Vatikan übt scharfe Kritik an UN-Komitee

Lombardi wirft Kinderrechtsgremium ideologisch geprägte Äußerungen und Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten vor

Vatikanstadt (DT/KNA) Der Vatikan hat erneut Kritik am Bericht des UN-Kinderrechtskomitees geübt und dabei die Tonart deutlich verschärft. Mit ideologisch geprägten Äußerungen zu künstlicher Empfängnisverhütung, Abtreibung und menschlicher Sexualität überschreite das Gremium seine Kompetenzen und mische sich in innerkirchliche Angelegenheiten ein, erklärte der Leiter des vatikanischen Presseamtes Federico Lombardi am Freitag.

Das Kinderrechtskomitee habe sich die vorurteilsbeladene Sichtweise einiger notorisch kirchenkritischer Verbände und Organisationen zu eigen gemacht, die Erläuterungen des Vatikan hingegen unberücksichtigt gelassen, beklagte Lombardi. Zudem wies er darauf hin, dass Beratungen und Veröffentlichungen des Berichts über den Vatikan im Vergleich zur üblichen Praxis für andere Länder „absolut anomal“ verlaufen seien. Das UN-Kinderrechtskomitee hatte dem Vatikan Fortschritte im Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen bescheinigt, die bislang ergriffenen Maßnahmen jedoch insgesamt als unzureichend gerügt. Zudem forderte das Gremium eine grundlegende Revision kirchlicher Positionen zu Homosexualität, künstlicher Empfängnisverhütung, Abtreibung und Sexualerziehung. Die bisherige kirchliche Haltung stellt aus Sicht des Komitees einen Verstoß gegen die Kinderrechtskonvention dar.

Lombardi befand sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Dokuments, am Mittwoch, zur Entgegennahme einer Auszeichnung in Spanien. Die erste vatikanische Stellungnahme zum Bericht stammte daher von seinem Stellvertreter Ciro Benedettini. Lombardi hob weiter hervor, dass nicht nur der Vatikan wegen des Berichts in der Kritik stehe, sondern auch das Kinderrechtskomitee selbst. Er wolle Entstehung und Veröffentlichung des Dokuments zwar nicht pauschal mit „den Vereinten Nationen“ in Verbindung bringen, so der Leiter des vatikanischen Presseamtes. Dennoch müssten die UN die „negativen Konsequenzen“ des Berichts tragen. Zugleich trat Lombardi in seinem von Radio Vatikan veröffentlichten Schreiben dem Eindruck entgegen, es gebe eine „Konfrontation“ zwischen dem Vatikan und den Vereinten Nationen. Der Vatikan habe die UN als Ort der Begegnung zwischen den Völkern für ein friedliches Zusammenleben stets moralisch unterstützt. Umgekehrt hätten die UN-Spitzenvertreter stets die moralische Autorität des Heiligen Stuhls geachtet.

Auch Jesuitenpater Klaus Mertes kritisierte den UN-Bericht zum Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch von Kindern scharf. Er könne „nur den Kopf schütteln“, wenn die Experten des UN-Kinderrechtskomitees UNCRC von einer zwingenden Meldepflicht von Missbrauchsfällen an die staatlichen Behörden redeten, sagte Mertes in einem Interview von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Frankfurter Rundschau“ (Freitag). „Darüber sind wir in der Diskussion längst hinweg. Gerade die Opferverbände warnen vor solch einem Automatismus“, so der Pater, der 2010 als Rektor am Berliner Canisius-Kolleg die Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ins Rollen gebracht hatte. Das Papier werfe alles in einen Topf, „was an Vorbehalten gegenüber der katholischen Kirche herumwabert“, monierte Mertes. „Und wenn dann noch Themen wie Abtreibung oder Homosexualität in den Bericht einfließen, kommt endgültig gerührter Quark heraus.“

Bereits am Donnerstag hatten prominente deutsche Katholiken die UN-Kritik am Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen zurückgewiesen. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, sagte im Deutschlandfunk, in Deutschland und in einer Reihe anderer Länder habe die katholische Kirche „ganz klar Konsequenzen gezogen aus dem Fehlverhalten der Vergangenheit“. Glück sprach von einer konsequenten Kursänderung. Allein Papst Benedikt XVI. habe in zwei Jahren knapp an die 400 Priester aus dem Amt entlassen wegen solcher Vorkommnisse. Bezogen auf die Vergangenheit seien die Vorwürfe des UN-Komitees „nicht völlig unberechtigt“. Glück räumte ein, dass es in einzelnen Ländern und bei einzelnen nationalen Bischofskonferenzen noch ein Ringen um den richtigen Kurs gebe, etwa in Polen, wo der Schutz der Institution Kirche teils noch höher gewichtet werde. In Deutschland und anderen Ländern aber seien klare Konsequenzen gezogen worden. „Und der Kurs der Leitung der Weltkirche ist eindeutig“, so der ZdK-Präsident.

Auch der frühere CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis wies die Kritik des UN-Komitees an der Kirche scharf zurück. Keine Institution weltweit habe sich so umfassend wie der Vatikan mit der Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs befasst und Abhilfe geleistet, sagte das Mitglied im Kuratorium des Forums Deutscher Katholiken im Deutschlandfunk. Es handele sich bei dem Bericht um einen „Angriff auf die katholische Kirche“, fügte Geis hinzu. „Die katholische Kirche wurde von den Kommunisten nie so angegriffen wie von den UN. Ich glaube, dass dort in diesem UN-Komitee Leute sitzen, denen es darum geht, die Kirche an den Pranger zu stellen, und um nichts anderes.“ (Siehe Seite 2)

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