Hongkong

Vor China muss jeder Angst haben

Hongkongs ehemaliger Bischof Joseph Kardinal Zen warnt vor China. Ein neues Gesetz höhlt Freiheitsrechte auch in der Sonderverwaltungszone Hongkong aus. 

Joseph Kardinal Zen
Der ehemalige Erzbischof von Hongkong, Joseph Kardinal Zen warnt vor China und den Sicherheitsgesetzen. Foto: Vincent Yu (AP)
 

Das neue Nationale Sicherheitsgesetz, das seit 1. Juli in Hongkong in Kraft getreten ist, stellt eine Gefahr für die Menschenrechte in der Sonderverwaltungszone dar. Grundfreiheiten wie Versammlung-, Meinungs- und Pressefreiheit werden dadurch ausgehöhlt. "Subversion", "Sezession" und "Kollaboration mit ausländischen politischen Kräften" werden auf dieser Grundlage verfolgt, was auch zur Kriminalisierung kirchlichen Handelns führen kann. So kann die Pflege der Beziehungen zum Heiligen Stuhl und zur Weltkirche als illegale Zusammenarbeit verstanden werden, was katholische Laien aus Hongkong laut einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme befürchten. Der Apostolische Administrator der Diözese, Kardinal John Tong Hon, ist hingegen überzeugt, dass Hongkongs Grundgesetz nach wie vor die Religionsfreiheit ausreichend zu schützen vermag. Michaela Koller befragte seinen Vorgänger auf dem Bischofsstuhl in Hongkong, Kardinal Joseph Zen Zekiun, zu seiner Sicht auf die Auswirkungen neuen Rechtslage. 

Herr Kardinal, die chinesische Regierung hat der Sonderverwaltungszone Hongkong ein neues nationales Sicherheitsgesetz aufgezwungen. Gibt es noch Hoffnung auf Freiheit? 

Ich habe mich durch den gesamten Text des Gesetzes durchgearbeitet. Ich denke, dass es ausreicht Ihnen zu sagen, dass sie auf dieser Grundlage alles mit Ihnen machen können. Sie können Ihre Kommunikation kontrollieren, Ihr Haus ohne richterlichen Beschluss durchsuchen, Sie ohne den Beistand eines Rechtsanwaltes verhaften, Sie in ein Gefängnis nach China bringen und dort vor Gericht stellen. Nicht einmal nächste Familienangehörige können Sie dort besuchen. 

Die Kommission Justitia et Pax der Diözese Hongkong unterstützt den Aufruf zu allgemeinen Wahlen sowie die unabhängige Untersuchung der Polizeimaßnahmen während der heftigen Proteste im Jahr 2019. Wie sieht denn die Gemeinschaft der Katholiken in Hongkong die Vorgänge insgesamt?

Die Kommission Justitia et Pax arbeitet gut. Die katholische Gemeinschaft ist aber gespalten. 

Könnte in dieser Situation nicht die Ernennung eines neuen Bischofs für Hongkong, die ja noch aussteht, Abhilfe schaffen?

Wir haben jetzt schon seit anderthalb Jahren keinen Oberhirten. Rom hat einen Apostolischen Administrator ernannt: Kardinal Tong. [Kardinal John Tong Hon war von 2009 bis 2017, als Papst Franziskus sein altersbedingtes Rücktrittsgesuch annahm, Bischof von Hongkong. Sein Nachfolger,  Bischof Michael Yeung Ming-cheung, starb am 3. Januar 2019. Seither ist der Bischofsstuhl vakant; Anm. d. Red.] Weihbischof Ha wirkt sehr gut. Aber der Vatikan befürchtet, Peking könnte er nicht als Kandidat für das Amt des Diözesanbischofs gefallen, weil er die Wahrheit und die Gerechtigkeit verteidigt. Somit werden sie ihn nicht zu unserem Bischof ernennen. Sie planten, jemanden auszuwählen, der freundlich gegenüber dem Regime in Peking ist. Nun suchen sie nach einer alternativen Lösung, nach jemandem, der beiden Seiten gefällt. Bitte beten Sie für dieses Anliegen. 

Fürchten Sie nicht die Konsequenzen, wenn Sie so stark für die Achtung der Menschenrechte in Hongkong und China eintreten? 

Jeder muss Angst haben, denn sie sind verrückt. Furcht ist jedoch kein guter Ratgeber. Wir müssen nach unserem Gewissen reden und handeln. Ich rate den Menschen aber auch, unsere Feinde nicht zu provozieren, denn sie sind verrückt.  

Gibt es irgendwelche Reaktionen aus dem Vatikan auf die Vorgänge in und um Hongkong, von denen die Öffentlichkeit erfahren sollte?

Bislang ist kein Wort dazu gefallen. Es war ja für vergangenen Sonntag [den 12. Juli, zur Verlesung durch Papst Franziskus nach dem Angelus-Gebet am Fenster des Apostolischen Palastes; Anm. d. Red.] eine Erklärung geplant, aber nicht verkündet worden.   

Wie sollte Ihrem Vorschlag zufolge die internationale Gemeinschaft auf die Lage reagieren? 

Ich stelle fest, dass die ganze Welt allmählich aufwacht und schon erkannt hat, wie bösartig die Kommunistische Partei Chinas ist. 

Inzwischen sind beinah zwei Jahre vergangen, seit der Vatikan mit Peking erstmals ein vorläufiges Abkommen unterzeichnet hat. Dieses betrifft den Entscheidungsprozess für die Bischofsernennungen. Sollte das Übereinkommen nun verlängert werden? Wie beurteilen Sie das? 

Dieses geheime Abkommen sollte zuallererst einmal veröffentlicht werden. Die pastoralen Leitlinien des Heiligen Stuhls für die staatliche Registrierung des Klerus in China vom 28. Juni vorigen Jahres sind noch viel schlimmer. Sie fordern die Untergrundkirche dazu auf, der Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung [die offiziell von der kommunistischen Regierung anerkannte katholische Gemeinschaft; Anm. d. Red.] beizutreten. Das ist eine schismatische Kirche! Es ist einfach unglaublich! 

 

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