Unser Herz wird entzündet

Dieses Fest greift nach unseren Gefühlen, denn allein die Liebe dieses Kindes ist ohne egoistischen Schatten. Von Kardinal Paul Josef Cordes
Foto: dpa | Die Geburt des Jesus Kindes berührt auch die Herzen derjenigen, die mit Kirche und christlichem Glauben wenig zu tun haben.
Foto: dpa | Die Geburt des Jesus Kindes berührt auch die Herzen derjenigen, die mit Kirche und christlichem Glauben wenig zu tun haben.

„Nun sind wir befreit, wir können jubeln! Es ist ein unsagbares Glücksgefühl, das mich durchströmt, wenn ich den kleinen Johannes Oliver, ein Wesen aus unserm eigenen Fleisch und Blut, vor mir sehe. Und ich sehe seine Mutter, der die Tränen über beide Backen laufen, nicht lachend, nicht weinend. Und ich sehe unsern kleinen Sohn, wie er, der nicht zwei Tage alt ist, mit vollen Zügen seine Nahrung der Mutterbrust entzieht.“ So beschrieb vor Jahren ein Verwandter das Glück, das uns trifft, wenn ein Neugeborener in unsere Welt einbricht und unsere Seele öffnet – nicht nur die eines Vaters.

Babies faszinieren uns. Sie erfüllen uns mit Wonne und machen uns gleichzeitig selbstvergessen. Ihre typischen Gesichtszüge drängen uns Erwachsene zur Achtsamkeit, zur Fürsorge; sie lösen – wie die Psychologen beobachtet haben – einen Schlüsselreiz der Zuwendung aus. Auch das Tierreich kennt ähnliche Reaktionen. Sie werden ausgelöst durch das sogenannte „Kindchenschema“.

Bewegen solche Mechanismen die Menschen auch zu Weihnachten – dass unser Herz überraschend angerührt ist? Tragen sie bei zum besonderen Charme dieses Festes? Das wäre gut, denn wenn diese Gesetze sich auswirken, öffneten sie uns für seinen Ursprung: die Geburt Jesu.

An Weihnachten sehnt man sich nach dem Du

Unleugbar ist jedenfalls, dass diese Tage den modernen Menschen immer noch ergreifen. Selbst den lassen sie nicht kalt, der dem Ende des Monats Dezember in innerem Protest entflieht und ihn dank eines Reisebüros auf einem Sandstrand unter Palmen vergessen will. Wer bleibt, sucht den „Kreis der Lieben“. Er tauscht mit den Seinen Geschenke aus als Zeichen von Zuneigung. Der Weihnachtsbaum, getragene Musik, vielleicht gemeinsame Lieder schaffen eine besondere Stimmung. Auch Nüchtern-Religionslose sprechen vom „Heiligen Abend“. Da lastet das Alleinsein stärker als sonst, dann verdichtet sich die Erfahrung: „Der Mensch ist ein Mängelwesen“ (Philosoph Arnold Gehlen). Er bedarf der Gemeinschaft und sehnt sich nach dem Du.

Auch bei uns Christen greift dieses Fest nach unsern Gefühlen. Der heilige Franz von Assisi hat uns die Krippe geschenkt, mit den Sinnen das Geheimnis zu verinnerlichen und zu verkosten. Nach der Phase rationalistischer Verkündigung ist uns innere Bewegung nicht länger verdächtig. Wir erkennen sie vielmehr als Motor für unseren Weg zu Gott. Am Weihnachtsfest sind die Kirchen nicht selten zu klein. Der Seelsorger ist sehr zufrieden. Mögen Geschäftssinn und Pomp es auch zu verdecken drohen: seine Liturgie verkündet die entscheidende Botschaft: Gott ist Mensch geworden. Das ist der wahre Grund für den Ausnahmecharakter dieser Tage, die im Jahreskreis so stark hervortreten.

Weihnachten – das Fest der Liebe. Unser Herz wird entzündet. Wie könnten wir unser Gemüt verurteilen! Unsere Affekte sind die Füße auf dem Weg zu Gott, schrieb der Heilige Augustinus, in dem Maß, in dem sie uns geschenkt werden, bewegt uns die Liebe und wir nähern uns Gott. Liebe bewegt uns, dass wir Erfüllung suchen, sie treibt uns von uns weg zum andern.

Doch ist der Liebesimpuls nicht selten selbstsüchtig? Sagen wir nicht: Ich liebe den Wein? Fraglos, weil wir ihn für uns wollen. Wohl mögen wir hingerissen sein und es so lernen, uns zu verschenken. Aber lieben wir das Kind, den Partner, den Nächsten – auch wenn sie uns Leid zufügen? Angesichts dieses Dilemmas weiten sich der Sinn und die Macht des Festes. Es ist keine Idylle, kein berauschender seelischer Joint. Es übersteigt alles Einschwingen in die Erfüllung unserer natürlichen Sehnsucht.

Christus, ewiger Sohn des Allmächtigen, ist geboren als unser Bruder, Fleisch von unserm Fleisch. In der Hinfälligkeit eines Neugeborenen will er uns für sich gewinnen. Doch plötzlich vertauschen sich Subjekt und Objekt. Ich gebe mich nicht mehr, sondern empfange. Statt dass Er meine Anteilnahme brauchte, ist Er es, der Ohnmächtige, der mich nun erobert. Zu meinem Heil. „Ich sehe Dich mit Freuden an und kann nicht satt mich sehen, und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel' ein weites Meer, dass ich Dich möchte fassen“, so sang Paul Gerhard.

Im Kontext des Säkularismus trifft „Entweltlichung“ genau

Ein wunderbarer Tausch wird Wirklichkeit. Allein die Liebe dieses Kindes ist ohne egoistischen Schatten. Wir liefern uns aus an das einzige Du, das unseren Hunger restlos stillen kann. Mehr noch: Der Intimismus unserer Reaktion auf das „Kindchenschema“ wird gesprengt. Gewiss wird unser kleines Ich nicht unwichtig. Doch um ein wenig von den gigantischen Dimensionen des Geheimnisses zu ahnen, müssen wir von der Krippe einen Schritt zurücktreten. Schon die zeitliche Dauer des Kosmos und die Lichtjahre der Entfernungen verschlagen uns den Atem. Die Offenbarung gibt denen noch wichtigere Anhaltspunkte, die weiter suchen: Der da Mensch wird, ist der Allmächtige. Er hat das All ins Dasein gerufen. Die Liebe des Kindes kann reine Schenkung sein, weil Gottes Sohn sich „entäußert“ hat. Um unser Bruder zu werden, verzichtete der Wesensgleiche freiwillig auf die Geborgenheit beim Vater und nahm die Nichtigkeit des Menschlichen an. Er wählt das „Sklaven-Dasein“ und wird „gehorsam bis zum Tod – bis zum Tod am Kreuz“.

Diesmal beglückt uns das Licht der Heilsgeschichte nicht, sondern es irritiert uns. Wir hatten erwartet, unsere menschlich-irdischen Sehnsüchte würden harmonisch in eine jenseitige Glückseligkeit überführt. Nach dem Völkerapostel hat der Eintritt Jesu in die Welt unseren Bruder jedoch einen „Bruch mit der Daseinsweise Gottes“ gekostet, den Anfang seines Lebensweges zum bitteren Ende. Heilsgeschichte und Weltgeschichte stehen nicht zueinander in nahtloser Kommunikation oder in harmonischer Ergänzung. Sie sind nicht deckungsgleich, sondern treten auseinander.

„Wir sind seit neuestem ,weltoffen‘“, ließ Hans Urs von Balthasar den Christen in seiner polemischen Schrift „Cordula“ sagen. „Einzelne von uns haben sich sogar ernsthaft ,zur Welt bekehrt‘“. Das wissen wir alle: Nicht nur das neugeborene Baby hat seine Faszination. Der ganze Kosmos hat von der „Güte“ behalten, die ihm bei seiner Schöpfung bezeugt wurde (Genesis 1). Christen sind keine leibfeindlichen Gnostiker, noch verschleiern sie prüde den menschlichen Körper mit der Burka.

Dennoch sagt uns die Schrift, dass die „Welt“ gefährlich ist. Sie kann uns umgarnen: Die Frucht am Lebensbaum erscheint der Eva „köstlich“, „eine Augenweide“(Genesis 3). Der reiche Mann plant nach der guten Ernte Scheunen der Selbstsicherung; doch er gilt in den Augen des Herrn als „Narr“ (Lukas 12). Die Welt vereinnahmt uns. Es ist höchst naiv, dem irdischen Glanz alle Verführung abzusprechen. Seine Anziehungskraft kann auch von Gott entfremden oder ihn gar vergessen machen – beim einzelnen Glaubenden, in der Gesellschaft und nicht zuletzt in der Kirche.

Materielle Sicherheit führt Kirche zu Verbürgerlichung

Schon der Völkerapostel schreibt an die Römer: „Gleicht euch nicht dieser Welt an“ (Römer 12). Glaubensverwässerung ist also keineswegs ein Phänomen erst unserer Tage. Doch fraglos lockt sie heute besonders stark. „Säkularismus“ umgibt uns. Ich war lange Bischof in meiner deutschen Heimat, habe die soziale Sicherheit, das geordnete Einkommen, die Strukturen und Gesundheitsfürsorge gern angenommen. Doch Verwöhnung hat auch einen Pferdefuß. An ihrer Tür lockt Verbürgerlichung.

Zunehmend erscheinen dann Heilsbotschaft und Gnade verzichtbar. Wir setzen auf unsere irdischen Kräfte – auch in der Kirche. Soll sie jedoch zu einem Gesellschaftsfaktor verkümmern, damit Politiker ihre Autorität nutzen können, um ohne kirchlichen Führungsauftrag zu intervenieren? Dass Laiengremien sich als demokratische Volksvertreter wähnen und die gottgegebene Verantwortung der geweihten Hirten missachten? Dann wäre die Verzahnung mit der Gesellschaft so stark, dass die Kirche im weltlichen Fahrwasser nur mit Mühe ihre Identität bewahren könnte: im Gesundheitssektor (Bioethik), bei der Entwicklungshilfe (Attac), in der Anthropologie (Gender), in der Beteiligung an Printmedien.

Papst Benedikt XVI. mahnte wieder und wieder: bei seiner Reise nach Bayern 2006 oder beim letzten offiziellen Besuch der deutschen Bischöfe in Rom. Während seiner jüngsten Deutschlandreise stellte er sich in Freiburg neu dem Problem. Er nahm es sich heraus, die grassierende Säkularisierung mit einem Gegenbegriff in die Schranken zu weisen, der auf Martin Heidegger und Rudolf Bultmann zurückgeht: „Entweltlichung“ – dass die Offenbarung dem Glaubenden eine Zukunft und ein Heil von Gott zusagt. Der Papst stellte dann „Privilegien und Machtansprüche“ und „Zeugnis, Redlichkeit und Anbetung Gottes“ gegenüber. Mag auch Bultmann ursprünglich noch anderes mit „Entweltlichung“ gemeint haben: Im Kontext des Säkularismus trifft der Begriff ins Schwarze. Er sensibilisiert die Christen und hat theologische Prägnanz. Die Kirchen in Deutschland sollten diesen Appell des obersten Hirten im „Dialog-Prozess“ nicht überhören.

Jedes Neugeborene ist ein „Herzensdieb“. Es erfüllt Eltern und Angehörige mit wonnigem Glück. Gleichzeitig nimmt es uns alle auch in Anspruch. Was erst, wenn nun Gottes Sohn Mensch wird? Welch gigantische Herausforderung! Die Freude unsers Herzens wird dem Maß entsprechen, in dem wir uns Ihm öffnen.

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