Vatikan macht Butler den Prozess

Auch einen hohen Scheck hat Paolo Gabriele dem Papst geklaut – Ein weiterer Verdächtiger im Staatssekretariat. Von Guido Horst
Foto: dpa | Gegen den früheren Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele (links im Bild), wird das Vatikangericht im Herbst einen Prozess eröffnen. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu sechs Jahre Haft.
Foto: dpa | Gegen den früheren Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele (links im Bild), wird das Vatikangericht im Herbst einen Prozess eröffnen. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu sechs Jahre Haft.

Rom (DT) Nicht nur vertrauliche Papiere hat der untreue Butler dem Papst gestohlen, sondern auch einen auf Benedikt XVI. persönlich ausgestellten Scheck in Höhe von hunderttausend Euro und weitere Wertgegenstände. Wegen dieser Vergehen wird das Vatikangericht im Herbst einen Prozess gegen Paolo Gabriele eröffnen. Und es gibt einen weiteren Verdächtigen: den Informatiker Claudio Sciarpelletti, einen Mitarbeiter im vatikanischen Staatssekretariat. Das geht aus dem Untersuchungsbericht des Vatikananwalts Nicola Picardi, des sogenannten „Promotore di Giustizia“, und der Anklageerhebung des vatikanischen Untersuchungsrichters Piero Antonio Bonnet hervor. Die beiden zusammen 36 Seiten umfassenden Schriftsätze hat das Presseamt des Heiligen Stuhls gestern Mittag veröffentlicht. Gabriele wird wegen „schweren Diebstahls“ angeklagt.

Wie Vatikansprecher Federico Lombardi SJ erläuternd mitteilte, würden es die Vatikananwälte in ihrem Bericht nicht ausschließen, dass weitere Untersuchungen stattfinden werden, auch was mögliche Komplizen des Kammerdieners angehe. Somit kann man den nun vorliegenden Bericht nicht als „abschließend“ betrachten. „Vatileaks“ wird weiter die Medien beschäftigen.

Die Rolle des Mitarbeiters im Staatssekretariat, Sciarpelletti, sei in dem Verfahren „eher marginal“, so Lombardi. Nach Angaben der Anwälte habe die vatikanische Gendarmerie auf dem Schreibtisch von Sciarpelletti einen Briefumschlag mit vertraulichen Dokumenten gefunden; darauf habe sich der Name von Gabriele sowie ein Stempel des Staatssekretariats befunden. Der Mitarbeiter hat einen Tag in Haft verbracht, wurde dann entlassen, aber vorsorglich von seinem Dienst suspendiert, wie Lombardi erklärte.

Der päpstliche Kammerdiener war am 23. Mai verhaftet worden, nachdem die Gendarmerie in seiner Wohnung zahlreiche vertrauliche Papstdokumente sichergestellt hatte. Es handelte sich auch um die Papiere, die in dem wenige Tage zuvor ver-öffentlichten Buch „Sua Santita“ des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi enthalten waren, heißt es in dem Untersu-chungsbericht. Der Bericht geht davon aus, dass Gabriele die Quelle ist, die Nuzzi in seinem Buch mit dem Decknamen „Maria“ zitiert und als Zulieferer der entwendeten Papiere bezeichnet. Zudem soll es der Kammerdiener gewesen sein, der dem Journalisten verkleidet ein Fernsehinterview gab, das vor der Veröffentlichung des Buchs ausgestrahlt wurde.

In dem Bericht der Vatikananwälte fehlen die Namen der Zeugen – mit einer Ausnahme: der Privatsekretär des Papstes, Prälat Georg Gänswein. Weitere Zeugen werden in dem Schriftsatz nur mit Großbuchstaben genannt. Ansonsten ist nicht zu lesen, was die Befragungen der Gendarmerie und die Gespräche der drei Kardinäle Herranz, Tomko und De Giorgi, die der Papst mit der Untersuchung von „Vatileaks“ beauftragt hatte, im einzelnen ergeben haben. Auch wenn es nun einen weiteren Verdächtigen gibt, hält der Vatikan im Grunde an der These fest, bei Gabriele handele sich um einen Einzeltäter. Aber einen Mitwisser gibt es auch, einen geistlichen Berater des Kammerdieners, den der Bericht mit „B“ bezeichnet. Ob es im Zuge weiterer Ermittlungen noch zu „Überraschungen“ kommen wird, die Kardinal Herranz gegenüber Medien angekündigt hatte, weiß derzeit niemand. Die Aussichten, dass eine der rätselhaftesten Affären im Vatikan nun zu Ende geht, sind nicht groß. Der Prozess gegen Gabriele könnte öffentlich sein. Es sieht so aus, dass den Medien in Sachen „Vatileaks“ die Themen – und Spekulationen – nicht ausgehen werden. Dem Kammerdiener drohen im Fall einer Verurteilung bis zu sechs Jahren Haft. Möglich ist auch, dass Papst Benedikt ihn begnadigen wird.

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