Waise – gezeugt, nicht gemacht

Dass Selbstbestimmung ein hohes Gut ist, steht außer Frage. Wird sie absolutiert, treibt sie jedoch abscheuliche Blüten. Nirgendwo lässt sich dies besser beobachten als auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin. Im texanischen Austin wies jetzt ein Richter das Leichenschauhaus an, die Leiche des 21-jährigen Nikolas Colton Evans, der bei einer Kneipenschlägerei ums Leben kam, so aufzubewahren, dass sie sich für eine postmortale Samenspende eignet. Der Grund: Ein mit dem Sperma des Verstorbenen erzeugter Embryo soll einer Leihmutter eingepflanzt werden und der Mutter des Toten ein Enkelkind bescheren. Die 42-jährige Marrisa Evans, die das Kind nach dessen Geburt aufziehen will, begründete ihr Vorhaben damit, ihr Sohn habe sich nichts sehnlicher als Kinder gewünscht. Postmortale Samenspenden sind im Zeitalter der Reproduktionsmedizin nichts Neues. So können im Century City Hospital in Kalifornien Witwen den Samen ihrer verblichenen Männer einfrieren und sich damit bei Bedarf befruchten lassen. Ein Angebot, von dem Frauen gefallener Soldaten öfter Gebrauch machen. Auch in Europa ist die postmortale Samenspende längst praktiziert worden. 2002 ließ sich die Britin Diana Blood mit dem Samen ihres toten Ehemanns schwängern und löste damit eine Debatte aus. Neu an dem aktuellen Fall ist also nur die Familienkonstellation. Er zeigt jedoch, wohin wir kommen, wenn Politik und Gesellschaft alle Mahnungen in den Wind schlagen. Das Kind, das einmal seine Goßmutter erfreuen soll, wurde nicht vom Schicksal zum Waisen gemacht, sondern – unter Berufung auf die Selbstbestimmung – als Waise gezeugt. So kalt ist sie: Die neue Welt. reh

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