„Unsere Stärke ist Jesus Christus“

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa steht seit Juni 2016 als Apostolischer Administrator dem Lateinischen Patriarchat von Jerusalem vor. Er meint: Von Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern zu sprechen ist lächerlich. Von Richard Furst
Christmas Midnight Mass at the Church of the Nativity
Foto: dpa | Muss unterschiedliche pastorale Antworten auf die Bedürfnisse der Christen in Jordanien, Israel, Palästina und Zypern haben: der Apostolische Administrator des Lateinischen Patriarchats Erzbischof Pierbattista ...
Exzellenz, warum hat sich der Papst dazu entschieden, keinen Patriarchen, sondern einen Apostolischen Administrator als Nachfolger von Fuad Twal zu ernennen?

Manchmal muss die Kirche Übergangssituationen bewältigen. Unser Ziel ist es, die Verwaltung der Diözese auch ein wenig neu zu organisieren, Probleme zu bewältigen und die Diözese so für den neuen Bischof vorzubereiten.

Waren Sie überrascht, als Sie erfuhren, dass Sie das Patriarchat verwalten sollten?

Ja, ich habe das nicht erwartet. Ich dachte, ich würde weiter Kustos sein. Das Lateinische Patriarchat war eigentlich keine Option für mich.

Wie lange denken Sie, dass Sie das Lateinische Patriarchat verwalten werden?

Ich weiß es nicht. Meine Position ist nur vorübergehend. Ich werde so lange bleiben, bis die Kirche diese Übergangsphase bewältigt hat und für die neue Realität bereit ist.

Sie arbeiten schon seit einigen Monaten im Patriarchat. Was war die bislang wichtigste Erfahrung für Sie?

Die wichtigsten Erfahrungen sind die Treffen mit den Priestern aus allen Diözesen. Das ist eine sehr bereichernde Erfahrung, die mir hilft, die jeweilige Realität in den Diözesen besser zu verstehen.

Wie fühlt es sich an, ein Italiener inmitten all der arabischen Priester zu sein?

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich nicht neu in Jerusalem bin. Ich lebe schon seit 27 Jahren in der Stadt und bin zwölf Jahre Kustos im Heiligen Land gewesen. Ich bin also schon recht bekannt in Jerusalem. Es stimmt, das Lateinische Patriarchat und die Diözese besteht hauptsächlich aus arabischen Priestern. Aber Jerusalem hat einen vielfältigen Charakter. Pilger aus der ganzen Welt kommen hierher. Es gibt auch Juden in Jerusalem. Es ist also eine sehr offene Stadt. Das Lateinische Patriarchat, wo ich nun arbeite, befindet sich in einer Übergangsphase. In solchen Phasen eignet sich ein Außenseiter an der Spitze oft gut, da er der Kirche ganz unbefangen helfen kann. Für die Zukunft werden wir sehen. Es könnte einen arabischen Patriarchen geben, es könnte ein Brasilianer sein, das ist alles nicht so wichtig. Was zählt ist, dass es sich um eine geeignete Person handelt, die sich um die Bedürfnisse der Kirche kümmern kann.

Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen der Position des Kustos und der Leitung des Lateinischen Patriarchats?

Es sind beides sehr anspruchsvolle Positionen, doch sie unterscheiden sich voneinander. Der Kustos ist für die Heiligen Stätten verantwortlich. Der Bischof kümmert sich um die ganze Kirchengemeinschaft. Er hat eine breitere Perspektive. Er kümmert sich um alle Religionen, um das ganze Kirchenleben im Heiligen Land.

Was ist die größte Herausforderung, der das Lateinische Patriarchat jetzt gegenübersteht?

Das Lateinische Patriarchat deckt vier Länder ab: Jordanien, Israel, Palästina und Zypern. Diese Länder unterscheiden sich völlig voneinander. Jordanische Christen unterscheiden sich von israelischen, palästinensische von zyprischen et cetera. Man muss unterschiedliche pastorale Antworten auf die unterschiedlichen pastoralen Bedürfnisse der Menschen haben. In Jordanien muss man mit den vielen Flüchtlingen umgehen, hier in Israel ist die politische Lage kompliziert. Zypern ist schon fast europäisch. Die Herausforderung ist also, zu verstehen, wo man ist, und den dramatischen Wandel, der im Nahen Osten stattfindet, zu bewältigen. In Jordanien gibt es zum Beispiel drei Millionen Flüchtlinge aus dem Irak und aus Syrien. Um zu wissen, was nötig ist, um unsere Kirche zu reorganisieren, müssen wir auf all diese neuen Realitäten vorbereitet sein.

Wie schätzen Sie die Lage der Christen im Lateinischen Patriarchat ein?

Wie schon gesagt, das Lateinische Patriarchat umfasst vier Länder. Das ist eine Herausforderung. All die Länder haben gemeinsam, dass katholische Christen in der Minderheit sind. Es gibt aber viele Unterschiede. Der kulturelle und der politische Hintergrund ist völlig unterschiedlich. In Jordanien sind 90 Prozent der Bevölkerung Muslime. Israel ist ein jüdisch geprägtes Land. In Palästina sind die Mehrheit Muslime, aber die politische Lage ist heikel. Und Zypern ist quasi Europa. Da sind die meisten Einwohner griechisch-orthodox, nicht katholisch. Die Lage ist aber recht ruhig. Wir sind in all diesen Ländern in der Minderheit, doch es gibt unterschiedliche Probleme aus sozialer, religiöser und politischer Perspektive.

Gab es in den vergangenen 30 Jahren auch positive Entwicklungen aus christlicher Sicht?

Ja, es gibt viele positive Aspekte. Ein Hauptaspekt ist, dass die Beziehungen der Christen untereinander sich verbessert haben. Als ich vor fast 30 Jahren ankam, gab es Spannungen. Die gibt es jetzt manchmal auch noch, aber grundsätzlich gibt es kaum Konflikte der Christen untereinander.

Sie haben den Alltag in Syrien während Ihrer Besuche etwa in Aleppo am eigenen Leib erfahren. Haben Sie Hoffnung für das Land?

Jetzt über Hoffnung für Syrien zu sprechen käme dem gleich, auf den Weltfrieden zu hoffen. Frieden in Syrien ist weit entfernt von der Realität. Der Krieg wird bald zu Ende sein. Moskau und der Iran werden den Krieg gewinnen. Ich habe Bedenken, was danach kommt. Nicht nur, was die Infrastruktur betrifft, sondern auch, was die Beziehungen der Gemeinden anbelangt – muslimische, christliche. Die sind jetzt völlig zerstört. Ich bin aus politischer Sicht nicht allzu optimistisch. Aber während des schrecklichen Krieges habe ich in Syrien wunderbare Beispiele des Glaubens gesehen. Starker Glaube von Christen. Die, die blieben, die sind die Hoffnungsschimmer. In den Kleinsten steckt die Hoffnung. Trotz allem Leid bezeugen sie ihren Glauben.

Wie hat der islamische Radikalismus das Vertrauen der Christen in ihre Zukunft im Nahen Osten beeinträchtigt?

Das Vertrauen wurde sehr stark beeinträchtigt. Das gilt vor allem für Christen in Syrien und im Irak. Das Wort Vertrauen ist sehr schwer zu verwenden. Wir dürfen aber nicht aufgeben. Denn der Krieg wird bald vorüber sein. Es wird dann schwer sein, ein Leben nach dem Krieg aufzubauen.

Wie wird das möglich sein?

Durch Zusammenarbeit, durch Bildung.

Denken Sie, dass es eine Lösung für Syriens Christen ist, nach Europa auszuwandern?

Nein, das sehe ich nicht als Lösung. Weder für den Nahen Osten, noch für Europa. Von denen, die geflohen sind, wird kaum jemand in die Heimat zurückkehren. Das ist eine Herausforderung für Europa, aber auch für uns – zu wissen, dass wir eine kleine, sehr zerbrechliche Gemeinschaft bleiben werden.

Der künftige US-Präsident Donald Trump sagte 2015, dass er sich für verfolgte Christen einsetzen werde. Was erwarten Sie von ihm für die Christen im Nahen Osten?

Unsere Hoffnung und unsere Stärke ist Jesus Christus, nicht menschliche Kraft. Es ist eine Sache, als Kandidat im Wahlkampf aufzutreten. Wir werden die Realität abwarten und uns dann ein Urteil bilden.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist momentan auch an einem kritischen Punkt. Wie schätzen Sie da die Lage ein?

Aus politischer Sicht herrscht da überhaupt kein Dialog mehr. Besonders auf Seiten der Palästinenser ist Frustration entstanden. Ich sehe kaum Chancen auf Verbesserung in nächster Zeit. Die Palästinenser sind gespalten. Die Israelis wollen nicht verhandeln. Ich finde es lächerlich, jetzt über Friedensverhandlungen zu sprechen. Das Problem bei dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, der hauptsächlich ein politischer ist, ist, dass er mit der Dynamik weitergeht, die wir kennen: Die Mauer, die Teilung, dramatische Situation für die Dörfer, für die Familien. Ich habe kaum Hoffnung auf Veränderung. Wir müssen darüber nachdenken, was man sagen, was man tun kann, wie man mit dieser Realität leben kann. Die Welt muss von dieser Realität erfahren. Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, eine Lösung für diesen politischen Konflikt zu finden. Die Kirche muss mit jeder Situation, mit jedem politischen Kontext leben können. Wir müssen die Menschen immer betreuen. Wichtig ist: Man darf nicht immer nur hervorheben, was nicht möglich ist, sondern was möglich ist. Wenn die Zwei-Staaten-Lösung nicht möglich ist, muss man fragen, welche Alternativen es gibt.

Wie könnten Christen von außerhalb des Heiligen Landes den Christen im Heiligen Land helfen?

Der wichtigste Weg zur Unterstützung ist es, hierher zu kommen als Pilger. Das ist eine eindrucksvolle Erfahrung für uns wie auch für die Pilger. Vielen christlichen Familien bieten sich Arbeitsplätze. Dann erfahren wir durch Pilgerreisen die Unterstützung und die Hilfe der universalen christlichen Gemeinschaft. Diese Umarmung an uns alle ist ein wunderbares Glaubenserlebnis.

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