„Unwissenschaftliche Urteile widerlegen“

Interview mit dem Historiker Thomas Brechenmacher zur Berliner Ausstellung über Pius XII.

Herr Professor Brechenmacher, wie kommt es zu einer Ausstellung über Papst Pius XII. in Berlin?

Anlass der Schau ist der 50. Todestag von Pius XII., der am 9. Oktober 1958 starb. Aus diesem Grund wurde sie auf Initiative von Papst Benedikt XVI. vom Päpstlichen Komitee für Geschichtswissenschaften erarbeitet. In Rom war sie bereits einige Monate lang zu sehen. In dem Komitee entstand gemeinsam mit der Berliner Nuntiatur schon frühzeitig die Idee, die Ausstellung auch an Eugenio Pacellis Wirkungsorten während der 1920er Jahre, also in Berlin und München, zu zeigen. Dort war der spätere Papst als Apostolischer Nuntius tätig.

Inwieweit weicht die Berliner Fassung von der römischen ab?

Es gibt einen zusätzlichen Raum, in dem die besonderen Beziehungen Pacellis zur Reichshauptstadt in den 1920er Jahren dargestellt werden. Auch das Verhältnis Berlins zum Papst Pacelli kommt zur Sprache, etwa im Kondolenzschreiben des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willi Brandt zum Tode Pius XII.

Umstritten ist der Papst vor allem in Hinsicht auf sein Verhalten gegenüber dem Holocaust. Wie wird dies thematisiert?

Die Schau befasst sich zwar nicht schwerpunktmäßig mit dieser Frage, sondern nimmt sein ganzes Schaffen einschließlich seiner theologischen Äußerungen in den Blick. Aber es gibt einen besonderen Raum, in dem Dokumente mit Stellungnahmen von Pius XII. zur Judenverfolgung der Nationalsozialisten vorgetragen werden. Das Thema kommt auch im Rahmenprogramm zur Sprache.

Welche Rolle spielt die historische Papstkrone, die Tiara, in der Ausstellung?

Immerhin wird sie erstmals nördlich der Alpen ausgestellt. Brechenmacher: Ergänzend zu den Fotodokumenten soll sie zusammen mit anderen Originalexponaten der Schau eine besondere Authentizität verleihen.

Warum wird die Ausstellung im Schloss Charlottenburg gezeigt?

Das Schloss schien den Veranstaltern der geeignetste Ort, der kurzfristig verfügbar war.

Was ist Ihr Anteil an der Konzeption?

Unter anderen habe ich dabei mitgewirkt, die Dokumente zu Pacellis Zeit in Deutschland zusammenzustellen.

Wie groß ist das öffentliche Interesse an dem Projekt?

Das Medieninteresse vorab ist bereits beachtlich. Jetzt hoffen wir natürlich auch auf eine große Resonanz beim Publikum.

Warum sollte man sich die Ausstellung ansehen?

Weil man dort ein differenzierteres Bild von Pacelli und seinen Aktivitäten als Papst in der Kriegszeit erhält als in den unwissenschaftlichen Beurteilungen, die etwa der Dramatiker Rolf Hochhuth in seinem Stück „Der Stellvertreter“ aufstellte.

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