sieht das am Evangelischen Arbeitskreis der CDU, den es ja schon seit den Anfangsjahren der Partei gibt. Die bringen zwar gelegentlich gute Papiere heraus, aber der Wirkungsgrad ist doch eher bescheiden. Aber ich würde es gut finden, wenn sich dort etwas bewegt.

Wo ist der zentrale Unterschied zwischen der CDU von 1977 und der von heute?

Das war eine ganz andere Zeit mit Persönlichkeiten an der Spitze der Partei, die noch ganz anders geprägt waren und die Politik zu einem Teil aus einem christlichen Glaubensverständnis heraus gelebt haben. Solche Vorbilder sind in der Partei heute nicht mehr zu erkennen. Klar ist, dass die Politiker immer einen Querschnitt der Gesellschaft abbilden. Und in dem Maße, in dem sich Gesellschaft verändert, verändert sich Politik. Insoweit spiegelt die Verfasstheit der Partei den christlichen Verfall der Gesellschaft wider. Dennoch darf das nicht dazu führen, dass eine zunehmend säkularisierte Gesellschaft den Wesenskern einer christlichen Partei aushöhlt.

Was wird nun aus dem Politiker Eugen Abler?

Natürlich bleibe ich ein politischer Mensch und am Zeitgeschehen interessiert. Wenn so eine lange Beziehung zu Ende geht, ist es in der Politik wie im richtigen Leben, da schaut man sich auch nicht gleich nach einem neuen Partner um. Ich lege also eine Pause ein und sammle neue Kräfte.

Sehen Sie für einen christlich engagierten Menschen heute eine politische Plattform, die passen könnte, oder muss erst eine neue Partei entstehen?

Im Parteiprogramm der AfD sind durchaus christliche Grundsätze verankert, gerade, was den Lebensschutz angeht. Im Widerspruch dazu stehen allerdings die oftmals schrillen Töne und Aussagen, die ich ablehne, so dass für mich eine Mitgliedschaft in dieser Partei nicht in Frage kommt.

Dann gibt es noch kleinere christliche Splittergruppen ohne nennenswerten politischen Einfluss. Ein Christ tut sich in dieser Gemengelage also schwer, die richtige Wahl zu treffen. Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, dass es vielleicht eine neue, auf der christlichen Werteordnung basierende Partei in unserem deutschen Politikkosmos braucht.

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